Pandemie-Plan Corona: Eine Krise mit Ansage

Zuhause brüten Kinder über Hausaufgaben und mit ihnen schwitzen Eltern, die jetzt feststellen, wo die Säge klemmt in Physik, Mathe, Englisch. Im Kleinen lässt sich nacholen, was versäumt wurde. (Wenn man Physik 8. Klasse noch kann.) Ähnlich sieht es aus in Politik, Wirtschaft und Forschung: Pandemie-Szenarien wurden erstellt, man weiß, dass es Corona-Viren gibt, die aggressiver sind als alle früher. Erst SARS 2003, dann MERS 2012. Hätten man wissen müssen, was auf uns zukommt?

Ärzte simulieren mit einem Brettspiel, wie die Versorgung von Verletzten bei einem Terroranschlag organisiert wird.
Krisenszenario Terroranschlag -- Mediziner üben im Planspiel Bildrechte: imago/Klaus Martin Höfer

2012 hat die Bundesregierung ein Krisen-Szenario erstellt und durchdekliniert, inklusive der Maßnahmen, die im Fall einer Pandemie mit einem neuartigen Corona-Virus zu treffen seien. Wer das liest, stellt fest: Wir sind keinesfalls ahnungslos in diese Pandemie geraten. Es war eine Krise mit Ansage, wenn sie auch nicht mit dem aktuellen SARS-Virus erstellt wurde. Die fiktive Pandemie mit dem Virus "Modi-SARS" ähnelt in vielen Punkten der aktuellen Lage, im Seuchenverlauf, in den Engpässen bei Arzneimitteln, Desinfektionsmittelen, Schutzkleidung.


Niemand hat den Alarm gehört

Warnungen gab es sogar noch früher. Bereits vor 15 Jahren hatte ein internationales Expertenteam aus der EU drei Szenarien erdacht und veröffentlicht. Die Fragestellung lautete: Was passiert, wenn wir der Natur immer näher auf den Pelz rücken und die Biodiversität zum Beispiel durch unsere Art der Landwirtschaft, Lebensweise, Ressourcennutzung weltweit schrumpft. Bezeichnenderweise war der Titel der Studie "ALARM" - er blieb weitgehend ungehört. Forschungsergebnisse von mehr als 250 Wissenschaftlern aus 68 Institutionen und 35 Ländern flossen in die Simulationen ein.

Blick auf ein gelb blühendes Rapsfeld
Raps - zur Ölgewinnung für Biokraftstoffe. Solche Felder konkurrieren mit Anbauflächen für Lebensmittel. Bildrechte: Colourbox.de

Das Forschungsteam skizzierte in drei Szenarien Entwicklungen, wie wir sie in den Corona-Wochen erleben, Shutdown, Isolation, wirtschaftliche Zusammenbrüche. Wobei man sagen muss - vor 15 Jahren waren die Möglichkeiten von Homeoffice und Homeschooling längst nicht so weit wie heute. Die Forscher damals sagten auch: Weniger industrielle Aktivität führt zu einer Entlastung der Natur und verringert den Druck auf die biologische Vielfalt. Für Dr. Josef Settele, Professor für Biodiversität am Umwelt-Forschungs-Zentrum Halle, sagt dennoch: Die Menschen schaffen geradezu die Bedingungen für Pandemien. Indem wir die Artenvielfalt zerstörten, reduzierten wir alle möglichen Erreger. Aber das bedeute auch: "Minimiere ich die Vielzahl der Arten, reduziert sich die Menge der zur Verfügung stehenden Viren auf ein paar Wenige". Die fittesten Viren juckt das wenig. Die sind die besonders wandelbaren, die auch mit einer kleinen Auswahl an potentiellen Wirten klar kommen.

Unabhängig von der Corona-Thematik prognostizierten die Wissenschaftler auch die Folgen der Verknüpfung von Lebensmittel- und Energiewirtschaft: Es werde mehr Land verbraucht um Pflanzen für Biokraftstoffe anzubauen. Das wiederum erhöhe den Druck auf die Natur. Rückblickend sagt Settele im Gespräch mit MDR Wissen: "Verblüffend, wie nahe wir damals an der Realität waren."


