Covid-19-Pandemie Reisebeschränkungen? Es bleibt kompliziert

Die Maskenpflicht hilft gegen die Corona-Ausbreitung, da sind sich Forschende mittlerweile einig. Ob das auch für Reisebeschränkungen gilt, ist umstritten. Zumindest teilweise sind sie wohl hilfreich, zeigen Studien.

Schwarze Abflugtafel am Flughafen Köln/Bonn mit weißen Text: Verschiedene Flugnummern und Flugziele, einige davon als annuliert.
Der Klassiker im März 2020: Abgesagte Flüge auf der Abflugtafel. Seitdem sind die Flugpläne dünner geworden. Bildrechte: imago images/Future Image

Sich gänzlich abzuschotten und einzuigeln, ist in den meisten Fällen keine sonderlich gute Idee. Vielleicht an einem verregneten Sonntagnachmittag zuhause auf dem Kanapee – auf gesellschaftlicher Ebene ist aber davon abzuraten.

Was das gesellschaftliche Abschotten betrifft, wurden im Falle der Covid-19-Pandemie die Karten aber neu gemischt und damit auch die der grenzenlosen Freiheit. Bereits Anfang Februar sagte der Virologe Alexander Kekulé im MDR WISSEN-Gespräch, er halte die fehlenden Einreisekontrollen für Reisende für fahrlässig. Zu diesem Zeitpunkt galt das zwar nur für solche aus China, doch schon da zeigte sich, was die Tourismusbranche ab dem Frühjahr bitter zu spüren bekam: Die menschliche Mobilität – oder eben das Einschränken dieser – spielt beim Kampf gegen Corona eine entscheidende Rolle.

Noch im Mai aber war die Weltgesundheitsorganistation WHO der Auffassung, durch Reisebeschränkungen lasse sich das Virus nicht aufhalten. Das sei eine fatale Fehleinschätzung gewesen, so beschreibt es der in diesen Tagen viel zitierte Soziologe Ruud Koopmans. "Reisebeschränkungen sollte ein viel größeres Gewicht beigemessen werden", fordert der Wissenschaftler. "Das gilt für die Eindämmung bevorstehender Wellen der aktuellen Pandemie, aber auch für ähnliche Pandemien in Zukunft."

Gewissermaßen hat der Niederländer selbst Grenzen überwunden, zumindest eine innereuropäische. Am Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung ist er Direktor für Migration, Integration und Transnationalisierung und zudem Professor für Soziologie und Migrationsforschung an der Humboldt-Universität in Berlin. Zu Koopmans muss man wissen, dass er schon vor vier Jahren in den Fokus der Medien gelangte, teilweise auch in deutliche Kritik. Damals tendierte er in der Öffentlichkeit zu einer populistischen Darstellung seiner Studienergebnisse, vor allem was die Migration und Integration von Musliminnen und Muslimen betraf. Das brachte ihm u.a. Applaus bei der AfD und dem niederländischen Rechtspopulisten Geert Wilders ein – und den Unmut der versammelten studentischen Fachschaft, die sein Auftreten in der Öffentlichkeit scharf verurteilte und ihm Nationalismus vorwarf.

Impressionen vom Geschehen auf dem Flughafen Dresden International nach dem Neustart des Flugbetriebs: Blick in die leere Abflughalle. Ein Paar läuft Arm in Arm Richtung Ausgang, Blick von hinten.
Leere Stühle, fast leere Gänge am Flughafen Dresden. Bildrechte: imago images/Thomas Eisenhuth

Ein Geschmäckle hat es also, wenn sich Koopmans, ein Befürworter nackter Zahlen, zu einem Thema zu Wort meldet, das auch Grenzschließungen beinhaltet. Und so scheint auch der Titel seines Diskussionspapiers gleich ein wenig provokativ und passt zu dem, was man von Koopmans kennt: "Ein Virus, das keine Grenzen kennt?" fragt er rhetorisch in die wissenschaftliche Runde. Seine Beobachtungen bestätigen indes das, was bisher naheliegend erschien: Frankreich, Italien und die Vereinigten Staaten als Länder, die dem Reise- und Tourismusverkehr besonders ausgesetzt sind, seien auch von der Coronapandemie besonders stark betroffen. Zudem, so die Studie, wirke sich der Zeitpunkt eingeführter Reisebeschränkungen maßgeblich auf die Todesfallrate aus. Bei Ländern, die diese bereits vor Mitte März eingeführt haben, sei die Sterberate geschätzt 62 Prozent niedriger. Als positive Beispiele werden hier Australien, Israel und Tschechien genannt. Großbritannien, Frankreich und Brasilien hingegen hätten zu spät reagiert, Deutschland liege im Mittelfeld.

Beschränkung des Reiseverkehrs besonders zu Beginn der Pandemie wichtig

Die Untersuchung räumt allerdings auch ein, dass eine Quarantäne für Einreisende nachweislich zielführender sei als Einreiseverbote. Das sei darauf zurückzuführen, dass es bei Einreiseverboten zu viele Ausnahmen geben würde (zum Beispiel für zurückkehrende Bürger), Quarantäne sei in der Regel aber für alle gültig. Außerdem seien gezielte Einreiseverbote – zum Beispiel solche aus China, die Virologe Kekulé im Februar nahegelegt hat – zielführender als Verbote für alle Länder.

