"Wesen des Jahres 2020" Den Wundern der Natur auf der Spur

Der Naturschutzbund Deutschland (NABU) hat auch in diesem Jahr wieder die "Wesen des Jahres" zusammengestellt. Wir sind auf die Suche gegangen und haben Turteltaube, Ölkäfer und Co. nachgespürt - mit interessanten Erkenntnissen.

von Sabine Frank

Sechsbindige Furchenbiene auf Blüte einer Wegwarte 7 min
Bildrechte: imago images / blickwinkel

Der Landwirt Lutz Breitzke lebt im thüringischen Stanau. Jetzt, im frühen Winter, ist die Schafweide hinterm Haus übersät von frischen Maulwurfshügeln. "Der hat fast 80 Zentimeter im Durchmesser und ist so ungefähr 30 Zentimeter hoch", erklärt Breitzke. "Und da drunter hat er sein Nest und sein Winterquartier, und früher, als meine Kinder noch klein waren, hab ich denen erzählt, hier wohnt der Maulwurfskönig."

"Natur des Jahres 2020" Vom Schwarzblauen Ölkäfer bis zur Finger-Scharlachflechte

Nur "Tier des Jahres" war einmal - der Naturschutzbund Deutschland (NABU) sammelt inzwischen die "Jahreswesen" ein. Darunter sind so interessante wie wenig bekannte Exemplare aus der weiten Welt der Natur.

