Genauso wichtig wie der Kopf? Das unterschätzte Darm-Hirn

von Karsten Möbius

Er macht uns oft zu schaffen, weil er so empfindlich ist. Er ist voller Material, an das wir am liebsten überhaupt nicht denken wollen und er ist uns in vielen Dingen immer noch ein Mysterium. Was ist aber dran am viel zitierten Bauchgefühl?

Der Darm ist das einzige autonome Organ in unserem Körper. Er steht zwar durch eine Nervenverbindung in direktem Kontakt zum Gehirn - funktioniert aber komplett selbständig, sagt Biologe Professor Michael Schemann, Mitautor des Buchs "Darm an Hirn":

Wenn sie einen Darm aus dem Körper herausnehmen und in eine Petrischale legen, dann macht er für Tage genau das gleiche, was er im Körper auch machen würde.

Prof. Michael Schemann

Bevor die Natur sich entschied, ein Gehirn, also eine Schaltzentrale für komplexe Organismen zu bauen, waren Verdauungssysteme die ersten Gebilde aus Nervenzellen - kombiniert mit Muskeln, Schleimhäuten und Immunzellen. Vor etwa einer Milliarde Jahren waren das die ersten Organe mit Nervenzellen, die auf die Umwelt reagierten. Und weil die Natur sehr effektiv arbeitet, entschied sie sich, aus genau diesen Nervenzellen Gehirne zu bauen, sagt Prof. Schemann. Das Kopfgehirn sei - was die 3D-Struktur betreffe - viel komplizierter und habe viel mehr Nervenzellen. Was die Kommunikation angehe, sei das im Prinzip aber "Copy-Paste". Die Zusammenarbeit von Hirn und Darm ist überlebenswichtig. Das zeigt sich bei den Urinstinkten, beschreibt Prof. Schemann einen bekannten Effekt:

Klassisches Beispiel ist die Wirkung der Stress-Substanzen wie Adrenalin. Die legen den Darm lahm. Also wenn ein Löwe eine Antilope jagt, dann braucht keiner von denen einen aktiven Darm. Es bringt der Antilope nix, wenn sie der Löwin sagt: Warte mal kurz, ich muss mal kurz abkoten.

Prof. Michael Schemann

Eine zweite Schaltzentrale im Bauch

Illustration zeigt Lage und Verlauf des Darms in einem Frauenkörper.
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Wissenschaftler sind sich einig, dass der Darm unser Leben, unsere Gefühle, Entscheidungen und unsere Gesundheit viel intensiver beeinflusst, als wir das im Moment wissen und vermuten.

Professor Emeran Mayer aus Kalifornien hat eine Theorie, wie der Darm beispielsweise unsere Entscheidungen beeinflusst und warum wir eigentlich immer auf unser Bauchgefühl hören. Er sagt: Durch unseren Darm wird mit Beginn unseres Lebens sozusagen eine Art emotionale Erinnerungsdatei angelegt, auf die wir innerhalb von Millisekunden zurückgreifen können.

Das erste negative Gefühl ist Hunger. Das erste positive Gefühl ist Sättigung und dieses Repertoire von positiven und negativen Darmgefühlen wird nach und nach erweitert. Das ist wie bei Google - wenn Sie zwei Sachen eingetippt haben, weiß es eigentlich schon, was Sie wollen.

Prof. Emeran Mayer
Röntgenbild Darm
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Das sei auch der Grund, warum wir meist unserem Bauchgefühl folgen, egal wie lange wir auf einem Problem herumdenken. Wie eng Kopfhirn und Darmhirn miteinander verwandt und verbunden sind, zeigen Hinweise, dass neurologische Krankheiten im Darm beginnen bzw. ihren Ursprung haben könnten, sagt Prof. Michael Schemann. Ein Beispiel sind Untersuchungen, die gezeigt haben: wenn man von manisch-depressiven Patienten Stuhl nimmt und diesen Stuhl in Ratten gibt, weisen diese auch Verhaltensauffälligkeiten auf. Entsprechende Ansätze bzw. Untersuchungen gibt es jetzt bei Alzheimer, Autismus, Multipler Sklerose oder chronischer Darmentzündung.

