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Wissen, was wir lesen Atlas der utopischen Welten. 82 Visionen der Menschheit

Carsten Dufner
Bildrechte: Tobias Thiergen

Nicht weniger als "82 Visionen der Menschheit" verbergen sich hinter dem Buchcover mit den "Supertrees" aus Singapur. MDR WISSEN-Redakteur Carsten Dufner hat sich den Atlas angesehen, der mit Thomas Morus beginnt und mit dem Weihnachtsmann endet. Sein Urteil: „Es ist ein Buch zum Immer-wieder-mal-in-die-Hand-nehmen. Und über die eigenen Utopien nachzudenken.“

Cove: Atlas der utopischen Welten
Bildrechte: Kosmos Verlag

Am Anfang war Utopia

Ob es Che Guevara gefallen hätte, in einem Buch zusammen mit Elon Musk aufzutauchen? Und was wiederum sagt Musk dazu? Egal. "82 Visionen der Menschheit" sind im "Atlas der utopischen Welten" zusammengefasst, und da steht eben Musks Hochgeschwindigkeitsprojekt "Hyperloop" neben Guevaras Utopie, die Zustände in Lateinamerika zu ändern. Und so verschieden wie diese beiden Charismatiker und ihre Träume sind, so unterschiedlich sind auch die anderen achtzig Visionen, die sich in dieser Neuerscheinung versammeln.

Hinter einem Tor, gebildet aus zwei geschnitzten Holzpfählen und einem Brett mit der Aufschrift "Christiania", sind bemalte kioskartige Holzhäuser zu sehen. Davor Fahrradfahrer und Tourist*innen.
Auch wenn es 50 Jahre nach Gründung kein Freistaat mehr ist - Christiania fasziniert bis heute. Bildrechte: Kosmos Verlag

Natürlich beginnt alles, beginnen Buch und die Geschichte der Utopien mit Thomas Morus und seiner fabelhaft friedlichen und wohlhabenden Insel Utopia, die mit ihrer täglichen Arbeitszeit von sechs Stunden bereits weiter war als viele gewerkschaftlichen Utopien unserer Zeit. Es folgt so Unterschiedliches wie das legendäre Eldorado, die utopischen Gemeinschaften "New Harmony" und "Christiania", Konzepte zur Verringerung des Plastikmülls, die Lebensmittel der Zukunft oder die Erforschung von Weltraum und Tiefsee.

Lustwandeln durch Zeit und Raum

Die Vielfalt der gezeigten Utopien fesselt. Viele von ihnen lassen uns die eigenen Träume hinterfragen. Und werfen alte, zeitlos gültige Fragen auf: Worum geht es uns wirklich in der Welt? Wäre es nicht einfach (und einfach schön), dem Vorbild von Fadiouth im Senegal zu folgen, wo Christen und Muslime seit Jahrhunderten ihre Feste gemeinsam feiern und auch auf dem Friedhof nebeneinander begraben sind? Wie sieht das Wohnen von morgen aus? Werden Roboter unser Sexleben verändern? Ist Gerechtigkeit machbar? Warum gibt es heute noch so viele unhaltbare Arbeitsbedingungen, wenn schon in der tiefsten Industrialisierung des 19. Jahrhunderts Konzepte vorlagen wie das von Jean-Baptiste Godin, der im französischen Guise ein Sozialprojekt aufsetzte, bei dem neben der Arbeit auch noch ein Leben möglich war?

Drei Bilder sind auf der Doppelseite zu Wangari Muta Maathai zu sehen: ein Leberwurstbaum, ein Park in Nairobi und ein Porträt der Aktivistin.
Utopien erfordern vernetztes Denken. Wangari Muta Maathai sorgt mit ihrer Vision für Geschlechtergerechtigkeit ebenso wie für einen ökologischen Umbau Afrikas. Bildrechte: Kosmos Verlag

Das Buch fesselt auch durch seine großformatigen, ausdrucksstarken Bilder und einen gut durchdachten Aufbau.

