Covid-19 Mutiertes Coronavirus – schneller ansteckend

Eine neue, in Grobritannien entstandene Variante von Sars-CoV-2 ist deutlich ansteckender, als das bisherige Virus. Es folgen aber keine schwereren Covid-Verläufe. Was man bis jetzt über die Mutation weiß.

Epidemische Viruspartikel, Konzeptgrafik
Bildrechte: imago images/Panthermedia

Update 30.12.

B 1.1.7 steckt 15 Prozent aller Kontaktpersonen an

Gute und schlechte Nachrichten über die neue Sars-CoV-2-Mutation B 1.1.7 berichtet spektrum.de: Demnach zeige eine Vergleichstudie mit 1.769 an der neuen Coronavariante erkrankten Menschen und einer ebenso großen Vergleichsgruppe mit dem zuvor verbreiteten Coronastamm, dass die Mutation offenbar etwas seltener zu schweren Verläufen führt. An der Mutation erkrankte Patienten mussten demnach in 0,9 Prozent aller Fälle im Krankenhaus behandelt werden. Beim "alten" Coronastamm waren es 1,5 Prozent. Jedoch seien diese Daten statistisch noch nicht signifikant.

Zugleich ist das mutierte Virus offenbar tatsächlich ansteckender. Hier stecken sich im Schnitt 15 Prozent aller Kontaktpersonen eines Erkrankten an, während es zuvor nur 9,8 Prozent waren. Zugleich mehren sich die Hinweise, dass die Mutation bereits länger in Deutschland kursiert. Schon Ende November habe es einen ersten Fall in Niedersachsen gegeben, so der Bericht.

Korrektur 21.01.: Wir haben die Überschrift unf Formulierungen angepasst, da die Hinweise, dass an der B. 1.1.7 Mutation erkrankte Covid-19-Patienen etwas weniger häufig schwere Verläufe haben, statistisch noch nicht signifikant sind. Es lässt sich also nicht eindeutig schlussfolgern, dass die neue Virusmutation im Einzelfall weniger gefährlich ist.

Update 28.12.

Weitere Coronavariante aus Südafrika

Die Belege mehren sich, dass die B 1.1.7 Mutation aus Großbritannien in einem Patienten entstanden ist, der wahrscheinlich ein geschwächtes Immunsystem hatte und deshalb eine sehr lange andauernde Infektion durchgemacht hat. Forscher schlussfolgern deshalb, dass immunsuprimierte Patienten mit Covid-19 noch stärker isoliert werden müssen, ähnlich Tuberkulose-Patienten, deren Krankheitserreger multiressistent gegen Antibiotika geworden sind.

Durch die Mutation sind insgesamt 17 Aminosäuren in dem Virus verändert worden, acht davon am Spike-Protein, mit dem es in die menschlichen Zellen eindringt. Eine dieser Mutationen beeinflusst, wie eng das Spikeprotein an den menschlichen ACE-2-Rezeptor andockt. Offenbar hilft diese Veränderung dem Virus dabei, sich schneller zu verbreiten. Unterstützt wird diese Annahme von Beobachtungen aus Südafrika. Dort wurde eine weitere Variante von Sars-CoV-2 entdeckt, die sich rasch ausbreitet. Auch sie verfügt über diese Mutation am Spikeprotein. Wenn eine Veränderung in unabhängigen Virusstämmen mehrfach auftaucht, dann helfe sie offenbar bei der Verbreitung, schreiben Forscher jetzt in Science.

Uğur Şahin, Chef des Impfstoffherstellers Biontech, geht weiterhin davon aus, dass die Impfung auch gegen die neue Mutation schütze. Es seien lediglich acht von mehr als 1.270 Aminosäuren des Spikeproteins verändert worden. "Wissenschaftlich betrachtet ist es sehr wahrscheinlich, dass die Impfung auch mit dieser neuen Version zurecht kommt", sagte er bei einer Pressekonferenz. Aktuell laufen dazu Versuche, Ergebnisse sollen Anfang Januar vorliegen.