Das klingt alles klar und deutlich. Dass es das aber nicht ist, haben Forschende des Cochrane-Netzwerks bereits Anfang September gezeigt. Dazu hat das Team in einer Analyse vorliegende Studien aus verschiedenen Ländern ausgewertet, die die Wirksamkeit von Reisebeschränkungen vor allem in Bezug auf die Covid-19-Pandemie, aber auch auf Sars- und Mers-Ausbrüche untersucht haben. Dabei wurden Ergebnisse einbezogen, die auf echten Daten basieren und auf mathematischen Modellen. Unterm Strich ist das Fazit des Forschungsteams gemischt.

Ein kleines Kind trifft auf sein Vater auf der gegenueberliegenden Seite der Grenze Zgorzelec und Goerlitz an einem Metallzaun, Seitenansicht, Kussposition
Im April waren die europäischen Zwillingsstädte Görlitz und Zgorzelec so geteilt wie lange nicht. Begegnungen am provisorischen Grenzzaun … Bildrechte: imago images/photothek

So konnte zwar die Annahme untermauert werden, dass Beschränkungen des Reiseverkehrs zu Beginn einer Pandemie wirksam seien, die Zahl der Neuerkrankungen zu verringern. Mit deutlichen Schwankungen allerdings: Um 26 bis 90 Prozent könnte die Zahl der Erkrankungen reduziert werden. Auch Gesundheitschecks auf Covid-19-Symptome können beitragen, Erkrankte zu identifizieren und den Ausbruch zu verzögern. Die Ergebnisse solcher Studien würden sich aber beträchtlich voneinander unterscheiden, woraus die Autorinnen und Autoren eine große Unsicherheit schließen, wie viele an Covid-19 Erkrankte tatsächlich erkannt werden können.

Octavian Ursu Oberbürgermeister der Stadt Goerlitz und Rafal Gronicz, Bürgermeister der Stadt Zgorzelec – zwei Männer löse das Schloss an einer Metallkette an einem Zaun. Froschperspektive im Dunkeln mit beleuchteten Gesichtern.
… waren im Juni nicht mehr notwendig, als die beiden Bürgermeister der Städte die Grenze wieder öffneten. Bildrechte: imago images/photothek

Die Sinnhaftigkeit der von Koopmans als besonders wirksam hervorgehobenen Quarantäne konnte die Studie nicht abschließend klären, da sie von zu vielen Faktoren abhängig sei – zum Beispiel, wie viele Menschen sich wirklich an diese Regel hielten. "Die Situation ist komplex und die Dynamik in der Natur der Pandemie sollte berücksichtig werden", resümieren die Forschenden. Und warnen damit vor einer Schwarz-Weiß-Sicht auf die Dinge. Reisebeschränkungen beträfen die Gesundheit und Gesellschaft in einer großen Bandbreite, "Entscheidungen müssen alle Vorteile und potenzielle Nachteile abwägen."

Kontaktbeschränkungen sind jetzt wichtig

Klar ist, dass Reisebeschränkungen vor allem zu Beginn einer Pandemie helfen, ihre Ausbreitung abzubremsen. Und: Sie sind kein Allerheilmittel sondern nur in Kombination mit anderen Maßnahmen sinnvoll. Derzeit sind das vor allem die generelle Beschränkung von Mensch-zu-Mensch-Kontakten. Der Physiker Dirk Brockmann, der sich an der Berliner Humboldt-Universität und am Robert Koch-Institut mit komplexen Netzwerken, Epidemiologie und menschlicher Mobilität beschäftigt, bestätigt das im Deutschlandfunk. In der aktuellen Situation verliere die Mobilität innerhalb eines Landes an Bedeutung, also etwa von Kreis zu Kreis, Gegenmaßnahmen seien zu vernachlässigen – Stichwort Beherbergungsverbote. In der aktuellen Phase wichtiger sei das Tragen eines Mund-Nasen-Schutzes, das Abstandhalten und das Vermeiden größerer Menschenansammlungen. Also: Erstmal alles wie gehabt. Ganz so wie wir es seit dem Frühjahr kennen.

Links zu den Studien

Das Discussion Paper A Virus That Knows No Borders? Exposure to and Restrictions of International Travel and the Global Diffusion of COVID-19 erschien im Oktober 2020 beim WZB Berlin Social Science Center.

Die Studie Reisebezogene Kontrollmaßnahmen zur Eindämmung der COVID‐19‐Pandemie: ein Rapid Review erschien am 16. September 2020 im Cochrane-Netzwerk.
DOI: 10.1002/14651858.CD013717

3 Kommentare

lobo56 vor 5 Wochen

Wie viele im KH liegen kann man nachlesen, Wiebke schwere Fälle auch.
Die einzelnen Symptome sind unerheblich, könnten ja auch noch die Größe, die Vorgeschichte der Betroffenen oder die Haarfarbe erffassen.
......Es gibt bestimmt Wichtigeres als alle möglichen Statistiken noch zu veröffentlichen.

Grosser Klaus vor 5 Wochen

Mehr als 11.000 neue Coronafälle in Deutschland klingt sehr viel und bedrohlich.
Wie viele sind schwer erkrankt im Krankenhaus?
Wie viele haben normale Grippe-Symptome?
Wie viele haben Schnupfen-Symptome?
Wie viele haben gar keine Symptome?
Die Politik und ihr Robert-Koch-Institut sollte hierzu langsam mal Zahlen liefern können.

horst 63 vor 5 Wochen

Nicht für alle.

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