Luftaufnahme des Inlandeises auf Grönland mit Gegenlicht der tiefstehenden Sonne hinter Wolken
Im Eis, wie hier in Grönland, finden sich Spuren von Blei als Zeugen wirtschaftlichen Treibens in der Vergangenheit. Bildrechte: imageBROKER/GabrielxGersch

Zeitreise Bergbau im Erzgebirge steckt noch im Arktis-Eis

Ob vor 1.500 Jahren oder heute: Wo gehobelt wird, fallen Späne – und wo gewirtschaftet wird, landet Blei in der Luft. Im ewigen Eis der Arktis wird es konserviert und ermöglicht Zeitreisen, die auch sogar den Beginn des Bergbaus im Harz und im Erzgebirge zeigen. Aber auch, welchen Einfluss Kriege und Katastrophen auf wirtschaftliche Aktivitäten hatten.

Luftaufnahme des Inlandeises auf Grönland mit Gegenlicht der tiefstehenden Sonne hinter Wolken
Im Eis, wie hier in Grönland, finden sich Spuren von Blei als Zeugen wirtschaftlichen Treibens in der Vergangenheit. Bildrechte: imageBROKER/GabrielxGersch

Zumindest kann man jetzt behaupten, dass Klimasünder nicht nur etwas gegen eine saubere Umwelt, sondern auch gegen Zeitmaschinen haben: Denn wenn das alte Eis in der Arktis weiterhin zurückgeht, verlieren wir eine ziemlich coole Möglichkeit, Menschheitsgeschichte hautnah zu erleben – zumindest die der westlichen Welt.

Verschmutzung als Indikator

Die Zeitmaschine läuft mit Blei – ausgerechnet ein Stoff, der die Luft verschmutzt. Aber genau diese Verschmutzung ist ein Indikator für die wirtschaftlichen Aktivitäten der Menschen in Europa und später Nordamerika. Blei kommt in der Natur nur in sehr geringen Mengen vor. Wenn erhöhte Bleiwerte festgestellt werden, ist davon auszugehen, dass sie menschgemacht sind. Durch Winde haben sich über die letzten 1.500 Jahre auch Bleirückstände in arktischem Eis niedergelassen, die jetzt noch gemessen werden können.

Anhand dieser Rückstände lässt sich zeigen, welche wirtschaftlichen Auswirkungen etwa die Pest-Pandemie im Mittelalter hatte. Das liegt daran, dass dort, wo Wirtschaft und Industrie war, immer auch Blei seinen Weg in die Atmosphäre gefunden hat. Angefangen von der Herstellung von Münzen im antiken Rom bis zum Verbrennen fossiler Brennstoffe heutzutage.

Blei zeigt neue Bergbaugebiete

"Ein fortwährender Anstieg der Verschmutzung durch Blei im Früh- und Hochmittelalter zeigt einen breites wirtschaftliches Wachstum – besonders in Mitteleuropa, wo neue Bergbaugebiete wie der Harz oder das Erzgebirge erschlossen wurden", erklärt Joe McConnel vom Desert Research Institut DRI in Reno, Nevada, USA. Er ist Leiter der Studie, an der noch weitere Institutionen wie z.B. das deutsche Alfred-Wegener-Institut beteiligt sind. Die Studie baut auf Erkenntnissen aus dem Jahr 2018 auf. Damals wurde ein Eisblock aus Grönlandeis entnommen. In der jetzt vorgelegten Folgestudie haben die Wissenschaftler 13 Eisblöcke aus Grönland und der russischen Arktis untersucht und damit eine viel umfangreichere Datengrundlage erhalten.

Zwei Wissenschaftler mit warmen Jacken begutachten in einem Labor einen langen Stab aus Eis.
JoeMcConnell und Nathan Chellmann mit einem Eiskern im Labor. Bildrechte: DRI

Die zeigt auch, dass im späten Mittelalter und der frühen Neuzeit die Pest die Bergbaugebiete zu Grunde gerichtet hat und die Wirtschaft ins Stocken geraten ließ. "Was wir herausfinden, ist nicht nur für Umweltforscher interessant, die verstehen wollen, wie Menschen die Umwelt verändern", betont Co-Autor Andrew Wilson von der Universität Oxford. "Die Aufzeichnungen im Eis helfen auch Historikern zu verstehen, wie Gesellschaften und ihre wirtschaftlichen Aktivitäten äußere Einflüsse wie klimatische Störungen, Seuchen oder politische Unruhen widerspiegeln."

Immer noch hohe Bleiwerte

Wenig überraschen dürfte der Anstieg der Bleiverschmutzung: Zwischen dem frühen Mittelalter und den 1970er-Jahren ist sie um das 250- bis 300-fache gestiegen. Seitdem ist das Blei in der Luft zwar durch politische Maßnahmen deutlich zurückgegangen – die Werte sind aber immer noch sechzig mal so hoch wie um das Jahr 500. Und auch wenn verbleites Benzin seit der Jahrtausendwende verboten ist: Derzeit sieht es wohl so aus, als würde ohnehin nicht viel Eis übrig bleiben.

Zuletzt aktualisiert: 10. Juli 2019, 09:58 Uhr