Gentechnik CRISPR Manipulation Gendoping
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Europäischer Gerichtshof Urteil: Genschere CRISPR/Cas9 ist Gentechnik

Wenn in das Erbgut einer Pflanze ein Stück DNA einer anderen Art eingesetzt wird, dann nennen wir das Gentechnik. Doch was, wenn wir zum Beispiel einfach nur ein Gen aus dem Erbgut entfernen. Ist das schon Gentechnik? Der Europäische Gerichtshof hat jetzt geurteilt: Ja, das ist Gentechnik. Und Lebensmittel, die aus so veränderten Pflanzen entstehen, müssen geprüft und gesondert gekennzeichnet werden.

von Kristin Kielon

Gentechnik CRISPR Manipulation Gendoping
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Es ist heiß in Europa. Und nicht nur der Mensch hat mit der Hitze zu kämpfen, sondern auch die Pflanzen. Wegen der Dürre befürchten die Landwirte erhebliche Ausfälle bei der Ernte. Wie schön wäre es da zum Beispiel Getreide anzubauen, dem Hitze und Wassermangel nicht so viel ausmacht. Das ginge zum einen mit jahrelanger Züchtung oder aber mithilfe von Gen-Editing mit Crispr/Cas. Denn die Genschere kann das Erbgut der Pflanze wie einen Text umschreiben – also editieren. Biologie-Professor Jörg Hacker, Präsident der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina in Halle, erklärt, wie das funktioniert.

Das Ganze passiert so, dass man sich das Genom vorstellen muss und mithilfe dieses Werkzeuges können dann sozusagen Sonden an das Genom geheftet werden. Und dann wird eine Schere die Erbsubstanz an exakt dieser Stelle, die die Sonde vorgibt, schneiden.

Prof. Jörg Hacker

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Prof. Jörg Hacker, Präsident der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina in Halle, im MDR-Interview 13 min
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Genom-Editing mit CRISPR/Cas Neue Gene, neue Medizin

Neue Gene, neue Medizin

Eine neue Medizin - das erhofft sich Prof. Jörg Hacker, der Präsident der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina in Halle, vom sogenannten Genom-Editing.

Di 16.08.2016 17:04Uhr 12:56 min

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Anschließend können die Enden wieder zusammengefügt oder neue Gene eingefügt werden, so Hacker. So lassen sich zum Beispiel Erbinformationen von anderen Sorten der Pflanzenart hinzufügen oder ungewollte Eigenschaften an- und abschalten. Das sei am Ende nichts anderes, als das Ergebnis, das man auch bei der klassischen Züchtung erhält – nur eben in Extrem-Geschwindigkeit, erklärte der Direktor des Max-Planck-Instituts für Entwicklungsbiologie, Detlef Weigel, auf einer Veranstaltung der Leopoldina.

Normalerweise ist es beim Reis besser, wenn die Körner lang sind, um in der Natur zu überleben. Aber es gibt Kulturen, die mögen lieber kurze und breite Reiskörner. Also hat man so eine Mutante selektiert.

Prof. Detlef Weigel

Aber was unterscheidet Crispr/Cas von früheren Methoden der Gen-Manipulation? Mit der Genschere lassen sich die Gene schnell und unkompliziert schneiden. Und sie hat noch einen entscheidenden Vorteil, erklärt Professor Jörg Vogel, Direktor des Instituts für Molekulare Infektionsbiologie in Würzburg. Die sogenannte Mutagenese kann nämlich ganz gezielt ausgelöst werden.

Die Crispr/Cas-Methode ist insofern besser als frühere Methoden, weil wir da ein Protein haben, das wir programmieren können. Wir können dieses Cas-Protein an jeden beliebigen Ort des Genoms schicken (…) und das konnten wir bisher nicht machen.

Prof. Jörg Vogel

Denn bisher war es nicht möglich so präzise sagen: Bitte schneide die DNA an dieser Stelle und bau dort was Neues ein, so Vogel. Mit Crispr geht das. Und wenn dort keine längere Gensequenz oder ein artfremdes Gen eingebaut werden, ist das Ergebnis "naturidentisch". Das heißt, es lässt sich im Nachhinein nicht mehr feststellen, ob eine Mutation durch Crispr/Cas oder durch Zufall entstanden ist. Und auch die Genschere an sich ist ein natürlicher Mechanismus: Wissenschaftler haben sie im Immunsystem von Bakterien entdeckt.

Doch die noch vergleichsweise junge Genscheren-Technik birgt auch Risiken. So ist etwa unklar, was für einen Einfluss die von uns veränderten Gene in Zukunft auf die Organismen haben werden. Und manchmal macht sie, was sie gar nicht soll, erklärt Vogel.

Off-Target-Effekte sind Ereignisse, die aus Ungenauigkeiten entstehen. Das heißt also, wenn ich dieses Crispr/Cas-Protein an eine bestimmte Stelle im Genom schicke, dann schneidet es eventuell nicht nur da, sondern in einem von Zehntausend oder Hunderttausend oder einer Million Fällen auch an einer anderen Stelle.

Prof. Jörg Vogel

Warum Crispr das macht, weiß die Forschung noch nicht. Und auch wie die zerschnittenen Stellen im Genom wieder zusammenwachsen, könnte ein Problem sein: den das geschieht unkontrolliert. Ob das Ergebnis auch korrekt ist, weiß man also später nicht. Aber es ist immerhin ein natürlicher Prozess. Daher stellte sich die berechtigte Frage: Ist das Gentechnik?

Der Europäische Gerichtshof hat nun darauf geantwortet. Mit dem Urteil vom 25. Juli 2018 stellte das Gericht fest: Mit den neuen Mutageneseverfahren ließen sich die gleichen Wirkungen erzielen wie mit der Einführung eines fremden Gens in einen Organismus. Die dabei entstehenden Gefahren seien größer als bei den älteren Verfahren. Ziel der EU-Regelung sei es aber, grundsätzlich schädliche Auswirkungen auf die menschliche Gesundheit und die Umwelt zu verhindern.

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Prof. Emmanuelle Charpentier - Humboldt-Professorin 2014, heute Direktorin am Berliner Max-Planck-Institut für Infektionsbiologie + Video
Prof. Emmanuelle Charpentier - Humboldt-Professorin 2014 und CRISPR-Entdeckerin Bildrechte: Humboldt-Stiftung/Sven Müller

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL Radio | 25. Juli 2018 | 07:22 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 26. Juli 2018, 09:42 Uhr