Täglich aktualisierte interaktive Übersichten Corona und die aktuelle Lage auf den Intensivstationen

Update 1. Dezember 2020:
Die Zahl der Covid-19-Intensivpatienten ist zum ersten Mal leicht gesunken.
3.919 Covid-19-Patienten lagen heute auf Deutschlands Intensivstationen, sieben weniger als gestern.
In Berlin, Hessen, Sachsen und Bremen gibt es derzeit mehr Covid-19-Patienten als freie Betten. Bayern und das Saarland sind von diesem Zustand nicht weit entfernt.
In 16 Kreisen Deutschlands gibt es laut Meldung der Kliniken keine freien Intensivbetten mehr.

Wenn es darum geht, dass wir alle wieder mit Einschränkungen leben müssen, wird von den politischen Entscheidungsträgern immer wieder darauf verwiesen, dass ein medizinischer Notstand verhindert werden müsse. Der würde dann eintreten, wenn die Intensivstationen durch zu viele Coronafälle überlastet sind. Wie ist die Situation? Wir verwenden in diesem Artikel die deutschlandweit gemeldeten Zahlen in interaktiven Übersichten, aus denen Sie den aktuellen Trend ablesen können.

Wann sind die Intensivstationen "voll"?

Wann ist der Punkt erreicht, dass die Intensivstationen so überlastet sind, dass dort nicht mehr allen Patienten die nötige Behandlung zukommen kann? Wenn 100 Prozent der Intensivbetten belegt sind? Wenn alle Beatmungsgeräte in Benutzung sind? Oder schon viel eher?

Die meisten Intensivmediziner sagen, dass Betten und Beatmungsgeräte nicht das dringendste Problem sind. Viel früher fehle es an geschultem Personal.

Die folgenden Statistiken und Diagramme können den Aspekt des Personals nicht berücksichtigen, weil es dazu keine offiziellen und objektiven Zahlen gibt. Deshalb kann auch nicht gesagt werden, welche Intensivstation vielleicht schon bei 60 Prozent Auslastung an ihre Grenzen stößt, welche erst bei 80 Prozent, oder welche sogar mit 100 Prozent Auslastung zurechtkommen würde.

Täglich aktualisierte Zahlen gibt es aber über die Covid-19-Patienten und über die insgesamt belegten und freien Betten in den Intensivstationen. Bereitgestellt werden sie vom DIVI-Intensivregister, dem die Zahlen wiederum jeden Tag von mehr als 1.500 Intensiv-Bereichen deutscher Krankenhäuser gemeldet werden. Die Krankenhäuser sind angehalten, nur wirklich betreibbare Betten (in Sachen Ausrüstung und Personal) als verfügbar zu melden. Wie sie sich daran halten, liegt im Verwantwortungsbereich jeder einzelnen Klinik und kann im Einzelfall nicht nachgeprüft werden. Dennoch kann man aus der Summe der gemeldeten Zahlen zumindest deutliche Trends ablesen, ob die Lage in Deutschland und den einzelnen Bundesländern gerade schlimmer oder besser wird.

Erklärungen zu jedem Diagramm erhalten Sie, wenn Sie die Fragestellung über dem Diagramm aufklappen.

Auslastung

Wie stark sind die Betten auf den Intensivstationen heute ausgelastet?

Die Deutschland-Karte zeigt tagesaktuell an, wieviel Prozent aller als verfügbar gemeldeten Intensivbetten in jedem Bundesland belegt sind.
Hierbei wird noch nicht unterschieden, ob es sich um Covid-19-Patienten oder um andere Intensivpatienten handelt. Es geht um die prozentuale Bettenauslastung der Intensivstationen generell.

Wie hat sich diese Auslastung in den vergangenen 60 Tagen entwickelt?

Das nächste Diagramm zeigt für ganz Deutschland oder jedes einzelne Bundesland (je nachdem, was Sie auswählen) die detailierte Entwicklung der Bettenauslastung in den vergangenen 60 Tagen.
Die prozentualen Anteile von beatmeten Covid-19-Patienten (rot), nicht beatmeten Covid-19-Patienten (gelb) und Patienten, die ohne Covid-19 auf der Intensivstation liegen (grau), werden hier übereinander gestapelt, sodass die obere Kante des grauen Bereichs gleichzeitig die Gesamtauslastung der als verfügbar gemeldeten Betten zeigt.

Wie viele Covid-19-Patienten liegen tatsächlich auf Intensivstationen?

