Leben mit nur vier Sinnen - Gehörlose zu Besuch beim MDR Wie funktioniert Kommunikation ohne gesprochene Sprache?

Am Sonntag ist "Tag der Gehörlosen". LexiTV nimmt das heute zum Anlass, eine ganze Sendung diesem Thema zu widmen. Für jemanden, der hört, ist ein Leben jenseits der Stille nur schwer vorstellbar. Kino, Telefonieren, Fernsehen, Kommunikation mit Hörenden - all das geht nicht ohne Unterstützung. Wo Hörgeräte und Cochlea-Implantate an ihre Grenzen stoßen, können nur Gebärdendolmetscher helfen - oder bei der Mediennutzung eben Untertitel.

Juliane und Ali können nichts hören und deshalb keine Lautsprache erlernen. Nancy kann eingeschränkt hören, sich aber mit Hörenden verständigen. Alle drei sind derzeit beim Berufsbildungswerk Leipzig in der Ausbildung. Die Lehrer dort beherrschen die Gebärdensprache. Aber später, wenn die drei ausgelernt haben und einen Arbeitsplatz suchen, werden sie noch immer Unterstützung brauchen. Jemanden, der den hörenden Kollegen und Vorgesetzten zumindest ein Minimum an Gebärdensprache beibringt. Diese Sprachbarriere macht Juliane, Ali und Nancy auch außerhalb von Schule und Beruf zu schaffen. Immer dann, wenn sie auf die Kommunikation mit Hörenden angewiesen sind oder einfach nur dabei sein wollen.

Auch wenn mich die Polizei mal anhält, bekomme ich Probleme. Ich habe ja nicht immer einen Gebärdendolmetscher dabei und es ist unwahrscheinlich, dass die Beamten die Gebärdensprache beherrschen. Oder wenn man als Notfall ins Krankenhaus eingeliefert wird. Eh da ein Gebärdendolmetscher kommt, vergeht einfach zu viel Zeit.

Shan Ali Syed

Ich würde so gern mal mit meinem Freund ins Kino gehen. Ja, es gibt Apps, über die man sich die Untertitel zum Film aufrufen kann. Aber es ist wahnsinnig anstrengend, auf dem Handy mitzulesen und gleichzeitig den Film anzuschauen. Da tut einem irgendwann auch der Nacken weh.

Nancy Meier

Fernsehen ist in meiner Freizeit fast kein Thema mehr für mich. Ich ärgere mich so, dass es oft keine Untertitel gibt. Oder sie sind so schlecht, dass man sie kaum versteht. Ich habe es eigentlich aufgegeben und mache lieber andere Sachen. Obwohl es im Fernsehen viele Sachen gibt, die ich spannend finde und von denen ich auch etwas lernen möchte.

Juliane Gebauer

Beim Mitteldeutschen Rundfunk gibt es inzwischen ein umfangreich untertiteltes Programmangebot. Auch die Lieblingssendungen von Ali, Nancy und Juliane gibt es sowohl im Fernsehen als auch im Internet barrierefrei: MDR aktuell, In aller Freundschaft und Elefant, Tiger & Co. Wie die Untertitel entstehen und wie wichtig es den Redakteuren ist, dass sie gut lesbar und gut zu verstehen sind, erfahren die drei bei einem Besuch in der Untertitelredaktion des MDR.

In der Untertitelredaktion machen also Menschen, die hören können Programm für Menschen, die nicht oder nur eingeschränkt hören können. Wie das funktionieren kann weiß Georg Schmolz. Er ist leitend für die Barrierefreiheit im Mitteldeutschen Rundfunk verantwortlich.

"Das geht überhaupt nur, wenn man sich mit den Betroffenen austauscht. Wenn wir wissen, welche Bedürfnisse sie haben, können wir darauf auch eingehen. Einmal im Jahr trifft sich die Intendantin des Mitteldeutschen Rundfunks, Prof. Karola Wille, mit den Behindertenverbänden aus Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen. Und die Untertitelredakteure erarbeiten in Workshops gemeinsam mit unseren Nutzern, was einerseits notwendig und andererseits technisch auch umsetzbar ist. Daher kam zum Beispiel die Anregung dafür, dass man beim Empfang über HbbTV die Untertitel individuell anlegen kann. Das heißt, der Nutzer richtet sie sich dort im Bild ein, wo es ihm am angenehmsten ist und auch in einer Schriftgröße, die er gut lesen kann“

Wir wollen Programm für alle machen. Deshalb ist Barrierefreiheit so wichtig.

"Seit 2012 die Zahlung des Rundfunkbeitrags neu geregelt wurde, ist es mehr denn je unsere Pflicht, dass alle an unserem Programm teilhaben können. Denn seitdem zahlen auch Menschen mit Behinderung einen Beitrag. Und denen wollen wir umfassenden Zugang zum Programm ermöglichen. Und zwar nicht mehr nur zu den tagesaktuellen Sendungen und Spielfilmen, sondern auch zu Dokumentationen, Kultur- und Unterhaltungssendungen.“

Inzwischen sind 83 Prozent des Fernsehprogramms untertitelt und so auch in der Mediathek abrufbar. MDR aktuell wird außerdem täglich mit Gebärdenübersetzung ausgestrahlt. 2012 waren es noch ca. 33 Prozent.

