Was denken andere? Kinder können sich ab vier Jahren in andere hineinversetzen

Ab wann lernen Kinder, sich in andere hineinzuversetzen? Wann können sie die Welt durch die Augen anderer sehen? Eine neue Studie aus Leipzig kommt zum Schluss: Sie entwickeln erst ab vier Jahren diese "Theory of Mind".

Im Video ist eine Cartoon-Maus zu sehen. Eine Katze kommt angerannt, dann beginnt das alte Katz-Maus-Spiel: Die Maus flieht vor der Katze in eine von zwei Boxen. Dann dreht sich die Katze kurz weg. Deshalb sieht sie nicht, dass die Maus rüberhuscht in die andere Box. Die große Frage ist folglich: Wo vermutet die Katze die Maus?

Der Unterschied zwischen Empathie und Theory of Mind

Beziehungsweise für die Forschung: Was denken Kinder, die das Video gesehen haben? Wissen sie, dass die Katze vermutlich keine Ahnung hat? Ja, aber erst ab vier Jahren. Das hat Charlotte Grosse Wiesmann herausgefunden, die am Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften in Leipzig forscht. "Diese Fähigkeit sich zu erschließen, was andere denken, so wie wir Erwachsene das machen, entwickelt sich erst mit vier Jahren. Das ist relativ spät im Kleinkindalter."

Eine junge Frau schaut in die Kamera
r. Charlotte Grosse Wiesmann Bildrechte: MPG CBS

Was ist das genau für eine Fähigkeit? Die Neurowissenschaftler nennen sie Theory of Mind. Mit Empathie hat sie nichts zu tun. Das können Kinder schon deutlich früher, nämlich ungefähr mit zwei Jahren: "Empathie die Fähigkeit nachzufühlen, wie sich jemand anderer fühlt. Wenn man jemanden weinen sieht, dann steckt einen das an und man versteht, dass der andere traurig ist. Bei Theory of Mind ist es aber so, dass man sich wirklich erschließen muss, was der andere denkt, etwa dadurch, was der andere erfahren oder gesehen hat oder was der andere weiß", sagt Wiesmann.

Babys antworten mit ihren Augen richtig

Kinder können dann auch erkennen, dass andere anders denken, als sie selbst. Damit wäre die Geschichte eigentlich erzählt, gäbe es da nicht diesen Knackpunkt: In der Wissenschaft wird seit Jahren diskutiert, ab wann Kinder in der Lage sind, sich in andere hineinzuversetzen. Es gibt Stimmen, die sagen: Schon Babys können das.

Ausganspunkt dafür ist eine Studie, die zeigte: Babys können mit den Augen die Frage richtig beantworten, wo die Katze die Maus vermutet. Wiesmann kennt diese Ergebnisse: "Babys können das bestehen, sie können in ihrem Blickverhalten richtig vorhersagen, wo jemand nach etwas suchen wird oder was jemand erwartet, was irgendwo ist."

Richtige Augenbewegung aber falsche Antwort

Und hier wird es spannend: Die Tests der Neurowissenschaftlerin aus Leipzig zeigen, auch Dreijährige können die Frage richtig mit ihrem Blick beantworten, genau wie Babys. Sie können aber auch sprechen. Fragt man sie dann, wo die Katze die Maus vermutet, antworten sie falsch. Der Blick liegt richtig. Die Antwort ist falsch. Wie ist das bitte zu erklären?

"Wir denken, dass die Dreijährigen eigentlich vorhersagen, wo die Maus wirklich ist und dass sie selbst den Glauben der Katze übernommen haben. Sie verstehen eigentlich nicht wirklich, dass die Katze etwas anderes denkt. Sie haben sich von der Katze anstecken lassen und ihre Perspektive vollständig übernommen", meint Grosse.

Fähigkeit zur Theory of Mind erst mit vier Jahren ausgereift

Was die Kinder machen, ist quasi eine Vorform des "Sich-in-andere-hineinversetzen". Wenn man sie dann aber fragt, holt man sie zurück zu sich. Sie vergessen die Perspektive der Katze und geben an, wo die Maus tatsächlich ist. Das Ergebnis: Sie antworten falsch. Um richtig zu liegen, muss erst ein ganz anderes Hirnareal in ihnen ausreifen. Und das passiert eben erst im Alter von vier, wie die Wissenschaftlerin aus Leipzig jetzt zeigen konnte. Erst dann können Kinder sich richtig in andere hineinversetzen.

Link zur Studie

Die Untersuchung ist unter dem Titel "Two systems for thinking about others’ thoughts in the developing brain" im Fachmagazin PNAS erschienen.

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Ein Elefant in freier Wildbahn – das Bild ist leicht unscharf, im Bereich seines Kopfes ein großer grauer, etwas strahlenförmiger Fleck.
Die hier simulierte Makula-Degeneration ist eine der häufigsten Sehbehinderungen im fortgeschrittenen Alter. Nervenzellen im Bereich des schärfsten Sehens werden Zerstört. (Quelle: absv.de) Bildrechte: imago/Design Pics/MDR (M)