Geschichte der Citizen Science Auch Charles Darwin war Bürgerwissenschaftler

Wenn Wissenschaftler von Freiwilligen bei ihrer Forschung unterstützt werden, fällt dazu immer wieder eine Art Fachbegriff: Citizen Science. Übersetzt heisst das so viel wie Bürgerforschung. Das zeigt schon woher die Idee stammt: aus dem englischsprachigen Raum.

Ein Vogel füttert sein Junges am Nistkasten
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Als erstes modernes Projekt von Bürgerforschung gilt eine Vogelzählung im Jahr 1900. Der US-Ornithologe Frank Chapman rief seine Landsleute dazu auf, zu Weihnachten nicht nur Vögel zu schlachten, sondern über die Feiertage mal etwas Sinnvolles zu tun. Bis heute hat sich diese Tradition unter einer feststehenden Bezeichnung erhalten: Der "Christmas Bird Count" in den USA. Und dabei geht es darum, am Weihnachtstag alle Vögel zu zählen, die man gesehen hat.

Gerade einmal 27 Vogel-Interessierte beteiligten sich im Jahr 1900 an dieser historischen Zählaktion. Im Jahr 2015 waren es sage und schreibe 60.000 Amerikaner.

Am Beginn, vor fast 120 Jahren, gab es den Begriff "Citizen Science" allerdings noch nicht. Er tauchte erst viel später auf, in einer Veröffentlichung aus dem Jahre 1995, so David Ziegler von der Internet-Plattform buergerschaffenwissen.de.

Der Begriff bezog sich stärker auf eine politische Dimension. Eine Wissenschaft, die danach fragt, wie Bürgerinnen und Bürger ihre Anliegen im Sinne einer Emanzipation besser umsetzen können. Das wurde dann aufgegriffen und von anderen Autoren stärker in die Richtung interpretiert, wie es heute gesehen wird: Dass es vor allem darum geht, dass Bürgerinnen und Bürger die Wissenschaft unterstützen, Daten aufnehmen oder an anderen Punkten im Forschungsprozess tätig werden.

David Ziegler

Bürgerforschung - oder eben Citizien Science - ist eigentlich nichts Besonderes. Es erscheint uns heute nur so, in Zeiten, wo Wissenschaft professionell vor allem an Universitäten und Instituten betrieben wird. Wir haben nur vergessen, dass es nicht immer so war.

Frühe Forscherinnen und Forscher wie Charles Darwin oder Gregor Mendel waren Pioniere auf ihrem Gebiet, hatten aber andere Berufe. Sie waren nicht Wissenschaftler von Beruf sondern Geistliche, Privatiers, Ärzte oder Lehrer. Sie haben ihre Forschungsfelder nebenher entwickelt. Es waren in unserem Sinne Amateure.

David Ziegler

Amateure, weil sie wie im Fall Darwins kein klassisches naturwissenschaftliches Studium, sondern Medizin und Theologie absolviert hatten. Dabei ist Amateur keineswegs abwertend gemeint, auch nicht bei Darwin oder dem Priester Gregor Mendel, der die Vererbungsregeln entdeckte. David Ziegler meint damit das, was bei Bürgerforschung das Wichtigste ist: 

Wir setzen uns stark für eine positivere Definition von Amateur ein als wir sie haben. Denn Amateur kommt ja von 'amare', also von lieben. Das sind Menschen, die tun, was sie lieben.

David Ziegler

Menschen melden sich, um Schmetterlinge und Insekten zu zählen, helfen historische Karten zu verorten, die Vermüllung zu stoppen oder die Feinstaubbelastung zu messen. Allein auf der Plattform "Bürger schaffen Wissen", die das Berliner Museum für Naturkunde betreut, gibt es 96 Projekte, bei denen man sofort mitmachen kann. Eine völlig neue Qualität von Beteiligung eröffnet, wen wundert es, die Digitalisierung.

Einerseits können wir Daten erheben, weiterverarbeiten und teilen. Und ein zweiter Aspekt: Wir haben ja auch ganz andere Möglichkeiten miteinander zu kommunizieren. Über Foren, über Social Media können Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler mit Bürgern ganz direkt in Kontakt treten.

David Ziegler

Etwa 250.000 Deutsche tun das schon und haben sich bei den verschiedenen Projekten registriert. Nie waren die Voraussetzungen besser, um bei wissenschaftlichen Projekten dabei zu sein.

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR | Radio | 07. August 2018 | 18:00 Uhr