Covid-19 Mehr Infektionen, weniger Einweisungen: Was sagt die 7-Tage-Inzidenz noch aus?

Die Zahl täglicher Neuinfektionen steigt wieder – aber Experten glauben, dass unser Gesundheitssystem inzwischen viel höhere Fallzahlen aushält. In England sinkt die Inzidenz bereits ohne Gegenmaßnahmen.

Das Universitätsklinikum in der Liebigstraße im Südosten von Leipzig
Die Lage an Krankenhäusern wie dem Leipziger Uniklinikum könnte dank des Impffortschritts auch bei höheren Inzidenzen beherrschbar bleiben, erwarten Wissenschaftler. (Archivbild) Bildrechte: IMAGO / Christian Grube

  • Weil die Zahl neuer Corona-Infektionen wieder wächst, könnte eine 7-Tage-Inzidenz von 35 oder 50 wieder erreicht werden
  • Dank der Impfung könnte das Gesundheitssystem aber weniger belastet sein, wodurch Schließungen nicht mehr nötig seien
  • Das größte Problem im Herbst könnte der Schutz der Schüler werden

Noch vor kurzem waren 200 Neuinfektionen in einer Woche pro 100.000 Einwohner ein ernsthaftes Problem. In England ist diese 7-Tage-Inzidenz jetzt aber schon auf 370 gestiegen. Doch anders als im Winter und Frühjahr wird das Gesundheitssystem nicht mehr überlastet. Grund dafür ist nach Ansicht von Wissenschaftlern vor allem die fortgeschrittene Impfkampagne im Vereinigten Königreich. Weil vor allem ältere Menschen und andere Hochrisikogruppen vollständig geimpft sind, müssen sie viel seltener im Krankenhaus behandelt werden, wenn sie trotzdem erkranken.

Auch für Deutschland – wo sich seit einigen Wochen wieder mehr Menschen neu mit Corona anstecken – stellt sich daher jetzt die Frage: Was passiert, wenn die bisher gültigen Schwellenwerte von 35 oder 50 Neuinfektionen pro Woche je 100.000 Einwohner erreicht werden? Braucht es hier andere Maßzahlen, etwa: Wie viele Menschen sind mit einer Covid-19 ins Krankenhaus gekommen?

Schweiz: 120 Hospitalisierungen pro Woche akzeptabel

Christian Althaus, Schweizer Epidemiologe an der Universität Bern, glaubt, dass diese Zahl der Neueinweisungen in Krankenhäusern künftig ein besseres Bild über den Stand der Pandemie liefert. "Zu einem gewissen Zeitpunkt wird die Inzidenz relativ hoch sein. Es ist noch schwierig abzuschätzen, wie hoch die Belastung des Gesundheitssystems wird. Aber ein Hinweis sind die Hospitalisierungen", sagt er.

Die Schweiz selbst habe sich selbst daher auf den Schwellenwert von 120 Patienten festgelegt, die pro Tag mit einer Corona-Infektion in Kliniken aufgenommen werden können, bevor neue Schutzmaßnahmen nötig werden. Welche Maßnahmen das sein könnten, darüber gibt es noch keine Einigkeit.

Vierte Welle in England könnte Effekt der Europameisterschaft gewesen sein

Das Beispiel England zeigt aktuell, dass Krankenhauseinweisungen nicht mehr im gleichen Maß zeitlich versetzt zu den Neuansteckungen verlaufen. Viel mehr Menschen infizieren sich aber viel weniger müssen deshalb klinisch versorgt werden. Aktuell sinkt sogar die Zahl der Neuinfektionen ganz ohne neue Gegenmaßnahmen wieder. Viele Forscher glauben, dass die vierte Welle dort vor allem ein Effekt der Fußball-Europameisterschaft mit ihren vollen Stadien und Public Viewing-Events war und jetzt mit dem Ende der Veranstaltung von selbst wieder abflacht. Auch in den Niederlanden ist die Belegung der Kliniken durch Covid-Patienten trotz hoher Inzidenzen gering.

Für Deutschland sehen Wissenschaftler aber einige Besonderheiten. So weist etwa Reinhard Busse, Professor für Management im Gesundheitswesen an der TU Berlin, darauf hin, dass hier im Vergleich zu unseren europäischen Nachbarländern etwa doppelt so viele Patienten mit einer Covid-19 stationär aufgenommen werden, die zuvor in die Notaufnahme gekommen sind. Grund dafür seien das Abrechnungssystem und auch der Dienstplan der Fachärzte an den Kliniken. Dadurch werde das System etwas mehr belastet, als bei unseren Nachbarn.

Long Covid größere Gefahr als Kliniküberlastung

Allerdings ist auch hierzulande der Anteil nach einer Infektion hospitalisierter Patienten bereits deutlich gesunken. Wurden im Frühjahr 2020 noch 6 Prozent der Patienten intensivmedizinisch behandelt, waren es ein Jahr später nur noch 2 Prozent. Über die aktuelle Phase liegen noch keine Daten vor, doch die Zahlen dürften weiter gesunken sein.

Busse kommt daher auch angesichts wieder steigender Infektionszahlen zu dem Schluss: "Ich mach mir über das Gesundheitssystem am wenigsten Sorgen." Stattdessen stelle sich die Frage, ob das Long Covid-Syndrom zum größeren Problem werde. Davon könnten ab Herbst immer mehr Schüler betroffen sein, wenn die Schulen keine Fortschritte beim Thema Lüften und Infektionsschutz machen. "Insofern mache ich mir als Bürger gerade Sorgen, dass wir hier den Sommer verschlafen, wie im vergangenen Jahr", sagt Busse.

