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Corona-Impfung bei einer Hausärztin (Symbolfoto): Kommt es in den ersten Tagen nach der Impfung zu Reaktionen wie Kopfschmerzen oder leichtem Fieber ist das ein Zeichen dafür, dass das Immunsystem auf die Impfung reagiert. Bildrechte: imago images/Wilhelm Mierendorf

Corona-Impfungen

Was Impf-Nebenwirkungen (nicht) über unser Immunsystem verraten

von Clemens Haug

Stand: 10. Juni 2021, 17:13 Uhr

Die Impfung gegen Corona löst bei vielen Menschen unangenehme Reaktionen wie Kopf- und Gliederschmerzen und in einigen Fällen sogar Fieber aus. Warum das meist normal ist und wann es bedenklich wird.

Kopfschmerzen, Schüttelfrost, manchmal sogar ein bisschen Fieber: Nach einer Corona-Impfung erleben viele Menschen gerade unangenehme Impfreaktionen. Dass es solche Reaktionen gibt, sei grundsätzlich ein gutes Zeichen, sagt Professor Michael Schaefer, Pharmakologe und Koordinator der Impfaktivitäten an der Universität Leipzig. Sie zeigen, dass Kraft und Energie in das Immunsystem gelenkt werden, damit es eine Verteidigung gegen das Coronavirus aufbaut. "Durch die Impfreaktionen nehmen wir eine Art Schonhaltung ein. Wir belasten uns nicht zusätzlich, denn hohe Belastungen würden dazu führen, dass die Immunreaktion herabgeregelt wird, etwa durch Stresshormone", erklärt Schaefer.

Alarm im Körper lenkt Energie ins das Immunsystem

Professor Michael Schaefer von der Universität Leipzig Bildrechte: Universitätsklinik Leipzig

Im Grunde ist eine Impfung eine Art simulierte Infektion. Bei den in Deutschland zugelassenen Corona-Impfungen wird entweder eine in eine kleine Fetthülle verpackte mRNA-Bauanleitung für das Corona-Spikeprotein gespritzt. Oder diese Bauanleitung kommt mit einem Adenovirus in den Körper. In beiden Fällen bauen unsere Zellen das feindliche Eiweiß nach. Unser Immunsystem lernt das Spikeprotein kennen und reagiert darauf. Dafür braucht es viel Energie. "Der Körper soll deshalb in einen Ruhezustand gefahren werden, um sich mit dem fremden Eiweiß auseinandersetzen zu können", sagt Schaefer. Das sei so ähnlich wie nach dem Essen, wenn unsere Energie in die Verdauung geht. "Unser Körper hat solche Instrumente, uns in einen Zustand zu bringen, indem wir die jeweils vorrangige Aufgabe am besten erfüllen können."

Die Reaktion, die dann im Körper passiert, ist ausgesprochen komplex. Der Mediziner Professor Christian Bogdan ist Infektionsimmunologe und Mitglied der Ständigen Impfkommission, die auf Basis der jeweils verfügbaren Daten und Erkenntnisse Empfehlungen dazu abgibt, welcher Impfstoff für welche Personengruppe eingesetzt werden sollte. "Jede Impfung muss, um erfolgreich zu sein, sowohl das angeborene als auch das erworbene Immunsystem aktivieren", sagt Bogdan.

Abwehrzellen müssen stimuliert und Antikörper produziert werden

Man kann sich den Körper vielleicht wie ein großes Unternehmen vorstellen, das überraschend von einer Bande Einbrecher angegriffen wird. Die Sicherheitsabteilung wird alarmiert und muss als erstes verstehen, wie die Einbrecher überhaupt eindringen konnten. Dazu werden spezielle Ermittler ausgebildet, die sich mit den Angreifern beschäftigen und schließlich eine neue Fertigungsanlage aufbauen, die speziell zugeschnittene Abwehr-Werkzeuge produziert. Weil das alles so schnell wie möglich gehen muss, wird das ganze Unternehmen in Alarm versetzt und alle Aktivitäten auf die Abwehr ausgerichtet.

Professor Christian Bogdan vom Universitätsklinikum Erlangen Bildrechte: Franziska Männel/Uni-Klinikum Erlangen

Im Körper passiert das in Form biochemischer Prozesse. "Zum angeborenen Immunsystem gehören zum Beispiel dendritische Zellen. Die produzieren Botenstoffe, die T- und B-Lymphozyten stimulieren", sagt Bogdan. Die B- und T-Lymphozyten gehören zu den weißen Blutkörperchen. Sie erkennen im Falle der COVID-19-Impfung das Spike-Protein, was dann zur Bildung der passenden Antikörper führt und zur Entwicklung von T-Lymphozyten mit Helferwirkung oder zellabtötender Funktion.

