Eisberg im Meer
Bildrechte: MDR/Ralf Geißler

Schmelzendes Grönland-Eis Es fließt immer schneller

Das Eis auf Grönland schmilzt so schnell, dass man bereits zusehen kann. Das sagen Wissenschaftler der Technischen Universität in Dresden. Sie arbeiten an Vorhersagen, wann der 3.000 Meter dicke Eispanzer verschwunden sein könnte. Sollte das passieren, würden die Meere weltweit um etwa sieben Meter ansteigen. Schon bis zum Ende dieses Jahrhunderts, so der UN-Klimarat, könnte der Anstieg die 82-Zentimeter-Marke erreichen.

von Peter Kaiser

Eisberg im Meer
Bildrechte: MDR/Ralf Geißler

Das Abschmelzen des gewaltigen grönländischen Eisschildes steht bei Klimaforschern im Fokus. Denn verflüssigt sich der mehr als 3.000 Meter dicke Eispanzer, der die größte Insel der Erde bedeckt, hätte das katastrophale Auswirkungen.

Der Meeresspiegel würde um etwa sieben Meter ansteigen. Ganze Länder wie Bangladesh und die Niederlande oder Inseln wie die Malediven, Samoa und zahlreiche andere würden von diesen Wasermassen verschluckt werden und einfach verschwinden.

Doch wie schnell fließt das grönländische Eis? Wann ist mit einem solch verheerenden Meeresspiegelanstieg zu rechnen? Um diese und andere Fragen zu beantworten, haben Geophysiker der Technischen Universität in Dresden ein Datenportal entwickelt, das die "detaillierte Erforschung der Fließgeschwindigkeit auf Grönland" ermöglicht. Das Fließverhalten des Grönlandeises, sagt Martin Horwath, Professor für Geodätische Erdsystemforschung der TU Dresden, ist sehr komplex. Im Inneren Grönlands fließe das Schmelzwasser langsamer etwa als an den Rändern.  

Dort, wo es schnell fließt, fließt es mit einigen hundert Metern pro Jahr. Das heißt mit ein, zwei Metern pro Tag. So, dass man schon fast zuschauen kann.

Prof. Martin Horwath, Technische Universität Dresden

Die Dresdner Forscher beobachten 300 sogenannte Auslassgletscher, also Gletscher an den Rändern Grönlands. Satellitenfotos der NASA-Missionen Landsat 1 bis 8 von 1972 an bis heute waren die Arbeitsgrundlage. Die Daten werden so ausgewertet, dass man Fotos von veschiedenen Zeitpunkten vergleicht, erklärt Horwarth. So schaue man, wie sich gewisse Strukturen, die man auf dem Eis sieht, verschoben hätten. Darüber könne dann die Fließgeschwindigkeit abgeleitet werden.

Forscher werteten 37.000 Satellitenbilder aus

Das undatierte Handout-Foto der US-amerikanischen Raumfahrtbehörde Nasa zeigt den Heimdal-Gletscher in Grönland.
Auf Fotos der Raumfahrtbehörde NASA ist das abfließende Schmelzwasser des Heimdal-Gletschers auf Grönland deutlich an seinen fließenden Strukturen zu erkennen. Bildrechte: John Sonntag/NASA/dpa

Das Team um den Dresdner Professor für Geodätische Erdsystemforschung hat bisher bereits 37.000 Fotos von mehr als 100.000 Fließgeschwindigkeitsfeldern ausgewertet und verglichen. Bis hin zum Jahr 2015 konnten die Forscher so die Geschwindigkeit der am schnellsten fließenden Gletscher ermitteln. Das Ergebnis: Der grönländische Eisschild hat während der vergangenen 14 Jahre ungefähr 250 Gigatonnen Masse pro Jahr verloren. Das entspricht den Forschern zufolge einem Meeresspiegelanstieg von rund 0,7 Millimeter pro Jahr.

Das hört sich im ersten Moment nicht nach sehr viel an. Doch zu den 250 Gigatonnen - also 250 Milliarden Tonnen Eis - kommen unter anderem noch etliche Gigatonnen an aufgetautem Eis aus der Arktis und der Antarktis sowie auftauende Permafrostböden hinzu. Wenn das Abschmelzen des grönländischen Eisschildes also auch nicht unmittelbar für den Meeresspiegelstieg verantwortlich ist, so gebe es dennoch keinen Grund zur Entwarnung. Denn die globale Erderwärmung nimmt zu, sagt der Klimaforscher Anders Levermann vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung. Wenn die Menschheit so weitermache wie bisher mit dem Anstieg des Ausstoßes von Klimagasen, dann hätte das eine globale Erwärmung von 10, vielleicht 15 Grad zur Folge. Dann gebe es in vielen Jahrhunderten einen Meeresspiegelanstieg von 50 bis 60 Metern.

Der Punkt, an dem es kein Zurück gibt

Auch wenn es noch viele Jahre dauert, bis zahlreiche Länder der Welt verschwinden, weil der Eispanzer Grönlands nicht mehr existiert, die Polkappen weggeschmolzen sind und auch sonst kaum noch Permafrost existiert, warnen Klimaforscher schon jetzt eindringlich vor der Entwicklung. Denn schon heute steuern wir auf den sogenannten "Point of no return" zu - also jenen Kipp-Ppunkt, an dem die Erderwärmung unaufhaltsam wird, erklärt Stefan Rahmstorf vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung. 

Die Natur dieser Kipp-Elemente ist gerade so, dass es Prozesse sind, die, wenn man sie einmal angestoßen hat, dann selbstständig weiterlaufen, und die man nicht zurückholen kann. Das ist bei dem Grönlandeispanzer deswegen der Fall, weil dieser Eispanzer ja heute 3.000 Meter dick ist.

Prof. Stefan Rahmstorf, Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung

Wenn der dann anfängt abzuschmelzen und immer dünner zu werden, erklärt Rahmstorf, dann komme die Oberfläche automatisch in immer wärmere Luftschichten. Und das sei dann ein Teufelskreis, der das Schicksal des Eispanzers endgültig besiegle.

Über dieses Thema berichtete MDR Kultur im Radio | 12.01.2017 | 16:10 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 11. April 2018, 15:22 Uhr