Corona Mitteldeutschland: Warum gibt es auf dem Land mehr Covid-19 als in den Städten?

Obwohl in den mitteldeutschen Großstädten mehr Menschen wohnen als auf dem Land, ist der Anteil der Neuinfektionen in Zentren wie Dresden, Magdeburg oder Erfurt geringer als im Umland. Warum?

Testergebnis, Schnell- und Selbsttest zum Nachweis von SARS-CoV-2
Testergebnis von Corona-Schnelltest: Die Städte in Mitteldeutschland verzeichnen seit Beginn der zweiten Corona-Welle gesehen auf ihre gesamte Einwohnerschaft weniger neue Ansteckungen als das Umland. Bildrechte: imago images/Christine Roth

Beim Blick auf die Karte mit den aktuellen Corona-Fällen in Mitteldeutschland fällt immer wieder auf: Die Städte stehen meist etwas besser da als das Umland. In Dresden gibt es Anfang Mai etwa 145 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner und Woche, in der sächsischen Schweiz sind es dagegen 222 neue Ansteckungen. Halle zählt eine 7-Tages-Inzidenz von 144, im umgebenden Saalekreis sind es dagegen 200. Weimar liegt bei 120, das Weimarer Land dagegen bei 198. Wie kommt es zu diesen Unterschieden? Warum steckt sich auf dem Land offenbar ein größerer Teil der Bevölkerung an, wo doch die Menschen in den Städten viel dichter beieinander leben?

Mehr Singlehaushalte – weniger Ansteckungen

Eine einfache Erklärung gibt es nicht für dieses Phänomen, zumal es auch nicht für alle Gegenden in Deutschland zutrifft. In Würzburg und seinem umliegenden Landkreis ist es beispielsweise aktuell genau umgekehrt. Das Robert Koch-Institut sprach daher schon im Dezember auf Anfrage der Tagesschau-Faktenfinder von einem "diffusen Infektionsgeschehen", zu dem Faktoren wie unterschiedliche Mobilität, oder mehr oder weniger Bereitschaft zum Schutzverhalten beitrügen. Solche Unterschiede seien nicht vollständig erklärbar und wurden zuvor auch bei der Grippe schon beobachtet.

Uwe Gerd Liebert, emeritierter Direktor des Instituts für Virologie an der Leipziger Uniklinik, glaubt, dass aktuell vor allem die Altersunterschiede der Einwohner die wichtigste Erklärung sind. Die Bewohner der mitteldeutschen Großstädte seien durchschnittlich jünger als die auf dem Land. "Die Jungen werden häufig nicht krank", sagt er und vermutet, dass bei Ihnen mehr Infektionen unentdeckt bleiben.

Professor Markus Scholz, Epidemiologe und Medizin-Informatiker in Leipzig, sieht noch einen zweiten wichtigen Grund. "Die beiden Städte Leipzig und Dresden haben den höchsten Anteil an kleinen Haushalten, also den höchsten Anteil an Einpersonenhaushalten." Die meisten Ansteckungen erfolgten im häuslichen Umfeld, deshalb seien in den Großstädten weniger Fälle zu beobachten.

Unterschiedliches Verhalten ist wissenschaftlich schwer messbar

Aktuell sei bei den Altersgruppen eine Verschiebung zu sehen. Weil die Älteren zunehmend geimpft seien, würden nun anteilig mehr Fälle bei jungen Menschen beobachtet, sagt Scholz. Das könnte die Unterschiede zwischen Stadt und Land in Zukunft beeinflussen. Andererseits reduzierten die kleinen Haushalte das Ansteckungsgeschehen aber weiterhin. Dieser Faktor sei offenbar wichtiger als die Bevölkerungsdichte, glaubt der Epidemiologe.

Ob auch es auch Unterschiede bei der Bereitschaft zum Abstand halten, Kontakte reduzieren oder Maskentragen gibt? Das wäre möglich, sei aber wissenschaftlich schwierig zu messen und zu belegen, sagt Markus Scholz.

33 Kommentare

Birgit1 vor 19 Wochen

Sie schreiben "mehr Gebildete". Dass das Virus nachtaktiv ist, wusste ich schon von der Ausgangssperre. Das es aber Menschen abhängig vom jeweiligen Intellekt heimsucht, war mir neu. Ab welchem IQ greift das denn?

Statist vor 20 Wochen

Kritikwürdig sind auch die unterschiedlichen Meldepflichten an Gesundheitsämter bei Schnelltests und "Selbsttests". Für Sachsen habe ich dazu noch keine Quelle gefunden. Aber in Bayern sieht das so aus:
"Bei den Meldepflichten gegenüber dem Gesundheitsamt ist zu unterscheiden, ob es sich um einen Schnelltest oder um einen sog. Selbsttest handelt.
Bei einem Selbsttests ist die Meldung eines positiven Testergebnisses an das Gesundheitsamt nicht gesetzlich vorgesehen. Aus unserer Sicht macht es aber Sinn, den Beschäftigten bei Ausgabe des Selbsttests darauf hinzuweisen, dass dieser ein positives Testergebnis an das Gesundheitsamt melden sollte.
Quelle: VbW Bayern
Es ist daher davon auszugehen, dass eine mitllere bis hohe Zahl an Selbsttests (vom Arbeitgerber oder anders initiiert) mit positivem Resultat dem RKI deshalb überhaupt nicht bekannt werden, wenn z.B. die Arbeitgeber den Beschäftigten zwecks Corona-Isolation bezahlt freistellen. Auch so senkt man vermutlich die Inzidenzen.

Freies Moria vor 20 Wochen

@Uwe G: Das Scheunentor von dem ich rede, die offene Grenze über die beliebig viel Nachschub hereinkommt. Da ist es völlig egal wie gut wir das Virus hier bekämpfen, es kommt immer wieder neu nach, das ist mehr als offensichtlich, wenn man die Karten im zeitlichen Verlauf ansieht.