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Buchtipp der Woche Masken aus aller Welt und ihre Geschichte

Christian Dittmar
Bildrechte: MDR/Tobias Thiergen

Was verbindet den venezianischen Karneval mit dem indonesischen Tanztheater und der Corona-Pandemie? Masken überall! Ob Infektionsschutz oder rituelle Handlung – dieses Buch zeigt Faszination und Vielfalt der Mund-, Nasen- und Kopfbedeckungen, findet MDR WISSEN-Autor Christian Dittmar. Ein Buch nicht nur für Kinder und Jugendliche.

Das Buchcover zeigt 22 Masken unterschiedlicher Kulturen und Epochen.
Unsere Buchempfehlung zum Thema "Masken" Bildrechte: Karl Rauch Verlag

Die Jahrtausende bis zur FFP2-Maske

In diesem Buch geht es um ein Produkt, das unser Leben in den vergangenen zweieinhalb Jahren mitbestimmt hat: Masken. Derzeit denkt man bei dem Thema vor allem an FFP2- und OP-Masken oder ähnliche Schutzartikel. Doch tatsächlich haben die Gesichtsbedeckungen eine Jahrtausendelange Geschichte – schon in frühen Höhlenmalereien werden sie dargestellt. Von da an geht es in dem Sachbuch bis in die Gegenwart, in der Masken neben medizinischen Zwecken vor allem aus praktischen Gründen getragen werden: etwa beim Skifahren, beim Eishockey oder beim Tauchen. Das war in früheren Zeiten anders. Damals versuchten unsere Vorfahren mit Masken beispielsweise die Kraft von Tieren zu bekommen oder einen guten Übergang ins Jenseits zu ermöglichen. Später kamen dann etwa die Nutzung im Theater oder die Prangerfunktion hinzu. So lernt man, dass Masken mannigfaltige Möglichkeiten bieten und die Geschichte der Menschheit entscheidend mitbestimmt haben.

Im Mittelpunkt der Doppelseite eine olivgrüne Maske mit schmalen Augen, einer großen Nase und einem feingliedrigen, rot geschminkten Mund. Um die Maske herum Texte zu Topeng und den im Tanztheater verwendeten Masken.
Im indonesischen Tanztheater Topeng spielen Masken eine zentrale Rolle. Bildrechte: Karl Rauch Verlag

"Ich liebe euch sehr!"

Besonders die liebevolle Gestaltung macht das Lesen und noch mehr das Betrachten zum Vergnügen. Die Illustratorin Alica Yufa hat ganze Arbeit geleistet und jede Doppelseite nicht nur mit einer großen Abbildung der jeweiligen Maske ausgestattet, die vorgestellt wird, sondern auch mit teilweise sehr witzigen kleineren Grafiken, die zu Detailinformationen in den Erklärtexten passen.

Ein (wenn auch etwas makabres) Beispiel bildet der Abschnitt zum "Masken-Helm“ von Heinrich VIII., in dem auch die beiden geköpften Frauen des englischen Königs erwähnt werden. In der Illustration sieht man Heinrich VIII., der sagt: "Ich liebe euch sehr." Die beiden Frauen-Köpfe antworten: "Ja, den Eindruck haben wir auch."

Text und Illustrationen zum Masken-Helm von Heinrich VIII. von England. Der Helm sieht aus wie ein Kopf aus Blech mit Öffnungen für Augen, Mund und Ohren. Die Maske trägt eine messingfarbene Brille und zwei spiralförmige Hörner, die an einen Widder erinnern.
Warum hat der Masken-Helm, den Heinrich VIII. von Maximilian I. bekam, Hörner und Brille? Masken können auch Rätsel aufgeben. Bildrechte: Karl Rauch Verlag

Anthropologe und Grafikerin

Neben der bereits erwähnten Grafikerin Alica Yufa, die an der Kunsthochschule Nowosibirsk studiert und bereits mehr als 20 Bücher illustriert hat, hat Pavel Boev an "Masken aus aller Welt und ihre Geschichte" als Autor der Texte mitgewirkt. Der Anthropologe stammt ebenfalls aus Russland und hat an der Universität Bristol studiert und gearbeitet. Nebenbei engagiert er sich auch für NGOs wie den WWF.

Hervorzuheben ist auch die Übersetzung aus dem Russischen von Alexander Löwen, die einige nette Formulierungen bietet, wie bei einem Mammut, das bei der Doppelseite zu Schneemasken sagt: "Was wollen Sie? Wir sind vor 4.000 Jahren ausgestorben."

Das Buchcover zeigt 22 Masken unterschiedlicher Kulturen und Epochen.
Unsere Buchempfehlung zum Thema "Masken" Bildrechte: Karl Rauch Verlag

Die Daten zum Buch Pavel Boev, Ilinca Jufa: Masken aus aller Welt und ihre Geschichte. Karl Rauch Verlag 2022, 72 Seiten, 25 €, ISBN: 978-3-7920-0381-7. Erscheint am 4. Oktober 2022

Ein Familienbuch

Der Ton in den Illustrationen ist sehr locker und damit passend zur Zielgruppe, die Kinder und Jugendliche umfasst. In den längeren Erklärtexten liegt der Fokus auf der (Populär-)Wissenschaft, was das Buch auch für Erwachsene interessant macht. Und auch mit einem weiten Allgemeinwissen lernt man bei den "Masken" noch einiges dazu, zum Beispiel, dass die traditionellen Tätowierungen der Maori in Neuseeland für Kenner wie ein Buch sind, aus dem sie eine Unmenge an Informationen herauslesen können.

Die Doppelseite beschreibt die sehr alte Maori-Tradition, mit präparierten Köpfen die besonderen Eigenschaften wichtiger Verstorbener auch nach deren Tod zu erhalten.
Mokomokai - der Kopf als Symbol für Kraft, Weisheit und Glück. Bildrechte: Karl Rauch Verlag

Masken weltweit

Das Buch zeigt sehr schön, wie kulturell vielfältig unser Planet ist. Denn die Reise zu den Masken geht von der Mündung des Amur über das Amazonas-Tiefland bis nach Papua-Neuguinea. Überall wurden teilweise extrem kunstvolle Gesichtsbedeckungen hergestellt und das manchmal schon vor Tausenden von Jahren. Das uns vieles davon unbekannt ist, zeigt einmal mehr die Euro-Zentriertheit der hiesigen Geschichtsschreibung. Denn wer hätte gewusst, dass in Indonesien seit Jahrhunderten ein traditionelles Tanztheater namens "Topeng" existiert, bei dem goldene Masken genutzt werden und das wiederum auf den noch viel älteren indischen Epen Mahabharata und Ramayana basiert?

Christian Dittmar
Christian Dittmar Bildrechte: MDR/Tobias Thiergen

Der Rezensent Christian Dittmar arbeitet für MDR WISSEN im Online- und Social-Media-Bereich. Interessengebiete: Sprachen, Space und Sport. Kocht gern, vor allem in Corona-Zeiten.