Die vorherigen zwei Diagramme zeigen prozentuale Werte, sind also abhängig von der Gesamtzahl der Betten in den Intensivstationen, die sich immer wieder ändern kann, wenn Kliniken mehr oder weniger verfügbare Betten melden.
Deshalb werfen wir einen Blick auf die absoluten Zahlen von Covid-19-Intensivpatienten - wie viele Patienten es also tatsächlich gibt und in den vergangenen 60 Tagen gab.

Gibt es da auch so etwas wie R bei den Infizierten-Zahlen, also einen Wert, der möglichst nicht über 1,0 steigen sollte?

Ja, gibt es.
Seit Beginn der Corona-Pandemie kennen viele die Reproduktionszahl R, die man bei den Infizierten-Zahlen verwendet, um den täglichen Anstieg zu beziffern. Dort sind die wichtigsten Fragen, ob R größer als 1 ist - und wenn ja, wie viel größer.
Ähnlich gedeutet werden kann der im folgenden Diagramm veranschaulichte tägliche Multiplikator, der anzeigt, wie stark die Zahl der Intensivpatienten zum Vortag gestiegen ist. Und er ist im Gegensatz zu R deutlich einfacher und tagesaktuell zu berechnen, weil die Zahl der Intensivpatienten nicht geschätzt werden muss, sondern objektiv vorliegt.
Wenn die Zahl der Intensivpatienten genauso hoch wie am Vortag ist, dann beträgt der Multiplikator genau 1,0. Je stärker die Zahl der Intensivpatienten steigt, desto weiter liegt der Multiplikator über 1. Je stärker die Patientenzahl sinkt, desto weiter liegt der Multiplikator unter 1.
Mit Hilfe des daraus erstellten Diagramms aus den vergangenen 60 Tagen lässt sich optisch eine Tendenz erfassen.
Aus dieser Kurve lässt sich auch herleiten, ob ein exponentieller Anstieg der Zahl der Covid-19-Intensivpatienten vorliegt. Dazu muss die Multiplikator-Kurve nicht selbst exponentiell ansteigen, sie muss sogar überhaupt nicht steigen. Schon, wenn der Multiplikator konstant bei mehr als 1,0 bleibt, liegt ein exponentieller Anstieg der Patientenzahlen vor.
Die wichtigste Frage lautet also: Verläuft die Kurve oberhalb oder unterhalb von 1,0?

Die Kanzlerin hat vom Verdopplungszeitraum gesprochen. Was ist das?

Der Verdopplungszeitraum ist ein rückblickender Wert, kein vorausschauender.
Er zeigt also nicht an, in wie vielen Tagen die Zahl der Covid-19-Intensivpatienten doppelt so hoch sein wird (das weiß ja niemand), sondern vor wie vielen Tagen sie halb so hoch war wie am jeweiligen Tag.
Indirekt zeigt er exponentielles Wachstum der Patienten-Zahlen an: Je niedriger der Wert ist, umso stärker ist von exponentiellem Wachstum der Patienten-Zahlen auszugehen. Je höher er wird, umso weniger ist von exponentiellem Wachstum auszugehen.
Ein niedriger Wert ist hier also gefährlicher. Ein hoher Wert ist besser für die Intensivstationen, bedeutet aber nicht automatisch Entspannung: Er bedeutet nur, dass sich die Zahl der Covid-19-Patienten zwar weniger schnell, aber trotzdem verdoppelt hat.
Wieder schauen wir auf die vergangenen 60 Tage.

Wie brenzlig ist die Lage wirklich? Kann man das optisch veranschaulichen?

Im folgenden 60-Tage-Diagramm werden diejenigen Intensivpatienten außer Betracht gelassen, die nichts mit Covid-19 zu tun haben.
Es wird nur auf den Rest der Intensivbetten geschaut: In wie vielen Intensivbetten liegen Covid-19-Patienten, und wie viele Betten wurden täglich als "frei und betreibbar" gemeldet?

Gibt's das auch prozentual?

Das nächste Diagramm beruht auf denselben Werten wie das vorherige, nur werden die Werte diesmal prozentual, also anteilig dargestellt. Wieder werden alle Intensivpatienten außer Betracht gelassen, die nichts mit Covid-19 zu tun haben.
In wie viel Prozent der restlichen Betten liegen Covid-19-Patienten, und wie viel Prozent gelten als verfügbar?
Diese Werte hängen also auch von der Zahl an gemeldeten freien Betten ab, die sich durch klinik-interne Umstände ändern kann.
Dennoch lassen sich so Trends, ob die freien Betten durch Covid-19 zur Neige gehen könnten oder nicht, optisch erahnen - gerade dann, wenn diese Trends ähnlich wie bei den absoluten Patienten-Zahlen im Diagramm zuvor verlaufen.