Carsten Dufner

Statt einer Chronologie der Projekte, die naheliegend gewesen wäre, die aber immer auch leicht dröge daherkommen kann, gibt es eine Einteilung in Themenbereiche. So lustwandeln Leserin und Leser durch Zeit und Raum, erleben, wie die Utopie eines idealen Stadtaufbaus im aktiken Griechenland die Stadtpläne von New York oder San Francisco beeinflusst hat, kommen vom "Burning Man" in der Wüste von Nevada zur Gründung des Fussballclubs "Corinthians" in São Paulo, von der Erfindung der Sozialversicherung zum römischen Sklaven Spartacus samt seiner Einflüsse auf das Römische Reich und die KPD. Und dass das Buch ganz unwissenschaftlich mit dem Weihnachtsmann als großer utopischer Figur endet, macht es nur sympathischer.

Das Bild zeigt einen stilisierten vitruvianischen Menschen. Die Körperumrisse sind nur angedeutet; dafür erlaubt das Bild einen Blick ins Innere des Körpers. Links sind die Knochen des Mannes zu sehen, rechts die Organe und Gefäße. Legenden an nahezu allen Körperregionen weisen auf die Optimierungsmöglichkeiten an diesen Stellen hin.
Was ist noch Heilung oder Ausgleich von Nachteilen, was ist schon ein Schritt hin zum optimierten Menschen? Bildrechte: Kosmos Verlag

Soloabenteurerin trifft auf Wissenschaftsjournalist

Ophélie Chavaroche und Jean-Michel Billioud, Autorin und Autor des Buches, haben zusammen den breiten Background, den man braucht, um eine solche Vielfalt abzubilden. Chavaroche kommt aus der Literaturwissenschaft, hat mit dem „Atlas der Gefahren“ bereits ein ähnliches weltumspannendes Werk herausgegeben und reist dementsprechend natürlich leidenschaftlich gern - als "Solo-Abenteurerin", wie der Verlag schreibt. Billioud ist Historiker und Journalist (Print wie Radio und TV), hat sich, wie er selbst sagt, zur Aufgabe gemacht, "Schwieriges leicht zu erklären" und hat dies sogar in Kinderformaten unter Beweis gestellt.

Exklusive Fotos sind, wenn ich das richtig sehe, für das Buch nicht gemacht worden. Autor und Autorin bedienen sich an bereits existierendem Material - was angesichts der Bekanntheit der abgebildeten Objekte und Personen kein Manko sein muss. Hier liegt die Leistung eher in der Auswahl der Abbildungen - und die ist opulent-eindringlich und unterstützt die Texte. Manchmal ist es auch umgekehrt.

Cove: Atlas der utopischen Welten
Bildrechte: Kosmos Verlag

Die Daten zum Buch Ophélie Chavaroche und Jean-Michel Billioud Atlas: der utopischen Welten. 82 Visionen der Menschheit. Aus dem Französischen von Dagmar Brenneisen. Kosmos Verlag 2021, 256 Seiten, 38 Euro, ISBN 978-3-440-17247-6

Sechs Themenschwerpunkte

Die Gliederung des Buchs erlaubt eine leichte Orientierung. Sechs Überschriften strukturieren die 82 Visionen: Nach der "Suche nach dem idealen Ort", geht es in "Utopiapolis" um die Gestaltung von Lebensräumen. "Die Welt neu erschaffen" widmet sich Revolutionen und neuen Denkmodellen, "Laboratorien der Utopien" ganz konkreten Projekten, die die Welt ein bisschen besser machen wollen. "Wissenschaft und Fiktion" (hier sei ein Hinweis auf unser YouTube-Format Science vs. Fiction gestattet) zeigen Ansätze, die Zukunft mit Hilfe von Technik zu verbessern, und "Botschafter der Utopien" schließlich beinhaltet die Biografien einiger herausragender Visionäre. Allen Texten (die übrigens völlig unabhängig voneinander auch in komplett anderer Reihenfolge gelesen werden können) sind zwei kleine Grafiken zur Einordnung von Projektart und -ort vorangestellt.