"Zuerst haben wir uns auf aktuelle, regionale Sendungen konzentriert und das Spektrum Stück für Stück erweitert. Inzwischen arbeiten an jedem Wochentag 22 Untertitelredakteure in Schichten von 8.00 bis 22.30 Uhr daran, Sendungen live oder vorproduziert zu untertiteln. Live bedeutet hier, dass während die Sendung läuft, die Untertitel quasi simultan verfasst werden. In Sekundenschnelle also. Bei Sendungen, die fertig vorliegen, wie zum Beispiel Spielfilmen, haben wir oft auch ein Manuskript dazu und können die Untertitel mit etwas mehr Zeit anpassen.“

Es gibt noch viele Ideen, wie wir den Menschen mit einer Sinneseinschränkung das Programm ein Stückchen näher bringen können.

"Im nächsten Jahr werden wir zum Beispiel auch den „MDR Garten“ und „Unser Dorf hat Wochenende“ am Sonntagvormittag untertiteln. Daran besteht ein großes Publikumsinteresse. Außerdem werden wir den Einsatz von Gebärdendolmetschern ausbauen. Auch das ist ein Ergebnis aus den Gesprächen mit Betroffenen. Wir haben wirklich schon einiges in den letzten vier Jahren erreicht. und bekommen auch viele positive Rückmeldungen."

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Begriffe aus der Medienwelt in Gebärdensprache Zeig mir mal "Instagram"!

Zeig mir mal "Instagram"!

Die Welt der Medien begeistert Ali, Nancy und Juliane genauso wie Hörende auch. Es gibt sogar für alle ein "Wort" in Gebärdensprache.

Do 22.09.2016 13:35Uhr 00:44 min

https://www.mdr.de/wissen/video-49070.html

Rechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Video

Wer die Gebärdensprache erlernen will, muss sich öffnen können

Heiko Thiem ist Gebärdendolmetscher. Wo er auftaucht, können Hörende und Nicht-Hörende miteinander "sprechen". Er baut Brücken, wo sonst Barrieren sind. Aber wie wird man eigentlich Gebärdendolmetscher?

"Seit 2002 arbeite ich im Berufsbildungswerk Leipzig mit Gehörlosen Jugendlichen zusammen. Das wäre undenkbar, wenn ich mich nicht mit ihnen verständigen könnte."

Die Gebärdensprache ist aufgrund ihres reichen Wortschatz und ihrer Möglichkeiten, komplexe Dinge zu beschreiben, inzwischen als natürliche Sprache anerkannt und gilt im Gegensatz zur Tauchersprache nicht mehr als Zeichensprache. Wie schwer ist es, die Gebärden zu erlernen?

Mit verschränkten Armen wird es schwierig

"Es ist von Vorteil, wenn man ein bisschen sprachbegabt ist, also auch andere Sprachen schnell erlernt. Denn die Gebärdensprache hat ihre eigenen Regeln und ihre eigene Grammatik. Da muss man von der Muttersprache loslassen können. Und man muss sich öffnen können und gern Gestikulieren. Mit verschränkten Armen wird es schwierig."

Gibt es ein Wörterbuch, mit dem man Gebärdenvokabeln lernen kann? Oder einen Duden für Gebärden, in dem man nachschlagen kann?

"Da die Gebärdensprache aus Gestik und Mimik besteht, kommt es hier immer auch auf die Bewegung an, mit der sie ausgeführt wird. Es gibt Versuche, das grafisch z.B. mit Pfeilen abzubilden. Aber das ist wenig hilfreich. Am wichtigsten ist der Kontakt zu Gehörlosen, die rund um die Uhr mit dieser Sprache umgehen. Da lernt man am meisten. Die Welt der Gebärden ist, wie gesprochene Sprachen auch, sehr lebendig. Ständig kommen neue Begriffe hinzu."

Gebärdensprache ist phantasievoll und manchmal auch sehr direkt

Wie werden eigentlich Namen in Gebärdensprache übersetzt?

"Für Namen gibt es keine eigenen Gebärden. Und es mit einzelnen Buchstaben des Gebärdenalphabets zu versuchen, wäre zu umständlich. Deshalb geben äußerliche Merkmale, Beruf oder Hobby den Impuls zur passenden Gebärde. Das kann manchmal recht hart sein. Einem sehr dicken Menschen könnte es zum Beispiel passieren, dass er mit einer Gebärde benannt wird, die seine Leibesfülle nachempfindet. Gebärdensprache ist eben sehr direkt. Das muss sie auch sein, sonst würde sie im Alltag auch gar nicht funktionieren."

Zuletzt aktualisiert: 11. September 2017, 09:56 Uhr