Illustration eines menschlichen Gehirnes
Bildrechte: imago/Science Photo Library

Neurowissenschaften Neue Theorie: Wir denken mit Navi

Wie funktioniert eigentlich das menschliche Denken? Forscher des Leipziger Max-Planck-Instituts für Kognitions- und Neurowissenschaften haben eine Theorie: Denken basiert auf unserer räumlichen Orientierung.

von Kristin Kielon

Illustration eines menschlichen Gehirnes
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Wir denken mit unserem Gehirn - so viel ist klar. Wie genau unser Gehirn das macht und welchen Grundprinzipien unser Denken folgt, ist bis heute nicht geklärt. Und das, obwohl Hirnforscher seit Jahrzehnten versuchen, die Vorgänge in unserem Kopf zu erklären.

Aus vielen dieser Puzzle-Teile hat ein internationales Forscherteam nun sein Modell des Denkens abgeleitet, erklärt Prof. Christian Doeller – Direktor des Max-Planck-Instituts für Kognitions- und Neurowissenschaften in Leipzig.

Also unsere Theorie des menschlichen Denkens basiert auf anderen Theorien. Einige gehen zurück bis in die 50er Jahre des letzten Jahrhunderts und werden natürlich immer wieder durch neue naturwissenschaftliche Erkenntnisse aus der Hirnforschung modifiziert.

Prof. Christian Doeller – Direktor MPI CBS

Diese Erkenntnisse kommen zum einen aus der Forschung im Max-Planck-Institut selbst. Dabei wurde die Hirnaktivität von Probanden im Magnetresonanztomographen gemessen, während diese in virtuellen Welten unterwegs waren. Zwei andere für das Modell des Denkens ganz grundlegende Entdeckungen stammten aus der Navigationsforschung - also wie das menschliche Gehirn Räume navigiert.

Das funktioniert durch sogenannte Platz- und Rasterzellen in der Hippocampus-Formation, erklärt Doeller. Diese Zellen funktionieren im Prinzip wie ein Navi, weil sie Positionen von Menschen und Tieren im Raum signalisieren. Durch ihre gemeinsame Aktivität erstellen sie eine interne Landkarte der räumlichen Umgebung.

Und genau das ist offensichtlich auch beim Denken der Fall. Experimente haben nämlich gezeigt, dass dabei dieselben Gehirnzellen aktiv werden, erklärt Doeller:

Professor Doeller
Bildrechte: MPI CBS

Ähnlich wie das Gehirn quasi Karten abbildet von unserer räumlichen Umgebung (…) gehen wir davon aus, dass andere Erfahrungswerte, Ereignisse, die passieren, Wissen, das wir erwerben, auch in solchen internen kognitiven Karten abgespeichert sind.

Prof. Christian Doeller – Direktor MPI CBS

Wir benutzen demnach also kognitive Räume, in denen wir die komplexe Realität anordnen und abspeichern. So ordnen wir alles entlang von Skalen ein, die uns später dabei helfen Schlussfolgerungen zu ziehen - einer der Kernaspekte menschlicher Intelligenz. Aber wie soll so ein kognitiver Raum funktionieren? Doeller erklärt es an einem Beispiel:

Wie repräsentieren wir das Konzept von Auto? Da können Sie sich vorstellen, man repräsentiert Autos in einem Raum entlang von Dimensionen wie zum Beispiel der Anzahl an Fahrgästen und der Stärke des Motors. So könnte man dann verschiedene Autos - beispielsweise ein Rennwagen, mit einer hohen Motorleistung und nur ein oder zwei Fahrern - an einem bestimmten Ort in diesem Raum einordnen.

Prof. Christian Doeller – Direktor MPI CBS

Ein Wohnmobil mit wenig Motorleistung und mehr Mitfahrern würde dagegen an einem anderen Ort im "Auto-Raum" stehen. So könne Wissen über das Konzept Auto räumlich repräsentiert werden, erklärt Doeller. Und unser inneres Hirnzell-Navi ist dann eben aktiv. Wenn wir also denken, navigieren wir auf diesen Karten in unserem Gehirn. Doch ob diese Theorie tatsächlich stimmt, müssen die Forscher jetzt herausfinden. Viel zu tun also…

Zuletzt aktualisiert: 09. November 2018, 17:58 Uhr