Doppelseite "Das Bruttonationalglück". Zu sehen sind drei Bilder, eines mit einer Karte, auf der jedem Land ein "Glücksindex" zugeordnet ist. Auf der gegenüberliegenden Seite der Blick über ein Klosterdach auf den Himalaya und eine Gruppe fröhlicher bhutanischer Jungen.
Vorbild Bhutan: Das Glück der Bewohner*innen ist wichtiger für das Land als das Einkommen. Bildrechte: Kosmos Verlag

Da Autorin und Autor ihre Heimat in Frankreich haben, verwundert es nicht, dass - zumindest gefühlt - zahlreiche französische Anknüpfungspunkte im Text zu finden sind - vom Schriftsteller Laurent Binet mit seinem Gedankenspiel zu einer Inka-Kultur in Europa bis hin zur Universität Vincennes oder den Meeresforschungen um Jacques Cousteau und Jacques Rougerie. Dies ist zum einen kein Nachteil, da gerade in Bezug auf Utopien ein Blickwechsel nicht schaden kann. Zum anderen zeigt eine Weltkarte im Buch aber auch, wie gut verteilt die "Utopien" und ihre "Autor*innen" sind.

Die großen Fragen

Utopien drücken grundlegende Sehnsüchte von uns aus. Die Sehnsucht nach Gerechtigkeit, nach Frieden, nach Lebensqualität, nach positiver Zukunft - ob in Gestalt einer in Stein gebauten Work-Life-Balance oder in Form von technischen Hilfsmitteln. Manche Utopien sind schwer bis gar nicht zu erreichen; bei anderen fragt man sich nicht erst nach Lektüre dieses Buches, warum das Offensichtliche nicht passiert.

Warum ist es für uns bis heute etwas Besonderes, dass Christen und Muslime, Anhänger zweier nach Frieden strebenden Religionen also, gemeinsam religiöse Feste feiern? Warum musste sich Rosa Parks 1955 erst in den "falsche Reihe" setzen, bevor Menschen mit unterschiedlicher Hautfarbe zumindest in US-Bussen gleichbehandelt wurden? Warum haben wir es bis heute immer noch nicht geschafft, dass uns die Hautfarbe einfach egal ist? Warum spielt das "Bruttonationalglück" in der Zukunft unserer Welt eine so untergeordnete Rolle gegenüber dem Bruttosozialprodukt, und warum ist es so schwer zu erkennen, dass wir in Plastik buchstäblich ertrinken?

Zwei Kreise mit den Erdhalbkugeln. Darauf eingezeichnet die reale und vermutete geografische Verortung von "erträumten Welten" - von den Säulen des Herakles und der Insel Avalon bis hin zu Atlantis und Utopia.
Der Traum von anderen, besseren Welten ist wahrscheinlich so alt wie die Menschheit. Bildrechte: Kosmos Verlag

Aber vielleicht ist das das Besondere an diesem Buch. Dass die Utopie einer friedlichen Welt neben der Konstruktion von umweltverträglichen Erdhäusern steht, der Aufbau einer "Universität für alle" neben den Plänen eines Leonardo da Vinci oder dem Leben auf dem Mars. Es ist ein Buch zum Immer-wieder-mal-in-die-Hand-nehmen. Und über die eigenen Utopien nachzudenken.

Carsten Dufner schaut freundlich in die Kamera.
Carsten Dufner Bildrechte: Tobias Thiergen

Der Rezensent … hat sich die Neugier seiner Kindheit erhalten. Ihn interessieren dabei weniger die Dinge, die weit weg oder weit zurückliegen als eher die wissenschaftlichen Fragen im Hier und Jetzt. Und das, was unser aller Zukunft ausmacht. Liebt die Vermittlung von Wissen, engagiert sich für die Bildung und betreut als Redakteur auch diese Rubrik der Buchempfehlungen: "Wissen, was wir lesen?"

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