Krisenszenarien - und der Ernstfall

Aber egal, ob Politik oder Wissenschaft: Beide Papiere zeigen, welche Hausaufgaben wir schon längst hätten machen müssen - und was wir nicht getan haben, egal ob im Umgang mit der Umwelt oder bei der Digitalisierung. Und wie sich bei der Ausstattung des medizinischen Personals oder dem unverhofften Homeschooling deutlich die Probleme zeigen. So wird zum Beispiel im Krisenszenario der Bundesregierung mehrfach darauf hingewiesen, wie wichtig Schutzkleidung und Material seien:

Neben Einhaltung von Hygienemaßnahmen können Schutzmaßnahmen in dem Sinne also ausschließlich durch Absonderung Erkrankter bzw. Ansteckungsverdächtiger, sowie den Einsatz von Schutzausrüstung wie Schutzmasken, Schutzbrillen und Handschuhen getroffen werden.

Bundestag, Krisenszenario: Pandemie durch Virus "Modi-SARS", Seite 59

Dass jetzt überall Schutzmasken genäht werden, zeigt, dass an entscheidenden Stellen das Drehbuch für eine mögliche Pandemie ungehört verhallt ist. Kein Phänomen unserer Zeit, wie Virologe Alexander Kekulé im MDR AKTUELL Podcast sagt:

Schon vor 30 Jahren sind in Planspielen solche Szenarien antizipiert worden, damals für eine Influenza. Und schon damals hat man gesagt: 'Als Erstes gehen Desinfektionsmittel und Atemschutzmasken aus'. Deshalb steht in allen Pandemieplänen, dass man das rechtzeitig bevorraten soll. Warum man diese Pläne, als es noch Masken gab, im Februar oder Januar, nicht rausgeholt hat, kann ich nicht sagen.

Alexander Kekulé, Virologe

Das wird sich wohl erst nach der Krise klären lassen, meint Kekulé, jetzt nutzte es ohnehin wenig in der Vergangenheit herumzustochern. Und das Szenario - "hätte man wissen können", oder "haben wir schon damals drauf hingewiesen" erinnert unweigerlich an Schulkinder. Schreiben die Lehrkräfte nicht ausdrücklich, "Lernt die neuen Vokabeln aus dem Text, den ihr übersetzt" - diskutiert der Nachwuchs daheim bis aufs Messer, "Nö, muss ich nicht, hat der Lehrer ja nicht gesagt!"

Der Hinweis auf Schutzmittel und Desinfektionsmittel-Vorräte im Pandemieplan ist nicht der einzige, der im Pandemie-Drehbuch ungehört oder ungelesen blieb.


Corona-Virus: Die Welt hört erst spät hin

Schon Anfang 2019 hatten chinesische Wissenschaftler in einem Forschungspapier, das im Fachmagazin Viruses veröffentlicht wurde, vor einem neuen Coronavirus gewarnt. Und auch Ende 2019, als Ärzte in China von Übertragungen einer neuartigen Lungenkrankheit berichteten, die von Mensch zu Mensch weitergegeben wurde, schlug noch niemand Alarm. "Dabei hätte man schon im Dezember wissen müssen, was kommt", sagt Dr. Peter Hotez, ein renommierter US-Virologe in einem US-Podcast.


Impfstoff - wäre da schon Schutz möglich gewesen?

Aber erst nachdem China Mitte Januar Todesfälle durch Mensch-zu-Mensch-Übertragung einräumte, wurde die Welt hellhörig. Und lernte einen Virus kennen, das sich bei seiner Verbreitung als tückischer erwies als seine Verwandten und bei dem wir jetzt "eine extreme Lernkurve erleben", sagt US-Virologe Hotez.

2016 hatte er als Ko-Direktor des Zentrums für Impfstoffentwicklung am Texas Children's Hospital einen Wirkstoff entwickelt gegen das SARS-Virus in China von 2003, an dem über 770 Menschen starben. Allein – kein Mensch interessierte sich dafür.

SARS? War da was?

Symbolfoto: Impfstoff 3 min
Bildrechte: imago images/localpic

Hotez schildert das Dilemma: "Wir könnten schon längst verschiedene Corona-Grundimpfstoffe in klinischen Tests haben, die man kombinieren, und jetzt auch nutzen könnte. Wenn es Geld dafür gegeben hätte." Aber niemand wollte damals die weitere Forschung finanzieren, um zu testen, ob der Impfstoff auch bei Menschen wirkt. Der Grundfehler aus Hotez´ Sicht:

Wirkstoffentwicklung darf nicht als Ziel haben, dass er verkauft wird, sondern dass es um die Gesundheitsvorsorge geht.

Peter Hotez, Virologe

Stattdessen hechelt die Weltgemeinschaft nun dem Virus hinterher. Derzeit sind laut WHO 62 Impfstoff-Forschungen bekannt. Die sogenannte Karte der Hoffnung zeigt, wo überall in der Welt Studien zum neuartigen Coronavirus an Menschen gemacht werden.

