Der Physiker und Astrophysiker Stephen Hawking (r) erhält 1979 die Einstein-Medaille
Stephen Hawking ein Jahr, bevor er nach Jena kam: 1979 wurde er mit der Einstein-Medaille ausgezeichnet. Bildrechte: IMAGO

Einsteinkongress 1980 Als Stephen Hawking Jena besuchte

Der verstorbene britische Astrophysiker Stephen Hawking ist vor allem für seine Theorien zu schwarzen Löchern berühmt geworden. Fast vergessen ist, dass er seine Forschungsergebnisse 1980 auch in Jena vorstellte.

Der Physiker und Astrophysiker Stephen Hawking (r) erhält 1979 die Einstein-Medaille
Stephen Hawking ein Jahr, bevor er nach Jena kam: 1979 wurde er mit der Einstein-Medaille ausgezeichnet. Bildrechte: IMAGO

Eigentlich war es ein Ding der Unmöglichkeit: In den 1970ern träumten die Jenaer Physiker davon, die große Konferenz der Internationalen Gesellschaft für die Allgemeine Relativitätstheorie und Gravitation nach Thüringen zu holen. Diese Gesellschaft versammelte alle Wissenschaftler, die sich mit ihren Forschungen zu Einsteins Relativitätstheorie international Rang und Namen gemacht hatten. Doch da gab es ein Problem: Jena lag damals in der DDR, hinter dem eisernen Vorhang. Konnten auch die Kollegen aus Israel kommen? Die DDR war schließlich mit den Palästinensern verbündet. Was war mit Forschern aus Südafrika, zu dessen Apartheids-Regime die Regierung Honecker keine diplomatischen Beziehungen unterhielt?

Ernst Schmutzer, der wichtigste theoretische Physiker Ostdeutschlands, ließ nicht locker und so wurde der Traum im Juli 1980 Wirklichkeit. Die 9. internationale Konferenz - kurz GR 9 - fand an der Universität Jena statt. Und ein ganz besonderer Gast war auch zugegen: Der Astrophysiker Stephen Hawking, der damals schon durch seine Nervenkrankheit ALS an den Rollstuhl gebunden war.

Jena und seine bedeutende Physik

Die Geschichte zeigt unter anderem, wie bedeutend die physikalische Forschung an der Friedrich-Schiller-Universität damals war. Gernot Neugebauer, emeritierter Professor für Gravitationsphysik durfte mit seinem Kollegen Schmutzer 1971 sogar nach Kopenhagen reisen, zur Gründung der Gesellschaft der Einsteinwissenschaftler. Dort lernten sie auch Hawking, erinnert sich Neugebauer heute. "Roger Penrose schob damals Hawkings Rollstuhl", erzählt er. Penrose gehörte seinerzeit zu den wichtigsten Kollegen Hawkings und forschte mit ihm zu Einsteins Gravitationstheorien.

In Jena hatte Hawking mit seinem Vortrag die Kollegen mächtig beeindruckt, erzählt Neugebauer. Nur einer habe danach eine ellenlange Frage gestellt und wollte wissen, ob ihm die Koryphäe der Astrophysik in einer These zustimme. "Es gab eine längere Pause. Dann antwortete Hawking knapp: 'No'". Allgemeine Heiterkeit. Auch der britische Humor Hawkings ist in Erinnerung geblieben.

Der Sprachsynthesizer

Schon damals sprach der gelähmte Wissenschaftler vor allem mit Hilfe seines Sprachsynthesizers, weil seine eigene Stimme durch die ALS zu stark geschwächt war. In diesem Zusammenhang berichtet die Osthüringische Zeitung, wie die Jenaer ihren berühmten Gast beeindruckten. Denn Hawkings technisch komplexe Sprechhilfe hatte einen Defekt. Den Jenaer Physikern gelang es aber, das Gerät innerhalb eines Tages wieder zu reparieren.

Inhaltlich war der Brite zu dieser Zeit einer derjenigen, der die Physik-Forschung prägte. Sechs Jahre zuvor hatte er seine Theorien darüber vorgestellt, dass schwarze Löcher nicht vollständig schwarz sein könnten, dass sie aus ihrer Umgebung eine schwache Strahlung abgeben müssten, die später nach ihm benannte Hawking-Strahlung. Das Phänomenale an dieser Erkenntnis: Hawking war es mit seinen Gleichungen gelungen, einen Teil der Einstein'schen Theorien mit der Welt der Quantenphysik zu vereinen.

Jena und die Gravitationswellen

Wichtigstes Thema der Jenaer Konferenz war damals allerdings: Wie können die von Einstein vorhergesagten Gravitationswellen praktisch gemessen werden. Die Erforschung dieser Frage hatte zur Entwicklung neuer Längenmessverfahren geführt, die unter anderem in den Geräten vom VEB Carl Zeiss zum Einsatz kamen, berichtete die Aktuelle Kamera anlässlich des Kongresses. Bis zum Nachweis der Gravitationswellen sollte allerdings noch einige Zeit vergehen: Erst 35 später gelang amerikanischen Wissenschaftlern die tatsächliche Messung dieser Wellen. Die Jenaer hatten dabei allerdings zentrale Vorarbeit geleistet. Bei der Vergabe des Nobelpreises für die Entdeckung der Wellen würdigte die Jury ausdrücklich die Forschung der Jenaer Professoren Bernd Brügmann und Gerhard Schäfer.

Wann Hawkings Strahlung gemessen werden kann, steht allerdings noch völlig in den Sternen.

Zuletzt aktualisiert: 16. März 2018, 18:09 Uhr