Wissenschaftlerin Natalie Uomini blickt auf einige Feuersteinklingen.
Das Ur-Werkzeug: Unsere Vorfahren benutzten bereits vor etwa 2,5 Millionen Jahren Feuersteinklingen. Bildrechte: MDR/Max Heeke

Homo Sapiens Beim Werkzeugmachen haben wir Sprechen gelernt

Der Mensch ist das sprechende Tier. Dank unserer Sprache eignen wir uns die Welt an, können über Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft sprechen und mit unseren Mitmenschen kommunizieren. Doch wie die menschliche Sprache entstanden ist, ist bis heute ungeklärt. Hinweise führen zu alten Steinen.

von Max Heeke

Wissenschaftlerin Natalie Uomini blickt auf einige Feuersteinklingen.
Das Ur-Werkzeug: Unsere Vorfahren benutzten bereits vor etwa 2,5 Millionen Jahren Feuersteinklingen. Bildrechte: MDR/Max Heeke
Wissenschaftlerin schlägt Feuersteine zu
Die Anthropologin Natalie Uomini schlägt Feuersteine zu Klingen zurecht. Bildrechte: MDR/Max Heeke

Der Mensch hat keine scharfen Reißzähne, keine langen Krallen und keine spitzen Schnäbel. Er hat seine Jagdwaffen nach außen verlagert: Er baut Werkzeuge. Die längste Zeit der Menschheitsgeschichte bestanden seine Werkzeuge aus Steinen. Vor etwa zweieinhalb Millionen Jahren begann die so genannte Oldowan-Kultur. In dieser Zeit stellten unsere Vorfahren – sie konnten bereits aufrecht gehen – einfache Geröllgeräte und simple Feuersteinklingen her. Diese frühe Technologie könnte wahrscheinlich unsere kognitiven und sprachlichen Fähigkeiten beeinflusst haben. Eine Hypothese, von der viele Anthropologen überzeugt sind. Natalie Uomini vom Max-Planck-Institut für Menschheitsgeschichte in Jena ließ eine groß angelegte Studie durchführen: 184 Studienteilnehmer sollten in fünf verschiedenen Gruppen Oldowan-Werkzeuge herstellen.

Die Reifeprüfung

Wissenschaftlerin hält Feuersteinklinge
Scharf genug, um ein Wildtier zu häuten. Eine Klinge aus britischem Feuerstein. Sie herzustellen, erfordert allerdings einiges an Geschick. Bildrechte: MDR/Max Heeke

Die erste Gruppe sollte die Steinwerkzeuge ohne Hilfe bauen, einzig fertige Klingen dienten den Probanden als Vorbild. In der zweiten Gruppe sollten die Teilnehmer einen anderen Handwerker beim Herstellen der Werkzeuge beobachten und sein Verhalten imitieren. In Gruppe drei und vier unterrichtete ein erfahrener Handwerker mit grundlegenden Gesten das Herstellen der Steingeräte. Einzig in der fünften Gruppe bekamen die Probanden sprachlich erklärt, wie sie die Steine zurecht zu hauen hatten.

Am Ende standen über 6.000 schlechte und gute Feuersteinklingen und die Erkenntnis, dass es ein langer Weg zum fähigen Steinzeitschmied ist.

Diejenigen, die sprachlich unterrichtet wurden, machten mit Abstand die besten Feuersteinklingen. Unterricht und Sprache waren für unsere Vorfahren wahrscheinlich sehr wichtig. Einerseits, um ihre Fähigkeiten weiterzugeben und andererseits, um zu erlernen, wie man die Steinwerkzeuge herstellt.

Natalie Uomini - Anthropologin am Max-Planck-Institut für Menschheitsgeschichte
Natalie Uomini forscht als Anthropologin
Natalie Uomini forscht zur Beziehung zwischen Werkzeugen und Sprache. Bildrechte: MDR/Max Heeke

Die Ergebnisse stützen die Theorie, dass die Arbeit am Stein die kognitive und sprachliche Entwicklung beim Menschen begünstigt hat. Den eher simplen Oldowan-Geräten folgten vor etwa 1,7 Millionen Jahren komplexe Steinklingen und Faustkeile, die so genannten Acheuléen-Werkzeuge. Spuren dieser Instrumente datieren bis auf 100.000 Jahren zurück. Heutige Experten in der Herstellung von Acheuléen-Werkzeugen brauchen Jahrzehnte, um ihr Handwerk wirklich zu verstehen. Es sei unwahrscheinlich, dass sie ohne Unterricht, Kommunikation und eine frühe Form der Sprache hergestellt wurden, glaubt Natalie Uomini. Viele Anthropologen gehen von einer Koevolution von Werkzeugen und Sprache aus.

Wie die frühe Sprache aussah und geklungen hat, ist weitestegehend unklar. Natalie Uomini vermutet, dass es eine Art Protosprache gegeben haben könnte, die aus einzelnen Signalwörtern und Gesten bestand. Viel seriöse Forschung gebe es dazu allerdings nicht, sagt Russell Gray, einer der Direktoren des Max-Planck-Instituts für Menschheitsgeschichte. Es sei schwierig Rückschlüsse auf die Ursprache zu ziehen, weil sich Sprachen sehr schnell veränderten.

Lizenz zum Sprechen

Russell Gray leitet die Abteilung für Sprachevolution am Max-Planck-Institut für Menschheitsgeschichte
Russell Gray beschäftigt sich seit Jahrzehnten mit der Evolution der Sprache. Bildrechte: MDR/Max Heeke

Wer Werkzeuge herstellen kann, hat handwerkliche Regeln verinnerlicht und kann sie anwenden. Bereits die frühen Steinwerkzeuge zeugen von einem Verständnis für Regeln. Um etwa einen Acheuléen-Faustkeil herzustellen, muss man bestimmte Schläge auf den Stein mehrfach wiederholen. Man muss verschiedene Techniken beherrschen und nacheinander, also hierarchisch geordnet anwenden.