Überblick über aktuelle Impfstoff-Forschungen

Impfstoff-Entwicklung - eine Hausaufgabe, für die keiner Geld ausgeben wollte. Auch im Pandemie-Krisenplan der Bundesregierung von 2012 spiegelt sich das wieder. Hier heißt es dazu:

Ein Impfstoff existiert zunächst nicht und wird erst nach drei Jahren verfügbar sein.

Bundestag, Krisenszenario: Pandemie durch Virus "Modi-SARS", Seite 73

"Arzneimittelbestände zur Behandlung der Symptome reichen aus", heißt es da weiter, "Ersatzbeschaffungen werden zeitnah geordert. Allerdings stößt die internationale Pharmaindustrie an Grenzen der Produktionskapazität." Ein Denkfehler - hier wird davon ausgegangen, das Krisenszenario beschränke sich auf Deutschland. In anderen Ländern dagegen laufe alles wie gewohnt, nur nicht schnell genug. So als seien alle Produktionsketten für die Medikamentenherstellung weltweit intakt.


Krisenszenario: Faktor Mensch - marginale Rolle

Der fiktive Krisenbericht definiert unter der Rubrik "Schutzgut Menschen" nur wenige Probleme: Die Versorgung isolierter, betagter, oder unter Quarantäne stehender Menschen könnte schwierig sein. Oder dass Menschen aus Angst nicht mehr in die Apotheke gehen.

Eine Frau versucht, sich vor der Gewalt eines Mannes zu schützen
Scham ist oft ein Grund dafür, dass häusliche Gewalt verschwiegen wird. Jetzt erschwert das Wegfallen der Zufluchtsorte mögliche Hilfen. Und der Fakt, dass die Agressoren ihre Opfer komplett "für sich" haben, ohne Außenkontakte. Bildrechte: dpa

Völlig ausgespart wurde im Pandemie-Szenario diese Thematik: Was passiert im Privaten - Stichwort häusliche Gewalt. Das Problem wird weder erkannt: Was passiert in Haushalten, wenn die Opfer ihren Aggressoren nicht ausweichen können und Hilfsangebote wegfallen? Noch werden (fiktive) Hilfsangebote benannt, zum Beispiel: "Es gibt ausreichend Plätze für Opfer häuslicher Gewalt". Anhand von Fallzahlen aus dem normalen Alltag hätte man einen Bedarf hochrechnen, Pläne entwickeln, vorausschauen können. Dann müsste man jetzt nicht nur konstatieren: "Die Fallzahlen nehmen zu".

Frauenhäuser seien ohnehin chronisch überlastet, sagt Amelie Voigt vom Autonomen Frauenhaus Leipzig im Gespräch mit MDR Sachsen. Hätte man den Faktor "Mensch" im Krisenszenario stärker ausgeleuchtet, müsste an dieser Stelle vielleicht weniger improvisiert werden. So wie in Sachsen, wo in Freiberg leerstehende Pensionen und Hotels angefragt werden, um Frauen mit Kindern unterbringen zu können.


Ein Plan ist nur ein Plan

Der Pandemieplan der Bundesregierung von 2012 trifft in vielen Punkte das aktuelle Szenario. Aber es zeigt sich auch, dass ein Plan eben nur ein Plan ist. Er wirft extrem viele Fragen und Schattenseiten auf den Hausaufgabentisch. Ob und wer und wann sie schlussendlich bearbeitet werden, wird sich nach Ende der Krise beantworten lassen.

Zum Beispiel müssen wir klären, wie Viren von Tieren auf Menschen übergehen - und wie sich das verhindern lässt. Das Schuppentier etwa hat eine bedeutende Rolle dabei gespielt, wie das neuartige Coronavirus von der Fledermaus zum Menschen kam. Edward Holmes, Evolutionsvirologe in Sydney, der dazu forscht, sagt: "Um solche Pandemien in Zukunft zu verhindern, ist die entscheidende Lektion, die wir aus dieser Pandemie lernen, dass Menschen ihre Konfrontation mit der wilden Tierwelt eindämmen müssen."

Was wiederum zu der Frage führt: Wie gehen wir in Zukunft mit den Landressourcen weltweit um, wie dicht rücken wir Menschen der Natur und ihren Bewohnern auf den Pelz? Wird man im Gesundheitssystem umdenken? In der Bildung? In den Produktionsketten? In der Landwirtschaft? Das werden wir im nächsten Pandemieplan der Bundesregierung oder anderen Krisenszenarien aus der Forschung lesen.

lfw

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