Corona-Sterberisiko Covid-19: Zu niedriger Blutdruck zeigt das Risiko schwerer Nierenschäden

Menschen mit Herzkreislauferkrankungen haben ein großes Risiko, an Corona zu sterben. Eine neue Studie zeigt: Vor allem Nierenschäden steigern das Todesrisiko beträchtlich. Sie hängen mit zu niedrigem Blutdruck zusammen.

29.05.2020 , Erfurt, Blutspende  im Bild: vor der Spende wird der Blutdruck gemessen
Zu niedriger Blutdruck könnte in Zusammenhang mit Corona ein deutlicher Hinweis auf Nierenschäden sein, legt eine neue Studie nahe. (Symbolfoto) Bildrechte: imago images/Karina Hessland

Bereits kurz nach Ausbruch der Corona-Pandemie konnten Ärzte sehen, dass Erkrankungen am Herzkreislaufsystem zu den zentralen Risikofaktoren gehören, an Covid-19 zu sterben. Klar war deshalb: Patienten, die blutdruckregulierende Medikamente nehmen, müssen besonders auf sich aufpassen. Neue Forschungsergebnisse zeigen, Ärzte können das Sterberisiko von Patienten mit Hypotension (zu niedrigem Blutdruck) und Corona senken, wenn diese Medikamente reduziert oder abgesetzt werden.

Niedriger Blutdruck deutet auf Nierenschäden hin

Ein Team um den Mailänder Mediziner Paulo Manunta hat bei einer Konferenz der amerikanischen Herzmedizinischen Vereinigung eine neue Studie vorgestellt. Demnach können Menschen mit Hypotonie bei Covid-19 schwere Nierenschäden abwenden, wenn sie Blutdruckmedikamente absetzen. Nierenschäden zählen zu den häufigsten Ursachen von schweren bis tödlichen Krankheitsverläufen bei Corona.

Grundlage dieser These sind die Daten von 392 Covid-19 Patienten, die zwischen dem 2. März und dem 25. April in einer italienischen Klinik behandelt worden waren. 60 Prozent der Patienten mit Nierenschäden litten entweder akut an Hypotension oder hatten in der Vergangenheit bereits Probleme damit gehabt. Damit war ihr Risiko für diese Organschäden fünffach gegenüber den anderen Patienten erhöht. Im Fall besonders niedrigen Blutdrucks (95/50 Hg) war das Risiko sogar neunfach höher. An Covid-19 zu sterben war doppelt so wahrscheinlich, wenn ein Patient mit einer Hypotension in die Notaufnahme kam, unabhängig vom Alter, der Schwere der Infektion oder anderen Vorerkrankungen.

Unsere Studie deutet darauf hin, dass niedriger Blutdruck bei einer Person mit einer Vorgeschichte von Bluthochdruck ein wichtiges und unabhängiges Signal dafür ist, dass jemand mit Covid-19 eine akute Nierenverletzung entwickelt oder hat. Menschen mit hohem Blutdruck sollten diesen zu Hause sorgfältig überwachen. Ihre Nierenfunktion sollte bei der Diagnose Covid-19 gemessen werden. Wenn sie oder ihre Ärzte feststellen, dass die Blutdruckwerte in den hypotensiven Bereich absinken, können ihre Ärzte in Erwägung ziehen, ihre Blutdruckmedikamente zu reduzieren oder abzusetzen, um Nierenschäden und möglicherweise sogar den Tod zu verhindern.

Paulo Manunta, Università Vita Salute San Raffaele, Mailand

Problem bereits von anderen Krankheitsbilder bekannt

Für den Nephrologen Matthias Girndt vom Universitätsklinikum Halle kommen die neuen Ergebnisse nicht ganz überraschend. "Wir kennen das Problem mit Blutdruck und Niere bereits von anderen Krankheitsbildern, etwa von der Sepsis", sagt er auf Anfrage von MDR-Wissen. Um gut zu funktionieren, bräuchten die Nieren einen bestimmten Blutdruck.

Die Organe seien zwar flexibel und kämen auch mit Abweichungen zurecht. Aber Patienten viele Jahre lang unter zu hohem Blutdruck, würden die Nieren unflexibler. Komme es dann zu fallendem Blutdruck, entstünden schnell Schäden am Organ. Das sei offenbar auch bei Corona der Fall.

ACE-i und ARB könnten Sterberisiko steigern

Eine weitere Studie zeigt: Patienten, die gegen Blutdruckprobleme ACE-i oder ARB Medikamente nehmen, starben in jedem dritten Fall, wenn sie mit Corona in die Klinik kamen. Dagegen starben nur 13 Prozent derjenigen, die nicht ACE-i oder ARB nahmen.

Matthias Girndt warnt hier allerdings deutlich vor eigenmächtigem Absetzen von Blutdruckmedikamenten. "Nur wenn jemand an Corona erkrankt ist, kann es sinnvoll sein, nach Rücksprache mit dem behandelnden Arzt die Blutdruckmedikamente abzusetzen. Blutdruckmedikamente erhöhen aber nicht das Risiko an Corona zu erkranken", sagt er. Das Gegenteil sei richtig: Die Risiken, durch spontanes Absetzen der Medikamente schwere Herz-Kreislauf-Schäden zu erleiden, sei viel höher als das an Corona zu erkranken.

Hinweis: Das sind Forschungsergebnisse mit kleinen Fallzahlen, keine Anleitungen zum Handeln. Sollten sie betroffen sein, reden auf Sie jeden Fall immer zuerst mit Ihrer Ärztin oder Ihrem Arzt.

(ens)

Update 11.9.,: Wir haben eine fachliche Einordnung von Prof. Matthias Girndt vom Universitätsklinikum Halle ergänzt.

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