Mehr Neuinfektionen, mehr Intensivpatienten Sind Lockerungen zu Weihnachten falsch?

Nach dem Höhepunkt Mitte November mit täglichen Neuinfektionszahlen jenseits der 20.000 sah es zuletzt nach leichter Entspannung aus. Bis heute. Da vermeldete das RKI 22.046 Neuinfektionen für den gestrigen Tag. Intensivmediziner stellen den "Lockdown light" in Frage.

Porträt von Prof. Uwe Janssens: Mann mit kurzen, grauen Haaren, ohne Bart und Brille, mit weißem Kittel. Hintergrund gelblich, unscharf mit Muster und Dreiecken.
DIVI-Präsident Uwe Janssens Bildrechte: MDR/Deutsche Interdisziplinäre Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI)

Wenn es nach Prof. Uwe Janssens ginge, dann sollten möglichst viele Bundesländer wie Berlin handeln und von Weihnachtslockerungen absehen. Uwe Janssens ist Präsident der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI) und damit so etwas wie Sprecher aller Intensivmediziner. Die Angst vor zu starken Lockerungen äußerte er heute auf dem 20. Kongress der DIVI, der virtuell abgehalten wird.

Schon den derzeitigen "Lockdown light" (und seine Einhaltung) findet Janssens nicht streng genug, weitere Lockerungen über Weihnachten machen ihm Angst. Und das liegt vor allem an den aktuellen Infizierten-Zahlen.
22.046 neue Infektionen an nur einem Tag vermeldete das RKI. Nach einer Entspannung der Lage sieht das nicht aus.

Die Rechnung aus intensivmedizinischer Sicht ist einfach: Schon nach konservativen (eher niedrigen) Statistiken und Schätzungen landet jeder hundertste Infizierte nach etwa zehn bis zwölf Tagen auf der Intensivstation. Von den 22.046 neuen Infizierten wären das also rechnerisch mindestens 220, mit denen es Janssens und seine Kollegen auf Deutschlands Intensivstationen in etwa zwei Wochen zu tun bekommen. Und dann kommen ein Prozent der Neuinfizierten von morgen dazu, dann ein Prozent von übermorgen, und so weiter und so fort.

Covid-19-Patienten sind anders

Noch gibt es Puffer, also freie und betreibbare Betten. Aber immer weniger. Und das liegt nicht nur an der Zahl der neu hinzukommenden Patienten, sondern vor allem an zwei Faktoren, die Covid-19-Fälle so anders machen, als Intensivmediziner es vorher kannten.

Covid-19-Patienten liegen im Durchschnitt deutlich länger auf der Intensivstation als andere Patienten, dementsprechend hoch bleibt die Auslastung. Und Covid-19-Patienten binden auch viel mehr Pflegepersonal. Bauchlagerung, Überwachung von Patient und Messwerten, Infektionsschutz – all das ist so viel zeitintensiver als bei anderen Patienten, dass es sich erheblich auf die Zahl der als "frei und betreibbar" gemeldeten Betten auswirkt.

Die Kliniken sind angehalten, nur solche Betten als frei zu melden, für die auch genügend Personal zur Verfügung steht. Und dabei erklärt sich eine vermeintlich beruhigende Teilstatistik, die aber eben trügerisch ist: Die gemeldeten Daten zeigen, dass die Gesamtzahl aller Intensivpatienten kaum oder gar nicht zunimmt.

Aber daraus abzuleiten, dass dann auch die Zahl der freien (und betreibbaren!) Betten gleich bleiben müsste, ist falsch. Je höher der Anteil an Covid-19-Patienten ist, umso mehr Personal ist gebunden, und umso weniger weitere Betten können betrieben werden.

Prof. Uwe Janssens fordert von verantwortlichen Politikern, die Krankenhäuser durch die Krise zu führen. Damit meint er einerseits, dass der Regelbetrieb der Kliniken (abseits von Covid-19) immer weiter heruntergefahren werden sollte, ohne finanzielle Einbußen für die Häuser. Und andererseits, dass man die Weihnachtslockerungen dringend überdenken sollte. In Nordamerika waren die Familienfeiern zu Thanksgiving ein Multiplikator der Infizierten-Zahlen. Wenn es in Deutschland zu Weihnachten ähnlich viele "Superspreader-Events" gibt, dann wird man Anfang oder Mitte Januar auf den Intensivstationen das Ergebnis sehen.

Jeder Zweite gestorben

Und was das dann wiederum für jeden Einzelnen bedeuten kann, machte gestern Janssens' Kollege Prof. Christian Karagiannidis auf dem virtuellen DIVI-Kongress klar. In einer Studie wurden die Daten der ersten Corona-Welle im Frühjahr ausgewertet. Ergebnis: Jeder Zweite, der mit Covid-19 auf die Intensivstation kam, hat sie nicht mehr lebend verlassen.

(rr)

10 Kommentare

Generation 55 vor 5 Wochen

in Sachsen sollen vom 14.12.20 bis 10.01.21 nur noch Lebensmittelgeschäfte öffnen dürfen und auch Kinder wie von Mitte März bis Mitte Mai 2020 zu hause bleiben.

Karin vor 5 Wochen

Ich stimme dem Ministerpräsidenten zu. Die Verschärfungen sind leider notwendig, da gerade die Coronaleugner eine Mitschuld an den gegenwärtigen steigenden Zahlen haben! Wenn manche Menschen einfach nicht verstehen, dass auch Sie eine Verantwortung für Ihre Mitmenschen haben, dass Risikopatienten sich kaum noch aus dem Haus trauen und Andere ohne Maske und feiernd durch die Straßen laufen, muss Schluß sein! Denkt auch an die Mitarbeiter/innen in der Pflege, die Verkäuferinnen, Reinigungskräfte usw,, die auch Familie zu Hause haben! Auch wenn es schwer fällt, aber schärfere Maßnahmen sind unumgänglich! Bleibt Alle gesund und gehen wir gemeinsam diesen Weg!

lobo56 vor 5 Wochen

Endlich,endlich reagiert Ramelow ,schon quäken CDU, FDP, selbst Grüne und SPD durch's Land.
Diese Verschärfung ist lange überfällig !
Leider wollen sich wiedermal alle profilieren, indem sie erst mal dagegen sind. Der Einzige mit klarer Linie ist Söder, auch wenn er einer Partei angehört, die ich noch nicht gewählt habe.