Schwarzblauer Ölkäfer
Käfer des Jahres Er sieht einigermaßen unscheinbar aus, hat es aber im wahrsten Sinne des Wortes in sich: der Schwarzblaue Ölkäfer, auch Schwarzer Maiwurm genannt. Sein Körpergift Cantharidin wirkt so toxisch, dass bereits ein einziger Käfer die tödliche Dosis für einen Erwachsenen enthält. Trotzdem wurde es bereits im alten Ägypten als Aphrodisiakum eingenommen. In Deutschland wird der Schwarzblaue Ölkäfer mittlerweile als gefährdet eingestuft, vor allem weil sein Lebensraum immer weiter schwindet. Bildrechte: imago images / Karina Hessland
Schwarzblauer Ölkäfer
Käfer des Jahres Er sieht einigermaßen unscheinbar aus, hat es aber im wahrsten Sinne des Wortes in sich: der Schwarzblaue Ölkäfer, auch Schwarzer Maiwurm genannt. Sein Körpergift Cantharidin wirkt so toxisch, dass bereits ein einziger Käfer die tödliche Dosis für einen Erwachsenen enthält. Trotzdem wurde es bereits im alten Ägypten als Aphrodisiakum eingenommen. In Deutschland wird der Schwarzblaue Ölkäfer mittlerweile als gefährdet eingestuft, vor allem weil sein Lebensraum immer weiter schwindet. Bildrechte: imago images / Karina Hessland
Turteltaube trinkend mit Spiegelung
Vogel des Jahres Sie ist das Symbol für Glück und Liebe, aber auch in ihrem Bestand bedroht: Seit 1980 sind fast 90 Prozent der Bestände der Turteltaube in Deutschland verloren gegangen, wie der NABU mitteilt. Ein Grund dafür ist wie beim Ölkäfer der Rückgang von geeigneten Lebensräumen wie Wald- und Feldränder. Ein anderer ihr Winterzug nach Afrika. Auf ihrem Weg dahin wird die Turteltaube massiv legal und illegal gejagt. Bundesumweltministerin Svenja Schulze will sich nun bei der EU für einen Jagdstopp einsetzen. Bildrechte: imago images / imagebroker
Maulwurf im Garten
Wildtier des Jahres Er sieht knuffig aus, doch viele Gärtner stehen mit ihm auf Kriegsfuß: der Maulwurf. Dabei ist der Säuger per Gesetz geschützt und darf nicht gestört, geschweige denn getötet werden. Und er ist auch ausgesprochen nützlich für den Garten, da er Schädlinge wie Schnecken, Engerlinge und Schnakenlarven frisst. Bildrechte: imago images/Photocase
Bienenschwarm hängt als Traube in einer blühenden Robinie.
Baum des Jahres Auch Pflanzen des Jahres werden seit längerem gewählt, darunter seit 1989 der Baum des Jahres. 2020 ist es die Gewöhnliche Robinie geworden, die gar nicht so gewöhnlich ist. Vor 300 Jahren aus Nordamerika gekommen, ist sie so unverwüstlich, dass sie auch die unwirtlichsten Räume besiedelt. Und auch für Bienen ist der auch als "Scheinakazie" bekannte Baum ideal, da seine cremeweißen Blüten viel Nektar geben. Bildrechte: imago images / Frank Sorge
scharlachflechte (cladonia coccifera)
Flechte des Jahres Im Laufe der Jahre sind eine Vielzahl an Kategorien dazu gekommen, seit 2004 wird auch die Flechte des Jahres ausgezeichnet - 2020 die Finger-Scharlachflechte. "Cladonia digitata" kommt auf der sauren Borke vor allem von Nadelbäumen wie Fichte, Kiefer und Tanne aber auch an Laubbäumen mit saurer Rinde wie Birke und Erle, wie die "Bryologisch-lichenologische Arbeitsgemeinschaft für Mitteleuropa" erklärt, die für die Wahl verantwortlich zeichnet. Bildrechte: imago/blickwinkel
Stinkmorchel
Sie sieht nicht nur so aus, auch ihr wissenschaftlicher Name "Phallus impudicus" ("unzüchtiger Penis") deutet darauf hin: die Gemeine Stinkmorchel ähnelt dem männlichen Geschlechtsorgan. Dazu stinkt der Pilz nach Aas - keine guten Voraussetzungen für große Beliebtheit. Die Deutsche Gesellschaft für Mykologie wählte ihn dennoch zum "Pilz des Jahres", u. a. weil die Fruchtkörper für Insekten Nahrung, Unterkunft und Jagdrevier bieten. Und im jugendlichen Stadium ist die Stinkmorchel sogar schmackhaft: Im als "Hexenei" bezeichneten Zustand kann man sie geschält wie Bratkartoffeln zubereiten. Bildrechte: imago images / Panthermedia
Blick über die Weiße Elster auf die Elstertalbrücke, Deutschland, Sachsen
Flusslandschaft des Jahres Die Flusslandschaft des Jahres 2020/21 ist eine in Mitteldeutschland wohlbekannte: die Weiße Elster. Der 257 Kilometer lange Fluss entspringt in Tschechien, fließt durch Sachsen, Thüringen und Sachsen-Anhalt, bevor er bei Halle in die Saale mündet. Laut den NaturFreunden Deutschlands, die den Titel vergeben, ist die Weiße Elster eines der am stärksten belasteten Fließgewässer in Mitteldeutschland und vom verbindlichen Ziel der Europäischen Wasserrahmenrichtlinie, bis spätestens zum Jahr 2027 einen "guten ökologischen Zustand" zu erreichen, weit entfernt. Darum sollen Umwelt- und Hochwasserschutz sowie sanfter Tourismus intensiviert werden - etwa mit sogenannten Natura Trails (Wanderwege durch Natur-Gebiete) in Plauen, Gera und Zeitz. Bildrechte: imago/blickwinkel
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Der Maulwurf ein furchtbares Raubtier?

Und tatsächlich ist jeder Maulwurf ein König in seinem eigenen Reich. Der wehrhafte Einzelgänger verteidigt sein Höhlen- und Gangsystem gegen jeden Eindringling und der Naturforscher Alfred Brehm meinte einstmals, im Verhältnis zu seiner Größe sei der Maulwurf ein furchtbares Raubtier.

Seit jeher wurden Eigenschaften von Menschen auf Tiere und wieder zurück übertragen: Kampfesmut und Zähigkeit, Leichtsinn, Fleiß und Hingabe oder die Treue etwa wie zum Beispiel bei der Turteltaube, dem Symbol der frisch Verliebten. Doch kaum jemand kennt diesen Vogel von Angesicht. Juliane Balmer zeigt ein präpariertes Exemplar in der Ausstellung der Thüringer Vogelschutzwarte Seebach:

Es ist eine kleine Taube, die ungefähr halb so groß ist wie eine Ringeltaube. Sie hat ein bräunliches Gefieder mit einer sehr schönen Zeichnung der Handschwingen und der Armschwingen. Der Kopf ist gräulich, sie hat einen schönen Halsring und das Auge ist rötlich, was noch dazu beiträgt, dass es eine sehr schmucke Taube ist.

