Leipzig March for Science
Bildrechte: MDR/Katharina Pritzkow

Wissenschaftsprotest 2018: Ein "Marsch für gute Wissenschaft“

Straßenprotest statt Labor und Hörsaal: Beim "March for Science" demonstrierten im Frühjahr weltweit über eine Million Menschen. Darunter sehr viele Wissenschaftler. Es ging um die Freiheit der Wissenschaft und um den Umgang mit wissenschaftlichen Fakten. Das war eine der großen Debatten 2017 - und sie wird im nächsten Jahr weiter gehen.

Leipzig March for Science
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Dresden, Jena und Leipzig. In den drei Städten beteiligen sich mehr als 4.000 Menschen am March for Science. Weltweit gibt es an jenem 22. April in 500 Städten Demonstrationen. Zu den Unterstützern in Leipzig gehört damals Georg Teutsch, wissenschaftlicher Geschäftsführer am Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung.

Die Wissenschaft geht auf die Straße, weil die Wissenschaft darauf angewiesen ist, dass das, was sie als Fakten erarbeitet, - mit allen Mängeln und Unsicherheiten - als Basis anerkannt wird, auf der man Diskussionen führt.

Georg Teutsch

Die Proteste sind auch ein Ruf nach einer neuen, sachlichen Debatte, in der dann vielleicht diskutiert wird, wie genau die Folgen des Klimawandels aussehen könnten, der Klimawandel aber nicht prinzipiell infrage gestellt wird. Denn den halten praktisch alle Forscher für eine Tatsache. Ganz anders als zum Beispiel US-Präsident Donald Trump, der die wissenschaftlichen Nachweise für den Klimawandel nicht anerkennt. Deswegen hatte die weltweite "March for Science"-Bewegung ihren Ursprung in Washington.

Mehr Demut in der Wissenschaft

Vielen Wissenschaftlern ist klar: Die Proteste vom April können nicht mehr sein als ein erster Schritt. So formuliert es auch Frank Gaunitz, Medizinprofessor an der Leipziger Uniklinik.

Dieser March for Science ist eine gute Möglichkeit, das auf größere Beine zu stellen. Das sollte auch erst mal der Anfang sein. Das ist jetzt eine Geste, eine große Geste, dass sich viele Wissenschaftler Gedanken machen, wie sie selbst mit ihrer Wissenschaft in die Öffentlichkeit kommen.

Frank Gaunitz

Aber wie sollten Wissenschaftler in die Öffentlichkeit gehen? Vor allem mit mehr Demut, findet Hans Wiesmeth, Präsident der Sächsischen Akademie der Wissenschaften. Forscher sollten zum Beispiel nicht nur Ergebnisse veröffentlichen, sondern vor allem ihren Weg dorthin. Außerdem betont Wiesmeth, dass es eben zum Wesen von Wissenschaft gehört, dass sie immer im Fluss ist.

Wir sollten akzeptieren, dass das Wissen, das wir erzeugen auch revidiert werden kann. Dass also später, in naher oder ferner Zukunft, andere Leute zu anderen Ergebnissen kommen können. Weil wir nicht über die absolute Wahrheit verfügen.

Hans Wiesmeth

Den Science March 2017 hält Wiesmeth für einen Erfolg. Vor allem, weil durch ihn deutlich wurde, wie Wissenschaftler in den USA, Ungarn oder der Türkei zurzeit gegängelt werden. Dennoch: Sollte es im nächsten Jahr zur Neuauflage der Demonstrationen kommen, wünscht sich Wiesmeth, dass sich die Wissenschaft auch selbst stärker kritisch hinterfragt. Zum Beispiel den Zwang zu möglichst vielen Veröffentlichungen.

Den Druck, dem sich heutige, jüngere Wissenschaftler gegenübersehen, der ist schon enorm. Den Zwang zu publizieren, nur dann wirst Du angesehen. Wir vergessen dabei, dass gar niemand mehr in der Lage ist, das alles zu lesen, was publiziert wird.

Hans Wiesmeth

Diese Entwicklung sollte dringend gestoppt werden, so Wiesmeth, denn sie läuft “in die falsche Richtung“. Wissenschaft sollte auf diese Fehlentwicklungen hindeuten. Viel deutlicher als das bislang geschehen ist. Sein Vorschlag: Die Veranstaltungen könnten unter dem Motto "March for good Science" stehen. Ein Protestmarsch für gute Wissenschaft.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL | Radio | 31. Dezember 2017 | 10:50 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 31. Dezember 2017, 05:00 Uhr