Wo in Deutschland gehen die freien Betten am ehesten zur Neige, wenn die Zahl der Covid-19-Patienten steigt?

Diese Frage soll die folgende Karte beantworten. Natürlich nur als rein rechnerische Momentaufnahme und nicht für einzelne Intensivstationen, sondern als Gesamtwert der einzelnen Bundesländer.
Es wird die tagesaktuelle Zahl der Covid-19-Intensivpatienten ins Verhältnis zur Zahl der als verfügbar gemeldeten Betten gesetzt.
Wenn der aus dieser Rechnung entstehende Quotient gleich 1 ist, bedeutet das, dass es genauso viele Covid-19-Patienten wie freie Betten auf den Intensivstationen gibt. Je größer er als 1 ist, desto mehr überwiegen die Covid-19-Patienten. Je kleiner er als 1 ist, desto mehr überwiegen die freien Betten.
In Verbindung mit den Trends aus den vorherigen Diagrammen lässt sich so einschätzen, wo in Deutschland die Lage besonders besorgniserregend ist.

Was ist mit den anderen Intensivpatienten? Gibt es in Covid-19-Zeiten weniger?

Es kann verschiedene Gründe haben, wenn die Zahl der "sonstigen" Intensivpatienten rückläufig ist, zum Beispiel:
1.) Wenn Kliniken aufgrund der aktuellen Corona-Lage viele "medizinisch nicht notwendige" Operationen verschieben, dann macht sich das auch auf den Intensivstationen bemerkbar, weil ein gewisser Teil dieser OP-Patienten sonst vermutlich dort gelandet wäre.
2.) In Lockdown-Zeiten könnte es weniger Verkehrsunfälle (und damit weniger Schwerverletzte) geben. Zumindest für den ersten Lockdown im März/April 2020 war das statistisch deutlich zu beobachten.
3.) Menschen könnten aus Angst vor Ansteckung oder aus Angst, anderweitig benötigte Betten zu belegen, nicht ins Krankenhaus gehen, obwohl es medizinisch nötig wäre.
Das folgende Diagramm kann die möglichen Gründe nicht veranschaulichen, aber es zeigt die Anzahl der "sonstigen" Intensivpatienten (grau) und der Covid-19-Intensivpatienten (orange) als gestapelte Balken, sodass aus der Gesamthöhe der Balken auch ersichtlich ist, wie viele Intensivbetten insgesamt in den vergangenen 60 Tagen belegt waren und tagesaktuell sind.

6 Kommentare

Robert R vor 6 Tagen

Lieber RolfT.
der zahlenmäßig offensichtliche Umkehrschluss (genügend freie Betten) macht mir persönlich Sorgen.
Die Zahlen sagen das, ja, da haben Sie absolut Recht.
Das Personal auf den Stationen sagt aber anderes, wie zumindest immer häufiger zu hören und lesen ist. Der wichtigste Punkt, den man in diesen Diagrammen nicht erfassen kann, ist, dass Covid-Patienten meist deutlich pflegeintensiver sind (Bauchlagerung etc.) als andere Intensivpatienten.
Außerdem sind zunehmend Stimmen zu hören, dass die gemeldete Anzahl freier Betten in manchen Kliniken viel zu hoch gegriffen sei.

Die Diagramme können das nicht beurteilen und stoßen beim Thema "freie Betten" evtl. an ihre Grenzen. Daher auch die relativierenden Worte im Einleitungstext darüber.

RolfT. vor 6 Tagen

Hallo Robert R,
vielen Dank für das Überarbeiten und für das neue Diagramm "Intensivpatienten ohne Covid-19", aus dem ersichtlich ist, dass die Zahl der Intensivpatienten insgesamt etwa gleich geblieben ist. Was auch bedeutet, dass es noch genügend freie Betten gibt.

NufNuf vor 1 Wochen

Ich vermisse eine Beschriftung der X-Achse in allen Diagrammen. Es ist sicherlich die Zeit, vermutlich sogar die 60 Tage, die in der Beschreibung des ersten Diagramms erwähnt sind, aber es würde helfen, wenn die Achse wenigstens grob unterteilt wäre, oder Daten unten dran stehen würden. Danke