Kabul-Weimar-Kooperation Thüringer digitalisieren afghanisches Musikarchiv

Wer einer Gesellschaft ihre Musik nimmt, raubt ihr einen Teil des kulturellen Gedächtnisses. In Afghanistan wäre das beinahe geglückt. Weimarer Wissenschaftler helfen dabei, den afghanischen Musikschatz zu konservieren.

Wer einer Gesellschaft ihre jahrhundertealte traditionelle Musik nimmt, raubt ihr auch einen Teil des kulturellen Gedächtnisses. In Afghanistan wäre das beinahe geglückt. 1996 verboten die Taliban als selbsternannte "Gotteskrieger" Herstellung, Besitz und Spielen von Musikinstrumenten. Musik gilt ihnen in ihrer Koranauslegung als sündhaft und unislamisch. Sie zerstören Musikarchive und wer Musik macht, wird verfolgt.

Komplett entrissen haben die selbsternannten "Gotteskrieger" der afghanischen Gesellschaft ihre Musik schlussendlich nicht - viele Musiker flohen ins Exil, in die USA oder nach Pakistan. Im "Gepäck": ihr musikalisches Gedächtnis, ihre Instrumente, ihre Fingerfertigkeit auf den traditionellen Instrumenten. Und trotzdem hinterlassen Zerstörung von Musikinstrumenten und Aufnahmen sowie der Exodus von Musikern Spuren in einer Gesellschaft, die Musikwissenschaftler Tiago de Oliveira Pinto so beschreibt:

Das ist ein ganz großer künstlerisch-intellektueller Verlust für Afghanistan gewesen.

Prof. Tiago de Oliveira Pinto, Direktor des Instituts für Musikwissenschaft Weimar-Jena

Doch ganz verschwunden ist die traditionelle afghanische Musik nicht. Einen Anteil daran hat auch das deutsch-afghanische Projekt der Musikhochschule Weimar mit dem Afghanistan Music Research Center. "Transcultural Music Studies" nennt sich der Studiengang, bei dem Studierende vor Ort andere Musikkulturen erforschen, wie eben beim Projekt "Safar" (deutsch: Reise): Das Ensemble besteht aus Musikern des Afghanistan National Institute For Music aus Kabul und deutschen Instrumentalisten, die seit 2012 zusammen Konzerte geben.

Nicht alle Archive wurden zerstört

Und auch vor Ort in Afghanistan ist nicht alles musikalische Erbe verloren gegangen - im Rundfunkarchiv Kabul liegen noch rund 30.000 analoge Aufnahmen. Die ältesten stammen aus den den 1950er-Jahren. Gemeinsam mit afghanischen Kollegen kümmert sich Peter Lell, ebenfalls vom Institut für Musikwissenschaft Weimar-Jena, darum, alle Tonbänder und Kassetten zu digitalisieren. Theoretisch eine gewaltige Quelle, jedoch mit einem großen Haken, wie Lell weiß, der die Aufnahmen digitalisiert. Zwar gibt es Daten auf Papier zu einigen Tonträgern. Doch der wichtigste Faktor im Archiv ist ein Mann, der das Archiv auswendig kennt und Informationen hat über unzählige Aufnahmen, Musikstücke und Musiker.

Aber warum ist der Erhalt alter traditioneller Musik so wichtig? Sie zeigt mehr als welche Melodien Menschen mögen oder welche Instrumente gespielt werden. Sie erzählt auch über die Sprache und Geschichte eines Landes. Traditionelle Musik ist Teil der Kultur. Damit auch jeder in Afghanistan Zugang zu diesen gesellschaftlichen Schätzen im Archiv hat, sind die Informationen zu den Musikstücken auf Dari, Pashtu und Englisch hinterlegt.

Musikinstrumente aus Afghanistan

Musiker spielt orientalisches Musikinstrument
Ustad Amruddin mit einer Laute Bildrechte: Maik Schuck/HfM
Musiker spielt orientalisches Musikinstrument
Ustad Amruddin mit einer Laute Bildrechte: Maik Schuck/HfM
Blick auf eine Bühne fünf Musiker sitzen mit orientalischen Musikinstrumenten auf einem teppich, rechts daneben - ein Flötist, ein Gitarrist und ein Kontrabassist.
Das Safar-Ensemble 2012 in Weimar beim Konzert: Jawed Mehmood, Ustad Ehsan Irfan, Ustad Ghulam Hussain, Ahmad Samim Zafar, Ustad Amruddin, Abdul Latif. Bildrechte: Maik Schuck
Kudsi Ergüner spielt Ney Flöte
Kudsi Ergüner spielt die Ney-Flöte. Bildrechte: Guido Werner/HfM
Safar-Projekt - afghanische Meistermusiker an der HfM Weimar
Jawed Mehmood links spielt die Tabla, Ustad Ehsan Irfan rechts eine Tanbur. Bildrechte: Maik Schuck
Mehrere Musiker, Erwachsene und Kinder, im Vordergrund sitzt ein Mann mit einer Laute.
Ustad Rameen spielt eine traditionelle Laute Bildrechte: Guido Werner/HfM
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Was macht die afghanische Musik aus?

Um die Vielfältigkeit der afghanischen Musik zu verstehen, die geprägt ist geprägt ist von Einflüssen indischer, persischer und pakistanischer Musik, muss man die geographische Lage des Landes im Blick haben.

Karte Afghanistan
Karte Afghanistan Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Das Land war immer durchzogen von den Handelsrouten zwischen dem vorderen und hinteren Orient: Dementsprechend kamen Menschen verschiedenster Nationen durch Afghanistan, Perser, Inder, Mongolen , Chinesen, Araber - und eben auch ihre Instrumente, ihre Musikstile. Heute gilt die Rubab-Laute als "Nationalinstrument" Afghanistans - und als Vorläufer der Geige und Viola.

Zuletzt aktualisiert: 07. November 2019, 17:13 Uhr