Update 22.12.

Impfstoff bereits gegen andere Mutationen getestet

Laut Nachrichtenagentur dpa sind Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) und BioNtech-Chef Ugur Sahin zuversichtlich, dass der Impfstoff auch gegen mutierte Virusvariante B 1.1.7 wirkt. Das sei wissenschaftlich hoch wahrscheinlich, sagte Sahin der dpa. "Wir haben den Impfstoff bereits gegen circa 20 andere Virusvarianten mit anderen Mutationen getestet. Die Immunantwort, die durch unseren Impfstoff hervorgerufen wurde, hat stets alle Virusformen inaktiviert." Spahn sagte im ZDF, alle Erkenntnisse deuteten im Moment darauf hin, dass die Wirksamkeit bei der neuen Variante nicht beeinträchtigt sei. "Und das wäre natürlich eine sehr, sehr gute Nachricht."

In England zirkuliert derzeit eine neue Variante des Coronavirus Sars-CoV-2, die möglicherweise ansteckender ist. Sie trägt die Bezeichnung B.1.1.7. Zahlreiche Regierungen haben deshalb am Wochenende entschieden, die Grenzen zum Vereinigten Königreich zu schließen. Allerdings laufen viele Experimente und Untersuchungen noch, deswegen können Forscher bisher nicht abschließend sagen, wie gefährlich diese neue Variante des Virus ist. Einige Fakten sind aber schon bekannt.

Was an der neuen Corona-Mutation anders ist

In England werden die bei Tests von Menschen gefundenen Coronaviren regelmäßg sequenziert, also ihr Erbgut analysiert. Seit September haben Labore dabei eine neue Variante des Virus entdeckt, die einige Veränderungen am sogenannten Spike-Protein aufweist. Das Spike-Protein ist der Schlüssel des Krankheitserregers, mit dem er in die menschlichen Zellen eindringt und sich dort vermehrt.

Bei der B.1.1.7 Mutation ist die Rezeptorbindungsdomäne, quasi die Andockstelle, so verändert, dass ihre Bindung an den menschlichen ACE-2 Rezeptor stärker geworden ist. Die Wissenschaftler schreiben, sie hätten ein "moderates Vertrauen", dass diese Veränderung zu einer stärkeren Ausbreitung dieser Virusvariante führt. Durch den Vergleich, wie stark sich die mutierte Version im Gegensatz zur bisherigen Variante ausgebreitet hat, schätzen die Forscher, dass sich der R-Wert um 0,4 Prozent erhöhen könnte. Das bedeutet, die neue Version wäre 70 Prozent ansteckender, als das bisherige Virus.

Ist das mutierte Virus wirklich ansteckender?

Dabei gibt es jedoch einige Fallstricke. Der Virologe Christian Drosten weist in einem Interview im Deutschlandfunk darauf hin, dass England – ähnlich wie Deutschland – regional sehr unterschiedliche Vorsichtsregeln gegen die Coronaausbreitung getroffen hatte. Das vermehrte Auftreten der neuen Version im Südwesten des Landes und in London könnte also auch eine Folge davon sein, dass die Abstandsgebote in diesen Gegenden weniger streng waren, als anderswo.

In einem Statement für das Science Media Center Deutschland sagt Jörg Timm, Virologe am Universitätsklinikum Düsseldorf:

Die gesicherten Erkenntnisse über die Variante im Vereinigten Königreich sind noch sehr lückenhaft. Die Tatsache, dass die Variante sich so rasch in England verbreitet, lässt schon vermuten, dass die Übertragung dieser Variante effizienter ist. Das bedeutet nicht, dass die Variante auch eine schwerere Erkrankung auslöst.

Jörg Timm, Universitätsklinikum Düsseldorf

Ist die Corona-Mutation bereits in Deutschland?

