Achtung Verwechslungsgefahr! Ein "Burnout" kann eine Depression sein

Das Burnout-Syndrom ist in aller Munde. Eine Modeerscheinung, wie Mediziner sagen. Aber solch eine Diagnose gibt es eigentlich gar nicht. Oft handelt es sich stattdessen um eine Depression und braucht eine spezielle Behandlung.

Eine junge Frau schaut traurig durch eine regennasse Fensterscheibe.
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Fühlen Sie sich auch oft erschöpft, müde oder überfordert? Wenn ja, dann heißt es oft: Das kann nur ein Burnout-Syndrom sein! Prof. Ulrich Hegerl, Chef der Psychiatrischen Klinik in Leipzig und Vorsitzender der Stiftung Deutsche Depressionshilfe, stellt diesen Begriff als Diagnose jedoch in Frage:

Es heißt ja eigentlich Erschöpftheit oder Ausgebranntheit. Mehr heißt es ja nicht. Es gibt auch keine klare wissenschaftliche Definition, was ein Burnout ist und es gibt auch keine offizielle Diagnose.

Pro. Ulrich Hegerl

Ganz anders als es die englische Bezeichnung vermuten lässt, spielt dieser Begriff in den USA oder Großbritannien kaum eine Rolle:

Prof. Dr. Ulrich Hegerl
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Burnout ist ein rein deutsches Phänomen. Wenn man bei Google Trend mal nachschaut, wo wird Burnout als Suchbegriff eingegeben, dann gibt es da einen roten Fleck und das ist Deutschland und Österreich.

Prof. Ulrich Hegerl

Prof. Hegerl schätzt, dass hinter 90 Prozent der sogenannten Burnout-Fälle depressive Symptomatiken stecken. Deshalb hat die Modediagnose für den Mediziner auch einen sehr positiven Effekt. In dem Glauben, einer von vielen Betroffenen zu sein, offenbaren sich mehr Menschen mit psychischen Problemen ihrem Hausarzt:

Unter dieser Fahne der Popularität ist es viel leichter, sich Hilfe zu holen, wenn man eine schwere Depression hat. Und ich bin mir sicher, dass viele Menschen mit Depression unter dem Begriff Burnout eine gute Behandlung bekommen haben.

Prof. Ulrich Hegerl

Allerdings birgt dieser Begriff auch Gefahren, wenn wirklich eine Depression mit im Spiel ist. Denn Burnout verlangt scheinbar nach einer Auszeit, nach Entspannung, Urlaub und Ruhe und das ist für Menschen mit einer Depression Gift:

Jedem Menschen mit einer Depression wird dringend abgeraten, in den Urlaub zu fahren. Die Depression geht davon nicht weg, die reist mit. Und das hat oft fatale Folgen.

Prof. Ulrich Hegerl

Auch Schlafen scheint bei Burnout Wunder zu wirken und führt bei einer Depression oft zum Gegenteil:

Wir wissen, dass eines der wirksamsten Verfahren bei Depression Schlafentzug ist. Das ist überraschend, weil die Menschen völlig erschöpft sind, eigentlich nur die Sehnsucht haben endlich mal tief zu schlafen. Aber die Depression wird davon nie besser. Und das Erschöpfungsgefühl geht davon auch nicht weg. Es nimmt eher zu.

Prof. Ulrich Hegerl

Der Glaube, an einem Burnout zu leiden, führt auch dazu, die Krankheit Depression zu verharmlosen und sich selbst zu überfordern. Durch Gedanken oder die Aufforderung "Reiß dich zusammen!" zum Beispiel. Dazu sind aber Menschen, die unter einer Depressionen leiden, nicht in der Lage. Denn eine Depression ist keine Stimmungsschwankung, sondern eine manifeste Krankheit. Aus diesen Gründen sieht Prof. Hegerl den Begriff Burnout kritisch und würde ihn am liebsten abschaffen:  

Es gibt einen richtigen großen Markt, der da entstanden ist. Burnout-Kliniken schießen aus dem Boden und versuchen hier diese Welle zu nutzen. Ich sehe das sehr skeptisch, sehe aber wenig Hoffnung, dass das jetzt kurzfristig zu ändern ist.

Prof. Ulrich Hegerl

Über dieses Thema berichtet MDR AKTUELL auch im : Radio | 25.08.2017 | 00:01 Uhr