Covid-19: Interview mit Leipziger Immunologen "Am wichtigsten ist die Booster-Impfung für Risikogruppen"

Die Ständige Impfkommission empfiehlt eine dritte Impfdosis gegen Covid-19 für alle Über-18-jährigen. Am wichtigsten sei dieser Booster für die Risikogruppen, sagt der Immunologe Sebastian Ulbert.

Impfpass mit drittem Aufkleber von Corona-Impfung
Aufkleber für die dritte Covid-Impfung im Impfausweis: Gerade Risikogruppen sollten sich rasch um eine Auffrischungs-Impfung bemühen, rät der Immunologe Sebastian Ulbert. Bildrechte: IMAGO / Christine Roth

Seit dieser Woche empfiehlt die Ständige Impfkommission (Stiko) des Robert Koch-Instituts (RKI) eine dritte Impfdosis, die sogenannte Booster-Impfung gegen Covid-19. Aber sollte nun jeder, dessen zweite Covid-Spritze mindestens sechs Monate her ist, sofort zur Auffrischung? Im Gespräch mit MDR KULTUR rät der Leipziger Immunologe und Impfstoffforscher Dr. Sebastian Ulbert vom Fraunhofer-Institut für Zelltherapie und Immunologie zur Besonnenheit.

Warum sind die Booster-Impfungen notwendig? Wen sollen sie schützen?

Die zusätzlichen Impfungen werden notwendig, weil der Schutz nach einer zweimaligen Impfung nach einigen Monaten nachlässt. Dadurch haben viele Menschen wieder das Risiko, krank zu werden. Vor allen Dingen trifft das auf die Menschen zu, die beispielsweise sehr alt sind oder unter Vorerkrankungen leiden. Das sind Menschen, bei denen die zweimalige Impfung schon damals vielleicht nicht den vollen Schutz bringen konnte.

Heißt das, auch die Booster-Impfung kann vielleicht nicht vor einer Ansteckung schützen, aber vor schweren Verläufen?

Richtig. Die Impfstoffe sind ja vor allem dazu da, vor einer schweren Erkrankung zu schützen. Dass sie auch vor einer Ansteckung oder der Weitergabe schützen, ist eigentlich nicht selbstverständlich. Sars-CoV-2 ist ein Virus, das die Atemwege infiziert und sich so sehr leicht überträgt. Da ist es eine sehr große Herausforderung für einen Impfstoff auch vor der Übertragung zu schützen. Diesen Schutz hat man in einer relativ kurzen Zeit nach der zweiten Impfung gesehen. Das nimmt dann aber wesentlich schneller ab als der Schutz vor einer schweren Erkrankung.

Eine Tabelle zeigt die Wirksamkeit von sogenannten Kreuzimpfungen gegen das Corona-Virus.
Bildrechte: Rob Swanda, PhD

Die Erkenntnisse über den nachlassenden Impfschutz ändern sich gerade regelmäßig. Würden Sie sagen: Die Aussagen über die Effektivität der Corona-Impfstoffe waren zu Beginn zu optimistisch?

Das ist eine schwierige Frage. Es ist ja so: Diese Corona-Impfstoffe wurden sehr schnell entwickelt, die Wirksamkeitsstudien waren noch schneller. Die liefen nur drei bis vier Monate und dabei kam man eben auf diese sehr hohen Zahlen: 95 Prozent, 90 Prozent Effektivität. Das ist für Impfstoffe unglaublich hoch. Es war allerdings zu diesem Zeitpunkt schon klar, dass sich diese Werte nicht über einen langen Zeitraum halten lassen werden. Es ist eigentlich nach jeder Impfung und auch nach einer Infektion so, dass der Schutz vor einer erneuten Ansteckung auch mit Symptomen mit der Zeit nachlässt.

Kann man die Covid-Impfung dann mit der Grippeschutzimpfung vergleichen? Regelmäßige Auffrischungen des Impfschutzes sind notwendig, um geschützt zu sein?

Immunologe Dr. Sebastian Ulbert
Immunologe Dr. Sebastian Ulbert vom Fraunhofer Institut für Immunologie und Zelltherapie. Bildrechte: Fraunhofer IZI

Hier würde ich unterstreichen: Es sollten sich vor allen die Menschen durch weitere Impfungen schützen, die einer der Risikogruppen angehören. Die benötigen jetzt ziemlich schnell diese weitere Impfung. Vielleicht müssen sie sich nach einem Jahr auch nochmal impfen lassen, eventuell sogar jährlich. Bei allen anderen schätze ich das Risiko nicht so groß ein. Die sind noch durch ihre zwei Impfungen gut geschützt vor einer schweren Erkrankung. Aber auch bei ihnen wird es irgendwann notwendig sein, diesen Impfschutz aufzufrischen – deshalb die Stiko-Empfehlung. Doch die Zeiträume sind hier sicherlich länger.