Da zeigt sich, dass es eine Assoziation zum Darm gibt. Oft beginnen - bevor sich Krankheiten im Hirn zeigen - Nervenzellen im Darm abzusterben oder Fehlfunktionen zu entwickeln. Bei der Rinderseuche BSE oder Parkinson ist das der Fall. Dabei spielt der Vagusnerv, die direkte Verbindung zwischen Hirn und Darm, eine entscheidende Rolle. Durch ihn werden die Krankheiten übertragen. Jetzt stellen sich die Mediziner gerade der Fragen nach dem Huhn und dem Ei: Was ist Ursache, was ist nur eine Folge der Krankheit? Da tappt man noch vollkommen im Dunkeln.

Unappetitlich, aber lebenswichtig

Erst seit etwa sieben Jahren erforscht man unsere Darmbewohner, die Bakterien, ohne die wir nicht überleben könnten. Sie bereiten einen großen Teil unserer Nahrung auf, so dass wir sie überhaupt erst nutzen können. Momentan vermag noch niemand zu sagen, welche Zusammensetzung an Bakterien normal, gesund oder gar krankmachend ist. Es scheint sogar, dass jeder Mensch seine ureigene Kombination an Darmbakterien hat. Was man öfter hört: Diese Bewohner bestimmen unseren Appetit entscheidend mit. Wenn die aus den Tiefen unseres Darms nach Zucker verlangen, dann haben wir keine andere Chance als eine Schokolade aufzumachen. Prof. Schemann sagt allerdings, dafür gebe es wissenschaftlich keine Hinweise:

Interessante Idee. Aber die Entscheidung, was wir essen, ist immer noch in unserem Gedächtnis, was hat geschmeckt und was hat nicht geschmeckt. Allein der Geruch von Nahrung - das hat mit der Mikrobiota nichts zu tun.

Prof. Michael Schemann

Prof. Emeran Mayer will aber eine Verbindung zwischen dem, was und wie viel wir essen und dem Gehirn nicht ausschließen. Das, was wir essen, beeinflusst sowohl unser Hirn als auch unsere Darmbesiedlung. Mayer beschreibt die Folgen bei Patienten, die sich ihren Magen haben verkleinern lassen:

Im Gehirn sieht man bereits einen Monat nach der OP Veränderungen - vor allem im Dopamin-System, dem System, das uns zum Essen antreibt. Diese Gehirnareale normalisieren sich einen Monat nach der Operation und auch das subjektive Gefühl, also z.B. die Sucht nach fett- oder zuckerreichem Essen nimmt ab.

Prof. Emeran Mayer
E. coli Bakterium
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Mayer sieht noch ganz andere Zusammenhänge zwischen unseren Darmbewohnern - unserem Mikrobiom - und Krankheiten. Er sagt: Naturvölker wie im Amazonas- oder Orinoko-Gebiet haben eine viel größere Vielfalt an Darmbakterien als die Menschen in der zivilisierten Welt. Durch unsere Lebens-und Ernährungsweise hätten wir etwa 40 Prozent unserer Darmflora schon eingebüßt. Was wir mit dieser Reduzierung des Mikrobioms verbinden, ist eine Zunahme einer ganzen Reihe von Erkrankungen, die früher kaum eine Rolle spielten - die ganzen Autoimmun-Erkrankungen, Nahrungsmittelallergien, entzündliche Darmerkrankungen oder Asthma.

Es gibt also eine ganze Reihe von Krankheiten, die mit der langsamen aber immer weiter abnehmenden Vielfalt unseres Mikrobioms in Verbindung gebracht werden. Die Erforschung des Darms, seines Einflusses auf unsere Gesundheit und seines Zusammenspiels mit dem Gehirn ist im Moment eines der spannendsten Felder der Medizin. In den kommenden Jahren wird unser zweites Gehirn vermutlich noch jede Menge Überraschungen bereit halten.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL | Radio | 29. Dezember 2017 | 06:10 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 29. Dezember 2017, 09:28 Uhr