Frau mit weißem Kittel, Schutzschild und FFP2-Maske untersucht mit der Hand einen unbekleideten Bauch, im Vordergrund liegend, unscharf
Fragmente von Sars-CoV-2 tauchen offenbar im Darm unter. (Symbolbild) Bildrechte: IMAGO/Cavan Images

Long Covid Noch nach Monaten im Darm: Coronavirus versteckt sich im Körper

17. Mai 2022, 17:20 Uhr

Noch immer ist "Long Covid" genau so rätselhaft wie offenkundig: Aber Hinweise verdichten sich, wie es auch nach der Infektion zu anhaltenden Symptomen kommen kann. Zum Beispiel durch Virus-Überbleibsel im Körper, etwa im Verdauungstrakt. Spruchreif sind diese Funde aber noch nicht.

Wenn wir Menschen sowas wie ein zweites Gehirn haben sollten: Der Verdauungstrakt wäre der erste Kandidat dafür. Dass sich Stress auf ebenden niederschlägt, ist nichts Neues und das Bauchgefühl heißt nicht erst so, seitdem langsam klar wird, welche ganzkörperlichen Auswirkungen der Darm zu haben imstande ist. Nicht gut, wenn der ohnehin schon angegriffene Verdauungsapparat durch Corona weiter geschwächt wird. Da passen die Beobachtungen ganz gut ins Bild, von denen jetzt Nature berichtet.

Die Rede ist von Coronavirus-Geistern – die heißen möglicherweise so, weil sie entweder bisher unerkannt umhergeistern konnten oder als Fragmente nur noch ein Schatten ihrer selbst sind. Zumindest sind verschiedene Forschende unabhängig voneinander auf diese Virusreste aufmerksam geworden, die sie vor allem im Darm verorten konnten. So haben Berichte über Erbrechen und Durchfall die kalifornische Genetikerin und Onkologin Ami Bhatt bereits derart fasziniert, als Sars-CoV-2 noch als reines Atemwegsvirus galt, dass sie sich schließlich entschloss, Stuhlproben von Menschen mit Covid-19 zu sammeln.

Anhaltende Virus-Reservoirs im Körper

Der Tiroler Gastroenterologie-Internist Timon Adolph begann zu dieser Zeit auf der anderen Seite der Erde ebenfalls mit dem Probensammeln. Voraussicht, die sich für beide Forschenden und ihre Teams jetzt bezahlt gemacht hat. So können die Beobachtungen als Teil einer ganzen Reihe von Indizien gesehen werden, die zum Long-Covid-Phänomen beitragen. Anhaltende Virus-Reservoirs im Körper gelten als einer der Gründe, die zum Auftreten von Long Covid führen können.

Bereits im vergangenen Jahr hat eine Arbeit des New Yorker Gastroenterologen Saurabh Mehandru gezeigt, dass Sars-CoV-2 den Darm infizieren kann. Die Untersuchungen wiesen auch hier vier bis sechs Monate nach der Infektion Hinweise auf Corona-Reste im Magen-Darm-Bereich hin. Ami Bhatt legt noch einen Monat drauf und hat Virus-RNA demnach mehr als ein halbes Jahr nach der ersten leichten bzw. mittelschweren Infektion noch im Stuhl nachgewiesen.

Nach der gleichen Zeit gab es in Timon Adolphs Untersuchungen bei 32 von 46 Studienteilnehmenden mit leichter Covid-19-Erkrankung Anzeichen von Sars-CoV-2-Molekülen im Darm. Zwei Drittel der 32 Personen hatten Long Covid-Symptome. Allerdings hatten alle Teilnehmenden auch eine Autoimmunerkrankung im Darmbereich, was die Aussagekraft der Ergebnisse einschränkt.

Noch keine Beweise, aber Hinweise

Indes konnten auch andere, allerdings noch nicht wissenschaftlich begutachtete Untersuchungen zeigen, wo sich die Virus-RNA überall im Körper zu verstecken weiß: Auge, Herz, Gehirn, Brust. Diese hereintröpfelnden Indizien zeigen, dass ein Corona-Nachweis im Körper nicht mal eben so einfach zu bewerkstelligen ist – insbesondere bei Menschen, die nicht bereits immungeschwächt sind.

Oder wie es Ami Bhatt in Nature zusammenfasst: Noch gibt es keinen wissenschaftlichen Beweis, dass Virus-Fragmente im Körper und Long Covid im direkten Zusammenhang stehen. Allerdings tun Forschende gut daran, aufgeschlossen für das Thema zu bleiben: "Zusätzliche Studien müssen noch durchgeführt werden – und sie sind nicht einfach."

flo