Neues Schuljahr Elterntaxi - falsche Starthilfe für den Schultag

Wer seine Kinder jeden Morgen mit dem Auto zur Schule fährt, verursacht mehr als Staus und Unfälle: Die morgendliche Taxitour schadet der geistigen Entwicklung und dem schulischen Erfolg.

von Clemens Haug

Vorschaubild Elterntaxi Lommatzsch 5 min
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MDR JUMP Do 22.08.2019 13:21Uhr 04:43 min

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Pünktlich zum Start des neuen Schuljahres erklingt vor den Schulen der Chor des Jammers: Was für ein Chaos! Autos hupen, Autos bleiben plötzlich stehen oder legen riskante Wendemanöver hin, da noch schnell ein Schwatz mit bekannten Eltern von Autofenster zu Autofenster... Schulleitungen klagen jedes Jahr aufs neue über die Kolonne der Elterntaxis, die täglich die Straßen vor den Schulen verstopfen. Grundschulen sind besonders betroffen, aber auch vor Mittelschulen und Gymnasien lässt sich das Phänomen beobachten, egal ob bei Sonnenschein oder Mistwetter.

Grundschülerin wartet 2007 an einem Zebrastreifen
Selten zu sehen: Kinder, die zur Schule laufen Bildrechte: imago/emil umdorf

Das statistische Landesamt Sachsen hat schon 2008 auf Basis von Mikrozensus-Daten festgestellt, dass der Anteil der Erst- bis Viertklässler, die per Elterntaxi kommen, steigt: Von weniger als zwei Prozent 1991 auf weit über zehn Prozent im Jahr 2008. Untersuchungen in anderen Gegenden Deutschlands zeigen noch dramatischere Ergebnisse. In Hessen kamen 2010 sogar 29 Prozent aller Schüler per Auto.

Mehr Unfälle durch Elterntaxis

Schild auf dem Schulweg
Allein zur Schule gehen - da lernen Kinder auch schon viel Bildrechte: IMAGO

Völlig entgegen dem Glauben vieler Eltern steigt so das Risiko für einen Unfall auf dem Schulweg. In der Broschüre "Das 'Elterntaxi' an Grundschulen" zitiert der ADAC aus einem Bericht des Statistischen Bundesamtes. Das hatte 2014 die Zahlen beim Schulweg verletzter Sechs- bis Neunjähriger ermittelt.

Traurige Spitzenreiter der Zählung mit rund 3.087 Verletzten sind die Autokinder. Unter Fußgängern gab es nur 2.336 Verletzte, unter Radfahrern waren es mit 1.829 noch weniger. Verursacher vieler Unfälle sind dem ADAC zufolge oft die autofahrenden Eltern. Da werden in der morgendlichen Hektik Kinder übersehen oder riskante Park- oder Wendemanöver gehen schief und es kracht.

Elterntaxi wirkt auf die Schulnoten

Die schwedische Psychologin Jessica Westman hat in einer Untersuchung weitere Probleme am Elterntaxi aufgedeckt auf die man so nicht kommen würde. Westmann zeigt, dass die Autofahrten Schulkinder antriebslos machen. Besonders Mädchen zeigten während des gesamten Schultags weniger Motivation und Interesse am Unterricht, wenn sie vom Elterntaxi gebracht wurden. Laufkinder dagegen, die allein oder mit anderen zur Schule gehen, waren laut Studie selbstbewusster und aufmerksamer. Zugespitzt könnte man sagen: Das Elterntaxi steigert die Gefahr schlechter Noten.

Westman verschweigt aber nicht, dass gerade Kinder zwischen sechs und neun Jahren teilweise schwierige Straßensituationen noch nicht richtig einschätzen können. Das wiederum erhöht das Risiko, in einen Unfall zu geraten.

Verkehr aus Kinderperspektive

Schulanfänger übt 2014 den Schulweg mit seinen Eltern.
Schulweg üben - damit das Kind weiß, worauf es auf dem Schulweg achten muss. Bildrechte: imago images / pictureteam

Dem lässt sich aber vorbeugen. Gritt Blümle von der Leipziger Verkehrswacht rät Eltern, den Schulweg mit den Kindern schon vor Schulbeginn ein paar Mal zu üben, und die Kinder nach ein paar Probeläufen testweise selbst entscheiden lassen, wann sie die Straßenseite wechseln. "Natürlich erst, nachdem sie nach links, nach rechts und dann wieder nach links geschaut haben", sagt die Verkehrspädagogin. Erwachsene sollen dabei durchaus auch mal in die Hocke gehen, um zu sehen, was Kinder sehen - und was nicht.

Der Fußbus

Ganz alleine auf den Schulweg schicken würde Blümle die frisch gebackenen Erstklässler nicht. Man solle sein Kind gut beobachten und dann einschätzen, wie viel oder wie lange es Begleitung brauche. "Man kann es ruhig mal alleine losziehen lassen und sich aus dem Hintergrund anschauen: Nimmt es den sicheren Weg zur Schule, schaut es richtig hin, vor dem Überqueren der Straße."

Eine gute Möglichkeit sei auch der sogenannte Fußbus, bei dem sich Kinder treffen und zusammen zur Schule gehen. Dabei passen die Kinder gegenseitig aufeinander auf und sind als Gruppe für andere Verkehrsteilnehmer auch besser zu sehen.

Drei Kinder auf dem Weg zur Schule.
Zusammen ist man weniger allein. Und kann schon mal eine Runde mit den Freunden schwatzen. Bildrechte: Colourbox.de

Dieses Thema im Programm: MDR JUMP am Vormittag | 22. August 2019 | 13:21 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 23. August 2019, 16:48 Uhr