Ist man dazu in der Lage, ist die Sprache nicht mehr fern, ist der Linguist Russell Gray überzeugt. In Jena leitet er die Abteilung für Kultur- und Sprachevolution.

Der Ursprung des Satzbaus, eines Hauptmerkmals der Sprache, könnte nicht vom Sprechen sondern vom Herstellen von Werkzeugen kommen. Denn beim Werkzeugbau muss man seine Handlungen ordnen. Man hat Teilziele, die Hauptzielen untergeordnet sind. Über Millionen von Jahren haben diese komplexen Handlungen unser Gehirn neu verschaltet. Diese neuen Netzwerke wurden möglicherweise nicht nur für Werkzeuge benutzt, sondern auch für komplizierte Äußerungen.

Russell Gray, Direktor des Max-Planck-Instituts

Heute existieren weltweit etwa 7.000 verschiedene Sprachen, untergliedert in einigen übergeordneten Sprachfamilien. Die deutsche Sprache etwa gehört der indo-europäischen Sprachfamilie an, zu der auch Persisch, Hindi und Russisch zählen. Sprache ist ein soziales Werkzeug. Ein Werkzeug, ohne dass der Mensch wohl nicht da wäre, wo er heute ist.

Gäbe es keine Sprache, gäbe es keine Gesellschaft. Wir wären nicht in der Lage, Pläne zu schmieden, große Gruppen zu organisieren, komplexe Technologien zu entwickeln oder unser Wissen weiterzugeben. Ohne Sprache würden wir immer noch ein paar Steine aufeinander hauen.

Russell Gray, Linguist

Die Vögel

Sprache ist dem Menschen vorbehalten, soweit ist sich die Forschung einig. Lange dachte man, auch das Herstellen von Werkzeugen sei eine rein menschliche Tätigkeit. Bis man entdeckte, dass auch Schimpansen Werkzeuge benutzen. Und irgendwann beobachteten Wissenschaftler sogar Krähen beim Herstellen von Werkzeugen. Für diese Krähen interessieren sich auch Natalie Uomini und Russell Gray.

Ein Vogel wollte Werkzeuge machen Die Neukaledonische Krähe ist in der Lage Werkzeuge in mehreren Arbeitsschritten zu bauen. In diesem Fall schneidet sie mit ihrem Schnabel einen Ast ab, entfernt dann die Blätter, spitzt den Ast zu und nutzt ihn als eine Art Messer mit Widerhaken, um Beute aus dem schwer zugänglichen Astloch zu fischen.
Quelle: Natalie Uomini / MPI

Die Neukaledonische Krähe lebt auf einer Inselgruppe im Südpazifik und baut ausgefeilte Werkzeuge. Sie bestreitet einen wesentlichen Teil ihrer Nahrungssuche mit diesen Jagdwerkzeugen - eine Seltenheit in der Tierwelt. Außerdem gibt sie ihr Wissen an ihre Nachkommen weiter. Es bestehe eine Tradition der Werkzeugherstellung in ihrer Geschichte, sagt Natalie Uomini. Warum interessieren sich Anthropologen für diese Tiere?

Wir wollen wissen, warum Menschen angefangen haben, Werkzeuge herzustellen. Und wenn wir andere Tiere untersuchen, die nicht mit uns verwandt sind, können wir herausfinden, welche evulutionären Faktoren sie dazu gebracht haben, Werkzeuge herzustellen. Und so können wir die beiden Spezies miteinander vergleichen und Ähnlichkeiten und Unterschiede entdecken.

Natalie Uomini, Anthropologin

Welcher Selektionsdruck hat Krähen und Menschen dazu gebracht, Werkzeuge herzustellen? Die Neukaledonischen Krähen haben einen Vorteil gegenüber anderen Vögeln, die keine Werkzeuge benutzen. Auf der Jagd nach Würmern und anderen Insekten in den Wäldern Neukaledoniens sind diejenigen Individuen fitter, die Werkzeuge verwenden. Analog dazu könnten auch beim Menschen und seinen Ahnen die Steinwerkzeuge einen selektiven Vorteil gegenüber anderen Lebewesen gebracht haben. Es war möglicherweise der Stein, der uns erst zum modernen Menschen gemacht hat.


Oldowan Oldowan: So heißt die erste Technikkultur unserer Vorfahren. Die Oldowan-Kultur herrschte von etwa 2,6 Millionen bis 1,5 Millionen Jahre vor der heutigen Zeit. Oldowan-Werkzeuge sind in der Regel einfach behauene Steine. Benutzt wurden sie wahrscheinlich hauptsächlich, um Fleisch vom Knochen toter Tiere zu trennen. Ihren Namen hat diese archäologische Kultur von ihrem Fundort: der Olduvai-Schlucht im ostafrikanischen Tansania.

Acheuléen Nachfolger der Oldowan-Kultur. Die Acheuléen-Kultur herrschte von 1,7 Millionen bis etwa 100.000 Jahre vor der heutigen Zeit. Diese Steinwerkzeuge und Faustkeile wurden wahrscheinlich bereits für die Jagd auf Wildtiere benutzt. Besonders die späten Werkzeuge der Acheuléen-Kultur zeichnen sich durch hohe Symmetrie und Kunstfertigkeit aus. Namensgebend ist die Stadt Saint-Acheul, ein Vorort von Amiens in Frankreich.

Über dieses Thema berichtet MDR auch im Fernsehen: LexiTV | 08.11.2017 | 15:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 07. November 2017, 19:00 Uhr