Dazu muss man aber auch sagen: Es sind aktuell noch einige weitere Impfstoffe in der Pipeline. Die werden innerhalb der nächsten Monate höchstwahrscheinlich zugelassen. Sie beruhen auch auf anderen Technologien, sodass man hier weitere Mittel hat, um sich vor Corona zu schützen. Und es kann durchaus sein, dass die Wirksamkeiten länger halten. Aber das muss man dann erst sehen.

Da reden wir jetzt von den sogenannten Tot-Impfstoffen?

Richtig, das ist zum einen ein Impfstoff kurz vor der Zulassung, der auf abgetöteten Viren beruht [Der Impfstoffkandidat VLA-2001 von Valneva, Anm. d. Red.] Und dann gibt es noch einen weiteren Impfstoff, der besteht aus einem rekombinanten Spikeprotein, also aus einem künstlich hergestellten Teil des Virus [der Impfstoff von Novavax, der bereits in Indonesien zugelassen wurde, Anm. d. Red.] Die Wirksamkeit dieser beiden Technologien kann man etwas besser einschätzen, weil es bereits viele Impfstoffe gibt, die auf diesen Prinzipien beruhen. Allerdings muss man auch bei denen mehrfach impfen. Auch hier werden zwei Immunisierungen wahrscheinlich nicht ausreichen, um einen wirklich langjährigen Schutz zu generieren.

In welchen dieser neuen Impfstoffe würden Sie als Immunologe die größte Hoffnung legen?

Ich glaube, dass es mit keinem Impfstoff gelingen wird, die Zirkulation des Virus so weit zu unterbinden, dass wir die Infektion komplett ausschalten können. Aber alle Impfstoffe werden es schaffen, die Menschen vor einem schweren Krankheitsverlauf zu schützen.

Als Immunologe fände ich sehr interessant, eine Mischung von verschiedenen Impfstoffen zu testen. Wir haben ja bereits gesehen, dass Menschen, die beim ersten Mal mit dem Vektorimpfstoff von Astrazeneca geimpft wurden und dann die zweite Injektion mit einem RNA-Impfstoff bekommen haben, dass die Immunantwort dieser Menschen höher war als die von Personen, die nur mit mRNA oder nur mit dem Vektor-Impfstoff geimpft wurden.

Je mehr verschiedene Impfstofftechniken man zur Verfügung hat, umso mehr sollte man auch untersuchen, wie eine Mischung wirkt, um sogenannte synergistische Effekte zu erzielen. Das heißt eine Verstärkung der Immunantwort und dadurch dann auch einen längeren Schutz.

Hausärzte haben schon signalisiert, dass sie mit den vielen Booster-Impfungen auf einmal überfordert sind. Die Reaktivierung von mobilen Impfteams und Impfzentren ist im Gespräch. Ist es bis dahin sinnvoll, sich selbst am besten jeden Tag zu testen?

Wahrscheinlich müssen sich durch eine Verschärfung der Corona-Maßnahmen bald wieder Menschen mehr testen lassen. Der wichtigste Ratschlag ist aber, dass die, die wirklich einer gefährdeten Bevölkerungsgruppe angehören, sich möglichst schnell die Auffrischungsimpfung abholen. Alle anderen sollten nicht in Panik geraten.

(mdr-kultur/ens)

12 Kommentare

MDR-Team vor 1 Wochen

@KalterBrunnen,
wir hoffen, Ihnen geht es wieder gut. Dennoch soll auch an dieser Stelle nicht unerwähnt bleiben, dass Nebenwirkung, v.a. schwere Nebenwirkungen, nach den Impfungen sehr selten auftreten. Laut aktuellem PEI-Sicherheitsbericht betrug die Melderate für alle Impfstoffe zusammen 1,6 Meldungen pro 1.000 Impfdosen, für schwerwiegende Reaktionen 0,2 Meldungen pro 1.000 Impfdosen. (https://www.pei.de/DE/newsroom/dossier/coronavirus/arzneimittelsicherheit.html)

ElBuffo vor 1 Wochen

Ist denn das Biontech ein Lebendimpfstoff? Auf jeden Fall wäre eine größere Auswahl zu begrüßen, auch wenn es selbst dann sicher noch welche geben wird, die noch den dritten Schwenk vollziehen.

Lyn vor 1 Wochen

Ich bin Risikopatientin.

Für mich ist das genauso nützlich wie die jährliche Grippeimpfung und die gegen Pneumokokken, die ich alle 5 Jahre min bekommen muss.

Die Maske ist für mich eine Katastrophe, wenn ich gezwungen bin, sie zu tragen. Das möchte ich unbedingt loswerden.