Ob die jetzt beschlossenen Grenzschließungen die Verbreitung der mutierten Variante eindämmen können, erscheint fraglich. Labore in Holland, Belgien, Italien und Dänemark haben die veränderte B.1.1.7 Version bereits nachgewiesen. In Deutschland werden die Viren nicht so regelmäßig sequenziert. Ob das neue Virus hier bereits zirkuliert, kann also nicht ausgeschlossen werden. "Vermutlich ist die im Vereinigten Königreich gefundene Variante auch schon in Deutschland zu finden, aber ob nur ganz vereinzelt oder als substanzieller Bruchteil, ist nicht klar." sagt Richard Neher von der Universität Basel. Auch das Robert Koch-Institut schließt in seiner aktuellen Stellungnahme nicht aus, dass das Virus bereits in Deutschland ist.

Wie kommt es überhaupt zu solchen Mutationen? In seinem Statement für das Science Media Center schreibt Roman Wölfel, Oberstarzt und Mikrobiologe der Bundeswehr, dass viele Mutationen bei Patienten mit schwachen Immunsystemen auftreten. Bei diesen Menschen dauert eine Infektion oft sehr lang. So gibt es viele Vermehrungszyklen der Viren, bei denen dann diejenigen am besten überleben, die der Immunabwehr am besten ausweichen können.

Was bedeutet die Mutation für die Impfung?

Die Experten sind sich relativ sicher, dass die Mutation die Wirkung der Impfung nicht wesentlich beeinflusst. Schließlich lösen die Impfstoffe umfangreiche Antworten auf das Immunsystem gegen das ganze Spike-Protein des Virus aus. Die so gebildeten Antikörper können also viele Stellen dieses Schlüssels blockieren und sind nicht auf die wenigen, veränderten Stellen angewiesen. Aber auch hier werden sichere Antworten erst in der kommenden Woche erwartet.

10 Kommentare

MDR-Team vor 3 Wochen

Hallo "wo geht es hin",
ein Beispiel der Leopoldina ist Irland. Dort wurde bereits am 20. Oktober ein zweiter Lockdown eingeführt. Daraufhin gingen die Zahlen bis Mitte Dezember zurück, bis sie dann wieder - wie in ganz Europa - anstiegen. Und wenn Sie dies als Fehler ansehen, was wäre denn Ihre Alternative? LG, das MDR-Wissen-Team

wo geht es hin vor 3 Wochen

"...aber die Wissenschaftsakademie Leopoldina hat zum Beispiel darauf hingewiesen, dass die Erfahrungen aus anderen Ländern zeigen, dass schnelle, harte Maßnahmen besser helfen als länger gestreckte, sanfte..."
Ja? Wo denn? Und wie lange hat denn dann die "Hilfe" angehalten? Ich sag es Ihnen: bis zum nächsten Lockdown. Aber es ist so wie immer: man macht den gleichen Fehler noch mal, in der Hoffnung, dass das Ergebnis dieses Mal ein anderes wird. Ein schlauer Mann hat das einst als Dummheit bezeichnet. Der Grundfehler ist die Überheblichkeit gewisser Menschen, die sich einbilden, mit solch lächerlichen Maßnahmen Mutter Natur aufhalten zu können und Gott spielen zu können. Der spielt aber in einer ganz anderen Liga.

Peter vor 3 Wochen

Ritter Runkel: Für "vorfällige Ideen" haben wir doch Sie. Sie schreiben zu jedem Beitrag erst mal zig Kommentare, in denen es vor Behauptungen und Mutmaßungen nur so wimmelt.
Ich schlage vor: Überlassen Sie konstruktive Maßnahmen den Virologen, Ärzten und schlussendlich den Politikern. Da kommt wesentlich mehr raus als bei den massenhaften Beiträgen eines Laien.
Und noch ein letzter Punkt: Was haben Sie gegen Herrn Dr. Lauterbach. Bis auf eine Äußerung ganz am Anfang der Pandemie hat er doch immer recht behalten. Eben ein Fachmann.