Welt-Alzheimertag 2016 Demenz trifft jeden - man muss nur alt genug werden!

Das ist die Antwort auf die Frage: Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass man Alzheimer-Demenz bekommt? Während in Deutschland etwa drei Prozent der 70-jährigen darunter leiden, sind es bei den über 90-jährigen schon 30 Prozent. Und bis 2050 soll sich die Zahl der Erkrankten mehr als verdoppeln - auf etwa drei Millionen. Oder gibt es bald ein Medikament? Vielleicht von Forschern aus Sachsen-Anhalt?

Die Frage ist: Warum ist es bei dem Einen krankhaft und bei dem Anderen nicht?

Prof. Ulrich Demuth, Probiodrug, Halle/S.

Eiweißablagerungen im Gehirn. Sie sind der Schlüssel zu einem Medikament gegen Alzheimer. Die Wissenschaft ist sich mittlerweile einig: Diese Ablagerungen lassen Nervenzellen absterben. Allerdings haben Hirne alter Menschen eins gemeinsam: Alle haben Ablagerungen. Die einen leiden unter typischen Alzheimer-Symptomen andere sind mit ähnlichen Ablagerungen sind bis ins hohe Alter geistig fit. "Die Frage ist: Warum ist es bei dem Einen krankhaft und bei dem Anderen nicht", sagt Prof. Ulrich Demuth. Er leitet einen Ableger vom Fraunhofer-Institut für Zelltherapie und Immunologie in Halle.

Wirkstofftests in Halle

Demuth entdeckte vor mehr als zehn Jahren ein Enzym, das er dafür verantwortlich machte, besonders giftige Eiweißschnipsel in den Zellen abzulegen. Er und seine Mitarbeiter im Unternehmen "Probiodrug" fanden ein Molekül, das dieses Enzym blockiert - also das Entstehen dieser schädlichen Ablagerungen verhindert. Vor kurzem sorgte die Studie eines US-Pharmaunternehmens für Aufsehen, die die Forschungen aus Halle bestätigte. Wissenschaftler von "Biogen" haben einen Antikörper entdeckt, der in der Lage ist, die schädlichen Ablagerungen zu verringern. Auch in Halle wird gerade an einem Wirkstoff gearbeitet, der in einer sehr frühen Studienphase am Menschen getestet wird, zunächst allerdings nur darauf, ob er für Patienten ungiftig ist. Bis wirkungsvolle Medikamente zur Verfügung stehen könnten, wird es vermutlich noch mindestens zehn bis zwanzig Jahre dauern.

Zeit ist ein Schlüsselfaktor

Zeit ist ein Schlüsselfaktor beim Thema Demenz. Das fängt schon bei der Diagnose an.  Demenz wird meist viel zu spät erkannt und behandelt. "Es dauert etwa zwei Jahre, bis die Art der Demenz diagnostiziert wird", sagte der Essener Neurologe Richard Dodel der Deutschen Presse-Agentur anlässlich des 89. Kongresses der Deutschen Gesellschaft für Neurologie in Mannheim. Patienten würden zu selten neuropsychologisch getestet. "Das ist aufwendig und dauert meist etwa eine Dreiviertelstunde", sagte Dodel. "Dafür ist im normalen Praxisalltag meist keine Zeit." Neue Therapieansätze zielten auf das Stadium, in dem die Krankheit noch am Anfang stehe oder noch gar nicht aufgetreten sei.

Alzheimer mit Ultraschall erkennen

Ein Mann unter einem Computertomograph
Bildrechte: colourbox

Forscher aus Kiel haben dafür gerade einen neuen Ansatz entwickelt. Sie versuchen, Alzheimer, die am meisten verbreitete Form der Demenz, mit Ultraschall zu erkennen. Damit würden sie teure Untersuchungen in Kernspin-Tomographen ersetzen. Mit Ultraschall wollen die Mediziner der Klinik für Neurologie des Universitätsklinikums Schleswig-Holstein versuchen, die für Alzheimer typischen Muster zu entdecken. "Wir messen einen Schläfenlappen und die Raumstruktur des Nervenwassers. Das heißt: Wir gucken genau, wie viel Nervenwasser ist da? Und wie viel Gehirngewebe ist da?" erläutert Prof. Daniela Berg, die Direktorin der Klinik. "So können wir das Verhältnis von Gehirngewebe zu Nervenwasser in diesem Bereich, der bei Alzheimer früh betroffen ist, berechnen." Mehr Nervenwasser und weniger Gewebe lässt auf eine Alzheimer-Demenz schließen. Die Mediziner hoffen, damit die Diagnose der Krankheit zu verbessern.

Sport und genügend Schlaf

Sport- und Neurowissenschaftlicher sind sich mittlerweile weitgehend einig, dass Menschen den auslösenden Faktoren der Demenz entgegenwirken können. Forscher der TU Dresden haben in Tests mit Mäusen gezeigt, dass Sport direkt die Leistungsfähigkeit des Gehirns erhöht. Allerdings sollte man damit nicht erst im Alter anfangen. Und der neurologische Schlafexperte Geert Mayer betonte anlässlich des Kongresses in Mannheim, wie wichtig genügend Schlaf sei, um einer Demenz vorzubeugen. "Im Schlaf wird das Gehirn von Abbauprodukten gereinigt", erläuterte Mayer. "Wer dauerhaft zu wenig schläft, baut Eiweißabbauprodukte des Gehirns nicht richtig ab und es kommt zu einer Anreicherung dieser Ablagerungen, die zu Parkinson, Demenz und anderen neurodegenerativen Erkrankungen führen kann." Heute wüssten die meisten Menschen gar nicht mehr, wie viel Schlaf sie wirklich bräuchten, sagte Mayer. "Da unsere Gesellschaft insgesamt weniger schläft als früher, ist es auch relativ klar, dass wir alle ein chronisches Schlafdefizit haben."