Größte Risiken bei den 60 bis 80-Jährigen

Ein Restrisiko, auf einer Intensivstation zu landen, bleibt allerdings für Nicht-Geimpfte. Andreas Schuppert, Professor an der RWTH Aachen, hat mit Kollegen bereits Modellrechnungen angestellt, wie viele Menschen davon noch betroffen sein könnten. Im schlimmsten Fall könnten demnach rund 200.000 Menschen im Alter von 18 bis 59 Jahren und 182.000 Menschen über 60 Jahren intensivpflichtig werden, wenn alle angesteckt werden, die nicht durch Impfung oder Genesung geschützt werden.

Auch hier ist Großbritannien ein mögliches Vorbild, da hier mehr Angehörige der Hochrisikogruppe immunisiert worden seien. Deshalb gebe es dort viel weniger Intensivpatienten, als die Modelle der Epidemiologen vorhergesagt hätten, sagt Schuppert. Trotzdem hält er es für möglich, dass viele junge Infizierte auch für mehr Infektionen unter den Älteren sorgen "Man müsste eine sehr gute Brandmauer aufbauen, um ein Überspringen der Infektionen zwischen den Altersgruppen zu verhindern, das wird wahrscheinlich nicht gelingen." Allerdings werde aufgrund der hohen Impfquoten bei den Hochbetagten wahrscheinlich keine eigene Infektionswelle mehr entstehen, wie sie zuvor durch große Ausbrüche in Pflegeheimen beobachtet wurde.

"Eine größere Sorge bereiten mir die Leute in der Gruppe 60 bis 80 Jahre", sagt Schuppert. Denn diese Senioren reisten noch, gingen in Restaurants und lebten zuhause. Hier könnte es bei einer Infektion am ehesten zu schweren Verläufen kommen.

Verhindern, dass das Virus durch die Schulen rast

Ein Problem bei den Daten sehen die Forscher darin, dass die Altersklassen zu groß sind, in denen viele Länderbehörden Infektionen, Krankenhauseinweisungen und Krankheitsverläufe erfassen. Das Robert Koch-Institut etwa fasse die Gruppe der unter 60-Jährigen Erwachsenen zusammen. Zwischen jemandem der 18 Jahre alt sei und jemandem, der bereits 59 Jahre alt sei, gebe es aber ein sehr großes Risikogefälle.

Bestimmte neue Schwellenwerte bei den Inzidenzen können die Forscher derzeit nicht empfehlen. Unbekannt sei dabei aber auch, wie die Gesundheitsämter derzeit mit der Rückverfolgung von Infektionsketten umgingen. Hier sei möglicherwiese auch eine Lockerung von Verfolgungs- und Quarantäneregeln notwendig, solang die Krankenhäuser nicht überlastet werden.

"Man muss auch damit rechnen, dass es im kommenden Winter wieder zu einer Belastung kommen wird und auch zu Todesfällen, aber mit milderen Maßnahmen. Man muss diskutieren, wie man verhindert, dass das Virus durch die Schulen rast", sagt der Schweizer Epidemiologe Christian Althaus. Die Freiheiten von vollständig Geimpften einzuschränken sieht er allerdings nicht mehr als Option an.

27 Kommentare

pepe79 vor 8 Wochen

Lieber MDR, ich bin mir nicht so sicher ob man das gefährlicher oder ungefährlichr werden so pauschalisieren kann. So ist bei der Delta Barianze nur noch selten ein Geschmacks und Geruchssinnsverlust zu verzeichnen. Beides sind Hirnnerven. Der N. olfactorius (Geruch) besteht aus bipolare ZNS-Neurone, die sich im Laufe der Entwicklung in die Peripherie verlagert habe. Es sind die einzigen ZNS-Neurone, welche direkten Kontakt mit der Außenwelt haben. Der Nerv ist also Hirngewebe! Wenn der Geruchssinn inzwischen weniger berinträchtigg ist, kann das ein Zeichen sein das die ZNS Beteiligung inzwischen geringer ausfällt, einfach weil die Eingsngsbarriere wohl inzwischen schwerer überwinden wird durch die Delta Mutante. Alles Spekulation aber eine These die genauso zu untersuchen ist wie alle anderen Möglichkeiten.

pepe79 vor 8 Wochen

Dermbacherin, bitte schließen Sie sich in ihren Keller ein und belästigen Sie nicht andere Menschen mit ihren bodenlos unverschämten eigrnen Sicherheitsbedürfnis. Verhältnismäßigkeit steht über allen Dingen im Rechtsstaat. Lockdowns wie sie ihn fordern werden die Wirtschaft und damit vor allem die Sozialysteme ruinieren...ich wünsche ihnen viel Spaß ohne Rente und einem gar nicht mehr bezahlbaren Gesundheitssystem!

pepe79 vor 8 Wochen

Ja das stimmt, jedoch sind den Ergebnissen nach viele der bisher herangezogen Symptome nicht spezifisch für ein long covid und diese werden weiterhin dafür herangezogen um ein großes Problem bei Kindern zu postulieren eher nicht in dem Ausmaß existiert wie suggeriert wird.