Blick hinter die Kulissen der Leopoldina Nationale Akademie der Wissenschaften feiert Zehnjähriges

Zehn Jahre Nationale Akademie der Wissenschaften feiert die Leopoldina in Halle dieses Jahr. Zehn Jahre als wissenschaftliche Instanz, die Politiker berät und Deutschland international vertritt. Aber was hat es mit der "Grauen Wissenschaftseminenz" in Halle auf sich?

Leopoldina - Nationale Akademie der Wissenschaften
Das Leopoldina-Gebäude in Halle/Saale Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Von der Zahl zehn darf man sich nicht verwirren lassen. 366 Jahre alt ist die Deutsche Akademie der Naturforscher Leopoldina – seit 10 Jahren ist sie jetzt aber DIE Akademie, die länderübergreifend ganz Deutschland nach innen und außen vertritt – die Nationale Akademie der Wissenschaften.

Kernaufgabe Politikberatung

Eine ihrer großen Aufgaben ist die Politikberatung. Es ist aber nicht so, dass etwa regelmäßig ein Minister anruft und eine Stellungnahme der Experten bestellt, erklärt Akademie-Präsident Jörg Hacker. Meist schlage eines der mehr als 1.500 ehrenamtlichen Mitglieder aus der Wissenschaft ein Thema vor. Eins davon war in der Vergangenheit die Präimplantationsdiagnostik, so Hacker. Denn lange Zeit habe es keine Regelungen für Befruchtungen im Reagenzglas gegeben, obwohl auch genetische Defekte an solchen befruchteten Eizellen nachgewiesen werden können.

Professor Jörg Hacker, Präsident der Leopoldina
Leopoldina-Präsident Prof. Jörg Hacker Bildrechte: MDR/Karsten Möbius

Nach einer gewissen Zeit der Diskussion hat der Bundestag das Thema dann auf die Tagesordnung gesetzt. Was wir seitdem haben, ist insgesamt sehr stark an die Stellungnahme der Leopoldina angelehnt.

Professor Jörg Hacker, Leopoldina-Präsident

Mediziner, Biologen, Physiker, aber auch Kulturwissenschaftler, Geologen und Psychologen sind in der Leopoldina versammelt – Wissenschaftler aus mehr als 20 Fachrichtungen. Sie können aber nur Themen und Lösungsansätze vorschlagen. Entscheiden muss dann die Politik, sagt Hacker: "Politik und Wissenschaft haben ihre eigenen Gesetze und auch so ihre eigenen Mechanismen, wie sie funktionieren." Und dann gebe es da noch einen Bereich, der sozusagen überlappe und in dem die Leopoldina agiere, wenn sie sich mit der Politik unterhalte und Anregungen gebe. Es komme aber auch durchaus vor, dass sich Politiker direkt an die Leopoldina wenden:

Nach Fukushima beispielsweise wurden wir gebeten, eine Stellungnahme aufzulegen. Wir sind auch sehr aktiv im Prozess von G20 und G7. Das ist internationale Politikberatung.

Professor Jörg Hacker, Leopoldina-Präsident

 Kein Selbstläufer

Vielfältig sind die Themen, derer sich die Mitglieder der Leopoldina annehmen.

Doch wer jetzt denkt, dass die Wissenschaftler im Elfenbeinturm sitzen und im Hintergrund wie eine "Graue Eminenz" wichtige Entscheidungen lenken, den belehrt Hacker eines Besseren. Es gab auch Fälle, in denen der Empfehlung der Wissenschaftler nicht gefolgt worden ist, sagt er: "Wir haben uns seit Jahren mit den ethischen Fragen der Gentechnik auseinandergesetzt. Wir sind der Meinung, dass dieser ganze Bereich in Deutschland liberalisiert werden sollte und haben das auch mehrfach in Stellungnahmen dargestellt."

Und da haben wir jetzt vor einigen Wochen ein Urteil des Europäischen Gerichtshofs zur Kenntnis nehmen müssen, wo gerade den Empfehlungen der Wissenschaft nicht gefolgt wurde.

Professor Jörg Hacker, Leopoldina-Präsident

Momentan beschäftigen sich die Forscher an der Leopoldina unter anderem mit dem Thema Digitalisierung und arbeiten an einer Stellungnahme, wie die Politik das Gebiet der Fortpflanzungsmedizin neu regeln könnte. Solche wichtigen Themen von gesamtgesellschaftlicher Bedeutung werden den Wissenschaftlern wohl nicht so schnell ausgehen. Aber erst wird gefeiert: Mit ihrer Jahresversammlung begeht die Leopoldina ihr zehnjähriges Jubiläum.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL | 20. September 2018 | 11:51 Uhr