Die Botenstoffe seien aber auch an der Entstehung von Fieber beteiligt. Ein Impfstoff müsse solche Reaktionen auslösen, um wirkungsvoll zu sein, sagt Bogdan. "Diese sogenannte Reaktogenität kann zwar von Mensch zu Mensch unterschiedlich ausgeprägt sein. Aber zumindest an der Einstichstelle muss etwas passieren, damit tatsächlich die Immunantwort ausgelöst wird."

Individuelle Impfreaktion lassen keine direkten Rückschlüsse auf die Immunantwort zu

Typische Reaktionsmuster lassen sich nur auf übergeordneter Ebene beobachten, also wenn man sehr viele geimpfte Menschen vergleicht. Individuelle Reaktionen bei einem Geimpften lassen nicht unbedingt Rückschlüsse auf dessen Immunantwort zu. "Es kann sein, dass Sie sehr gut Antikörper bilden, auch wenn sie keine starken Reaktionen haben. Und es kann umgekehrt sein, dass Sie sehr starke Reaktionen haben, während die Antikörperbildung noch moderat ist", sagt der Pharmakologe Michael Schaefer. 

Bekannt ist, dass jüngere Menschen zu mehr Reaktionen neigen. Kinder bekommen beispielsweise häufiger erhöhte Temperatur oder ein kurzes Fieber nach einer Impfung. Bei Älteren ist das deutlich seltener. Trotzdem werden sie sehr gut durch die Impfung geschützt, wie die aktuellen Corona-Statistiken zeigen. Die Gruppe der über 80-Jährigen war von der dritten Pandemiewelle in Deutschland kaum betroffen, weil viele von ihnen geimpft waren, sagt Christian Bogdan.

Gefährliche Nebenwirkungen von Impfungen sind sehr selten

Impfstoffe, die eine starke Impfreaktion provozieren, lösen im Allgemeinen auch eine deutliche Immunantwort aus. Da sind sich Immunologe Bogdan und Pharmakologe Schaefer einig. Allerdings gibt es in seltenen Fällen auch gefährliche Nebenwirkungen, etwa stark allergische, sogenannte anaphylaktische Reaktionen auf die Fetthülle, die die mRNA-Impfstoffe in den Körper bringt. Die treten meist innerhalb weniger Minuten oder Stunden nach der Impfung auf und können gut behandelt werden. Anders ist das bei den Fällen von Thrombosen mit Thrombozytopenien, die sehr selten nach Gabe der Vektorimpfstoffe beobachtet wurden. Sie traten, im Gegensatz zur normalen Impfreaktion, erst vier bis 16 Tage nach der Impfung auf. Hier starben nach Zählung des Paul-Ehrlich-Insituts bis zum 1. Juni insgesamt 21 Menschen an der Nebenwirkung, die bei frühzeitiger Entdeckung behandelt werden kann.

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"Wenn mit so einer Verzögerung zusätzliche Reaktionen auftreten, muss man besonders hellhörig werden", sagt Michael Schaefer. "Das ist meist nicht mehr im Rahmen der normalen Reaktogenität, sondern möglicherweise ein Zeichen einer ernsthaften Impfnebenwirkung." Die Erfassung von Impfnebenwirkungen ist Aufgabe des Paul-Ehrlich-Instituts, die dann wiederum in die Impfempfehlungen der Ständigen Impfkommission einfließen. "Vor der Empfehlung einer Impfung müssen wir uns unter anderem die Frage stellen, ob neue Signale aufgetreten sind, die die Sicherheit eines Impfstoffs betreffen. Hierbei geht es auch um Hinweise auf seltene, schwerwiegende Nebenwirkungen, die nicht in den ersten ein bis zwei Wochen, sondern vielleicht erst nach einigen Monaten in Erscheinung treten", sagt Christian Bogdan.

Sehr seltene Komplikationen von Impfungen werden im Rahmen der klinischen Zulassungsstudien nicht immer entdeckt, da daran meist nur mehrere zehntausend Menschen teilnehmen, die Nebenwirkung aber manchmal erst bei einem von 100.000 Geimpften auftritt. Erst, wenn sehr viele Menschen in relativ kurzer Zeit geimpft werden, können solche Wirkungen sichtbar werden. "Hierbei besteht allerdings immer die Notwendigkeit genau zu untersuchen, ob zwischen einer Impfung und dem Auftreten einer als Impfkomplikation interpretierten Erkrankung tatsächlich ein kausaler Zusammenhang besteht, oder ob es sich nur um ein zufälliges Zusammentreffen von zwei unabhängigen Ereignissen handelt", sagt Bogdan. Dass dieses System funktioniert, zeigt das Beispiel der Astrazeneca-Impfung, für die die Empfehlungen nach der Entdeckung der Thrombosen mit Thromozytopenien geändert wurden.

Wir haben in diesem Artikel die Zahl der nach einer Impfung mit Astrazeneca an Thrombosen mit Thrombozytopenien verstorbenen Patienten ergänzt.

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