Juliane Balmer

Turteltauben (Streptopelia turtur)
Das Symbol der frisch Verliebten: Turteltauben (Streptopelia turtur). Bildrechte: imago/imagebroker

Blüten der Wegwarte wie die Augen eines Burgfräuleins

Die Wahl der Jahreswesen ist eine wunderbare Gelegenheit, sich daran zu erinnern, wie präsent die Natur im Alltag der Menschen einst gewesen ist. Selbst Pflanzen haben ihren Teil an Poesie abbekommen, wie die Wegwarte etwa, eine eher struppige Erscheinung, die am Feldrain wächst. Die hellblauen Blüten wenden sich der Sonne zu und ihre Geschichte trägt sie bereits im Namen, erzählt der Germanist Klaus Otto Schwarz:

Nach dieser alten Sage sollen die Blüten der Wegwarte die Augen eines verwandelten Burgfräuleins sein, das am Wege vergeblich auf die Rückkehr ihres Geliebten vom Kreuzzug ins heilige Land wartet.

Klaus Otto Schwarz

Dieser liebeskranken Jungfer wurde allerlei Zauberkraft zugesprochen, doch nebenher war sie eine erprobte Heilpflanze, vor allem der unterirdische Teil, die sogenannte Wurzelzichorie. "Sie wirkt schweißtreibend und bei Hauterkrankungen und wurde eingesetzt bei Erkrankungen von Leber und Galle", erklärt Schwarz.

Wurzelzichorie
Die Wurzelzichorie ist eine lang erprobte Heilpflanze. Bildrechte: imago/blickwinkel

Ein Mittel von legendär zwielichtigem Ruf

Über einen weitaus potenteren Inhaltsstoff verfügt der schwarzblaue Ölkäfer, das Insekt des Jahres 2020. Wie all seine Verwandten sondert er zu seiner Verteidigung ein hoch wirksames Gift ab, das Cantharidin - seit Jahrtausenden ein Mittel von legendär zwielichtigem Ruf.

Es wurde auch als Aphrodisiakum genutzt, was bei geringer Überdosierung zu einer äußerst schmerzhaften mehrtägigen Dauererektion führen kann. Aber es wurde offensichtlich auch verwendet, um Menschen zu vergiften.

Rolf Beutel, Zoologe

Der Zoologe Rolf Beutel vom Phyletischen Museum Jena ist vor allem davon fasziniert, mit welch raffinierter Strategie der Ölkäfer seine Nachkommen großfüttert – oder besser: füttern lässt. "Das erste Larvenstadium ist sehr beweglich, weil sie regelrechte Klauen haben an den Vorderbeinchen", erklärt Beutel. "Die Ölkäfer klettern auf Blüten und dort warten sie auf Bienen und sie klammern sich an den Bienen fest und lassen sich in das Nest tragen."

Maulwurf Regenwurm
Maulwürfe "entführen" Regenwürmer, und beißen erst einen Teil ihres Körpers ab. So bleibt der Rest "frisch". Bildrechte: imago images/Ardea

Maulwurf "entführt" Regenwürmer

Die Vorratshaltung des Maulwurfes ist nicht weniger abenteuerlich. Für gewöhnlich frisst er Käfer und ihre Puppen, Drahtwürmer und Engerlinge. Doch vor allem Regenwürmer lassen sich besonders gut einkellern.

Wenn genug Futter vorhanden ist, sammelt er die Regenwürmer ein, schleppt sie in sein Vorratsbau und dort beißt er ihnen ein Stück ab, so dass sie nicht mehr flüchten können, aber auch nicht tot sind, da halten sie sich eine Weile.

Lutz Breitzke

Maulwurf und Ölkäfer, Turteltaube und Wegwarte stehen auf der Liste der "Natur des Jahres" für 2020. Aber auch Zauneidechse und Robinie, Mauerassel, Fieberklee und Knabenkraut, Gurke, Tollkirsche oder der Stinkmorchel. Wir sind aufgefordert, uns mit ihrer Biologie zu befassen und der meist gänzlich vergessenen Kulturgeschichte - aber natürlich auch ihrer Ökologie. Denn viele dieser Arten schwinden, weil ihre Lebensräume bedroht sind. Und nur was wir kennen, das sehen wir und das werden wir auch bewahren wollen.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL | 05. Januar 2020 | 05:20 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 03. Januar 2020, 14:27 Uhr

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