Forschung Vernachlässigte Kinder entwickeln kleinere Gehirne

Kinder brauchen Liebe und Zuneigung. Das ist geradezu überlebenswichtig, genauso wie Essen und Trinken. Werden sie in jungen Jahren vernachlässigt, hat das Folgen bis ins Erwachsenenalter. Das zeigt jetzt eindrucksvoll eine Studie, die Kinder aus rumänischen Kinderheimen begleitet hat. Selbst noch im Erwachsenenalter haben sie kleinere Gehirne und damit verminderte Intelligenz. Es gibt aber auch gute Nachrichten.

von Karolin Dörner

Neugeborenes Baby hält einen Finger fest 3 min
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Kinder brauchen Liebe und Zuneigung genauso wie Essen und Trinken. Werden sie vernachlässigt, hat das Folgen bis ins Erwachsenenalter. Das zeigt eine Studie, die Kinder aus rumänischen Kinderheimen begleitet hat.

MDR AKTUELL Mi 08.01.2020 13:25Uhr 02:45 min

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Kinder, die nackt und verwahrlost in ihren eigenen Exkrementen sitzen. Leere Augen, sie schreien, keiner kommt. Die rumänischen Kinderheime zu Zeiten der Diktatur sind berüchtigt. "Die Kinder wurden dort quasi sich selbst überlassen", schildert Robert Kumsta, Professor für genetische Psychologie an der Ruhr-Universität Bochum, die Zustände im Gespräch mit MDR Wissen.

Unterernährtes Kind im Heim für geistig behinderte Kinder in Cighid, Rumänien
Aufnahme aus einem rumänischen Heim. Bildrechte: imago images / Detlev Konnerth

Es gab viel zu wenig Pfleger für die Kinder, ungefähr ein Pfleger auf 30 Kinder. Es gab kaum Sozialkontakte oder emotionale Zuwendung, keine Art von kognitiver Stimulation, keine Spielsachen. Die Pfleger haben sich einfach nicht mit diesen Kindern beschäftigt.

Robert Kumsta

Als 1989 das Regime fällt, gehen die Bilder der Kinder um die Welt. Viele britische Familien adoptieren daraufhin aus Rumänien. Eine einzigartige Forschung beginnt: Wie entwickeln sich Kinder, die solche Verhältnisse erlebt haben, wenn sie zum Beispiel in liebevolle Familien aufgenommen werden und eine Chance auf ein normales Leben bekommen? Zunächst Mal positiv: die Kinder erholten sich und nahmen die neuen Familien an.

Ein lächelnder Mann an einem Schreibtisch
Robert Kumsta, Leiter des Lehrstuhls für Genetische Psychologie der Ruhr-Universität Bochum Bildrechte: RUB, Marquard

Allerdings hat man auch gesehen: Je später die Kinder adoptiert wurden, je älter sie zum Zeitpunkt der Adoption waren, je länger sie in den Heimen waren, desto höher war die Wahrscheinlichkeit für bleibende psychologische Auffälligkeiten.

Robert Kumsta

Dazu zählen Autismus, auffälliges Sozialverhalten, Aufmerksamkeitsstörungen und schon damals sichtbar verminderte Intelligenz, erzählt Robert Kumsta. Er ist als deutscher Forscher an den Studien beteiligt. Zusammen mit einem britischen Team konnte er jetzt an den mittlerweile erwachsenen Heimkindern zeigen:

Dass die Deprivationserfahrung, also das Aufwachsen in Heimen, dazu führt, dass das Hirnvolumen kleiner ist und dass man das eben auch noch zwanzig Jahre nach der Adoption sieht. Wir sehen auch: Je länger die Kinder in den Heimen waren, desto kleiner war das Hirnvolumen.

Robert Kumsta

Ergo, desto kleiner war die Intelligenz. Die Studie an den Kindern zeigt einmal mehr: Ein Kind kann die Intelligenz-Gene eines Einsteins besitzen, in einer solchen Umgebung wird es die nicht ausschöpfen können. Intelligenz ist immer auch eine Frage des Umfelds.

Familienleben mit heilsamen Folgen

Und jetzt die gute Nachricht: Kamen die Kinder also in liebevolle Familien, konnten sich viele von ihnen fast vollständig erholen. Ungefähr die Hälfte der Kinder, die von sechs Monaten bis zu dreieinhalb Jahren in den Heimen waren, zeigten bleibende Auffälligkeiten, so Kumsta. Das bedeutet andersherum aber auch, dass die Hälfte der Spätadoptierten keine Auffälligkeiten zeigte. Das verblüffte auch den Wissenschaftler:

Außerordentlich erstaunlich, dass Kinder, die dreieinhalb Jahre unter schrecklichen Umständen gelebt haben, sich vollständig erholen können, durch das Aufwachsen in sich sehr gut kümmernden englischen Adoptivfamilien.

Robert Kumsta

Bei Kindern, die in ihrem ersten halben Lebensjahr adoptiert wurden, sieht es noch deutlich besser aus: Fast alle Kinder konnten sich vollständig erholen. Die Ergebnisse lassen sich auch übertragen, meint Psychologe Robert Kumsta. Es gibt immer noch Millionen von Kindern, die in Heimen aufwachsen und somit auch für sie Hoffnung. Kumsta schätzt, dass ungefähr 20 Prozent der Kinder weltweit Misshandlungen oder Vernachlässigungen ausgesetzt sind, wenn auch nicht so extrem wie in den Heimen von Ceaușescu. Die Folgen könnten trotzdem drastisch sein, sagt Kumsta. Eine liebevolle Pflegefamilie wirkt dann immer heilend, selbst bei denjenigen, die sich nie ganz erholen.

Vater spaziert mit seinem Kind auf den Schultern
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Für die Studie wurden die Kinder aus den rumänischen Kinderheimen mit ganz normalen britischen Adoptivkindern verglichen. Hier kann man sie nachlesen.

Zuletzt aktualisiert: 08. Januar 2020, 16:58 Uhr

2 Kommentare

MDR-Team vor 7 Wochen

Hallo Chemnitzer,
wahre Worte, die Sie anführen. Es ist toll, dass es so engagierte Menschen wie Sie gibt.
Freundliche Grüße aus der MDR-Wissen-Redaktion

Chemnitzer vor 7 Wochen

Darum ist die Familie eines unserer höchsten Güter, denn nur intakte Fam ilien können auch ein Pflege- oder Adoptivkind aufnehmen. Bei den vielfältigen Problemen könnte n sie sogar zerbrechen, z.B. wenn Schwererziehbarkeit vorliegt. Ich spreche aus Erfahrung und bin froh, dass es bei unserem Pflegekind gelungen ist. Dafür muss man aber einen langen Atem haben. Auch ich habe deutlich gemerkt und gesehen,dass das Kind seine Entwicklungsverzögerung aufgeholt hat, körperlich und seelisch voran kam. Zuwendung und ordentliche Strukturen in der Familie waren das Wichtigste.







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