Maskierter militanter Palästinenser der Abu al-Reesh Gruppe während einer antiisraelischen Demonstration der Al-Fatah in Khan Yunis - Gazastreifen.
Bildrechte: IMAGO

#Gesellschaft extrem Was macht einen Menschen zum Extremisten?

Warum nehmen Menschen politisch extremistische Positionen ein, warum entfernen sie sich von der Gesellschaft und gehen im extremsten Fall sogar in den Untergrund? Die psychologische Forschung hat einige Erklärungen.

von Clemens Haug

Maskierter militanter Palästinenser der Abu al-Reesh Gruppe während einer antiisraelischen Demonstration der Al-Fatah in Khan Yunis - Gazastreifen.
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Sind Ulrike Meinhof und Andreas Baader Terroristen geworden, weil sie psychisch krank waren? Diese Frage beschäftigt Forscher und Journalisten noch Jahre nach dem Ende der Roten Armee Fraktion (RAF), deren Anschläge Westdeutschland vor allem in den 1970ern und 80ern erschütterten. Wiesen die Linksextremisten der RAF bestimmte Charakterzüge, bestimmte Pathologien auf? Um das zu klären, wurden viele Studien angestellt. Gerichtsmediziner entnahmen nach dem Tod Meinhofs deren Gehirn, um Erkenntnisse zu gewinnen.

Bislang deuten allerdings alle Forschungsergebnisse darauf hin, dass es keiner krankhaften Persönlichkeit bedarf, um Extremist zu werden. Es reichen seelisch sensible Punkte, oder "psychologische Vulnerabilitäten", so der wissenschaftliche Fachbegriff, die einer radikalen Weltsicht Vorschub leisten. In der Regel sind es dann das soziale Umfeld und der Wunsch nach Zugehörigkeit zu einer Gruppe, die den Einstieg in eine extremistische Szene erklären.

Drogenmissbrauch und Vorstrafen

Hinweise auf wunde Punkte finden sich beispielsweise in den Biografien von Auslandskämpfern des IS. Studien zufolge waren mehr als 60 Prozent der Kämpfer vor Beginn ihrer Radikalisierung vorbestraft wegen Eigentums- und Gewaltdelikten, bei 35 Prozent spielten Drogen eine Rolle. Ähnlich war das bei Anis Amri, der im Dezember 2016 einen Lkw in einen Berliner Weihnachtsmarkt lenkte und dabei wahllos elf Menschen tötete. Er hatte sich zuvor in diversen extremistischen Gruppen bewegt und sein Geld mit Drogenhandel verdient.

Auch bei rechtsextremen Gewalttätern und Terroristen spielten oftmals Drogen und Alkohol eine große Rolle, ebenso häufig sind Vorstrafen.

Gewaltbereitschaft und Drogenmissbrauch, oft auch Impulsivität, zeigen ein Verhalten, das immer auf der Suche nach Sensationen ist. Solche Menschen mit sogenannten dissozialen Persönlichkeitsstilen spüren einen Drang nach ständig neuem Erleben und Aufregung. Das kann ein Antrieb sein, sich auf ein Leben im Untergrund einzulassen. Ein anderer sind Unsicherheitsgefühle über die eigene Rolle in der Welt oder die langjährige Erfahrung von Ungerechtigkeit gegenüber der eigenen Person oder sozialen Schicht. Gruppen, vor allem solche, die klar und autoritär strukturiert sind, können verunsicherten Menschen Halt bieten.

Anerkennung der Gruppe

Das Gefühl dazuzugehören kann für Menschen Probleme lösen, etwa Sinn stiften, Gemeinschaft herstellen oder Anerkennung spenden. Wer als Kind Gewalt und Missbrauch erlebt hat oder vernachlässigt wurde, kann während der Pubertät empfänglich sein für das Angebot an Rückzugsräumen und Schutz, das extremistische Gruppen bieten, wenn alle anderen Instanzen wie die Familie oder soziale Einrichtungen versagen.

Will die Gesellschaft auf der individuellen Ebene der Radikalisierung von Menschen vorbeugen, dann muss sie auf die einzelne Biografie eingehen, sagen Forscher und Pädaogen. Das Selbstwertgefühl von Kindern sollte möglichst früh im Leben gestärkt werden. Je eher Empathie mit anderen Menschen und die Übernahme ihrer Perspektiven trainiert werden, desto sicherer sind diese Menschen später als Jugendliche davor, selbst Extremisten zu werden.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 01. März 2018 | 05:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 20. September 2018, 17:08 Uhr