125 Jahre Chemie-Industrie in Mitteldeutschland Was die Chemieparks Bitterfeld und Leuna unterscheidet

Über 20.000 Menschen arbeiten im mitteldeutschen Chemie-Dreieck, dessen Geschichte vor 125 Jahren begann. Chemie- und Pharmabranche machen in Sachsen-Anhalt heute etwa 8 Milliarden Euro Umsatz pro Jahr. Fast so viel wie der gesamte Landeshaushalt. Dennoch lohnt ein genauerer Blick. Denn Leuna oder Bitterfeld-Wolfen verstehen sich zwar beide als Chemiepark – und sind doch recht unterschiedlich.

Er ist etwa 1.300 Hektar groß, da könnten ungefähr 1800 Fußballfelder platziert werden: Der Chemiepark in Leuna. 90 Kilometer Gleise verlaufen zwischen den Anlagen, die vor mehr als 100 Jahren am Reißbrett geplant wurden. Infra-Leuna-Chef Christof Günther spricht vom größten abgeschlossenen Chemiepark Deutschlands. Mit der Total-Raffinerie im Herzen, die ihr Rohöl über die Druschba-Pipeline aus Russland bezieht.

Leuna Chemiepark
Bildrechte: IMAGO

Hier kommen ungefähr 12 Millionen Tonnen Rohöl pro Jahr in den Chemiestandort rein. Dieser Rohstoff wird vollständig umgesetzt. Da gibt es fast keinen Abfall. Das ist nur möglich durch den engen Stoffverbund, den wir hier in Leuna haben.

Stoffverbund heißt: Die Raffinerie produziert zunächst Rohbenzin. Daraus machen andere Unternehmen dann weitere Grundchemikalien. Und am Ende dieser Kette steht zum Beispiel spezielle Nylonfolie - aus der Schutzhüllen für Tabletten gemacht werden.

Das alte DDR-Kombinat ist Geschichte

Ein paar Straßen weiter. Das neue Kältezentrum des Standortbetreibers InfraLeuna. Ein Labyrinth aus Rohrleitungen durchzieht die Halle. Thomas Räcke, Chef für Energie und Wasser, behält dennoch den Überblick. "Unser normales Kühlwasser geht mit 18 bis 20 Grad zum Kunden und kommt dann 10 Grad wärmer wieder zurück", sagt er.

So werden chemische Prozesse auf der richtigen Temperatur gehalten. InfraLeuna liefert Kälte, Wärme, Strom und Frischwasser. Unterhält Wachdienst und Feuerwehr im Park. Aber historisch gesehen ist die Rolle sogar größer, meint Geschäftsführer Christof Günther.

Ein Mann in Anzug und Krawatte.
Christof Günther, Geschäftsführer bei Betreibergesellschaft InfraLeuna. Bildrechte: CeChemnet/IMG Sachsen-Anhalt/Dr. Wolfgang Kubak

Wir sind sozusagen die Klammer um die Chemiebetriebe hier, die am Ende dazu führt, dass die Betriebe so zusammenarbeiten, als wäre es nach wie vor nur ein Betrieb, als gäbe es noch immer das große Kombinat. Und das obwohl es mittlerweile über 20 Chemiebetriebe sind aus zehn verschiedenen Nationen.

Christof Günther, InfraLeuna

Doch mit einem alten DDR-Kombinat hat sowohl Leuna als auch der heutige Chemiepark Bitterfeld-Wolfen kaum noch etwas zu tun.

Hochspezialisierte Mittelständler

Wir sind im Bereich Wolfen und erreichen dann den Bereich der ehemaligen Filmfabrik. Wenn man Leuna als eine gigantische Chemie-Fabrik begreift, dann ist der Chemiepark Bitterfeld-Wolfen eher ein Mosaik. Und auf diese Besonderheit sind sie sogar stolz, erklärt Geschäftsführer Michael Polk.

Ich glaub um einen Park, einen Chemiepark zu bewerten muss man in die Geschichte reinschauen. Und da geht es auch nicht um besser oder schlechter. Sondern um anders. Bitterfeld-Wolfen fing an, Chemiegeschichte zu schreiben vor 125 Jahren. Und über Jahrzehnte hat sich der Standort dann weiter entwickelt.

Hochspezialisierte Mittelständler reihen sich an ein Pharmawerk von Bayer. Daneben gewöhnliche Industriebetriebe. Das 1.200 Hektar große Gelände ist offen zugänglich, nicht abgeschottet wie Leuna. Schluss ist erst am Werktor - zum Beispiel bei Akzo Nobel.

Ohne Chlor kein Schwimmbad

Werksleiter Stefan Kauerauf führt mit Schutzkittel und Helm durch den Zellensaal. "Hier oben sind unsere vier Elektrolyseure installiert", erklärt er. Mit riesigen Mengen Strom wird Kochsalz-Sole aufgespalten – in Natronlauge und Chlor.

Wir sind das Herz dieses Chemieparkes. Wir stehen am Anfang der Wertschöpfungskette im Chemiepark Wolfen. Das Chlor wird zu einem Großteil hier direkt im Chemiepark Bitterfeld-Wolfen weiterverarbeitet und veredelt.

Stefan Kauerauf, Werksleiter

Einen Stoffverbund gibt es also in beiden Parks. Was in Leuna die Raffinerie, ist in Bitterfeld-Wolfen Akzo-Nobel mit seiner Chlor-Alkali-Elektrolyse. Denn ohne Chlor keine Autoscheinwerfer, keine Arzneimittel und natürlich auch - kein sauberes Schwimmbad.

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 14. Februar 2018 | 07:40 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 19. Februar 2018, 16:17 Uhr