Herbst-Winter-Blues
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Die verkannte Krankheit Depression ist keine Befindlichkeitsstörung

von Karsten Möbius

Depressionen kann man mit Schokolade vorbeugen und Schicksalsschläge lösen Depressionen aus: Wer das glaubt, liegt zwar falsch, ist aber in großer Gesellschaft, wie eine Studie zum Wissen über die Volkskrankheit belegt.

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Die Krankheit Depression ist wohl eine der Krankheiten, über die es die meisten Irrtümer und Vorurteile gibt. Sie gilt oft als Krankheit der Versager, als eine Krankheit, bei der man sich nur mal zusammenreißen müsste, um aus dem Stimmungstief zu kommen. Menschen, die an einer Depression leiden, haben deshalb oft Angst sich zu offenbaren, stigmatisiert zu werden. Die Stiftung Deutsche Depressionshilfe kennt diese Vorurteile und wollte es jetzt genau wissen: Wie denken, was wissen die Deutschen über die Krankheit Depression und hat deshalb eine repräsentative Studie in Auftrag gegeben. So wurden 2.000 Deutschen gefragt, was sie für die wichtigste Ursache für eine Depression halten. Ergebnis war: 96 Prozent - also fast alle - glauben, dass Schicksalsschläge die wichtigste Ursache für eine Depression sind. 94 Prozent der Befragten glauben demnach, dass vor allem Überforderungen am Arbeitsplatz Depressionen auslösen. Beides stimmt nicht, sagt Professor Ulrich Hegerl, Vorsitzender der Stiftung Deutsche Depressionshilfe:

Diese Sicht, auf die treffe ich permanent. Die Menschen glauben, dass dieser oder jener äußere Faktor der Hauptgrund sei, warum sie jetzt depressiv sind und wenn dieser äußere Grund nicht vorhanden wäre, dann würden sie nicht depressiv werden. Man muss den Menschen immer wieder erklären: Das war vielleicht ein kleiner Trigger, aber viel wichtiger ist, dass man das Pech hat, eine Veranlagung zu Depressionen zu haben.

Ulrich Hegerl

Immerhin wissen zwei Drittel der Deutschen, dass während einer Depression der Stoffwechsel im Hirn gestört ist. Das ist richtig. Aber Ursache dafür sind eben nicht Schicksalsschläge oder Überlastung am Arbeitsplatz. Ganz oft bricht die Krankheit ohne jeden erkennbaren äußeren Reiz aus, weiß Prof. Hegerl:

Das zu verstehen, ist sehr schwer für Menschen, die es nicht permanent mit der Erkrankung Depression zu tun haben.

Ulrich Hegerl
Lächelnder Mann mit Brille
Prof. Dr. Ulrich Hegerl Bildrechte: MDR/Stefan Straube

Die meisten stehen diesem Krankheitsbild völlig rat-und hilflos gegenüber. Häufigster Ausdruck dieses Nicht-Verstehens sind Hinweise wie: "Nun reiß dich doch mal zusammen, lass dich mal nicht so gehen ..." Diese quasi flächendeckende Unwissenheit führt Hegerl zufolge auch zu Behandlungsdefiziten beim Krankheitsbild Depression. Denn viele betrachteten sie oft nur als Begleiterscheinung schwerer Lebensumstände. Seien die erstmal beseitigt, verschwinde auch die Schwermut. Selbst Hausärzte würden Depressionen und andere Krankheiten deshalb oft falsch deuten, sagt Professor Hegerl:

Wenn ein Mensch eine schwere körperliche Erkrankung hat und dazu eine Depression, dann ist immer die Vorstellung: Naja, der ist jetzt depressiv, weil er dieses schwere Asthma hat oder den Herzinfarkt, und es wird nicht erkannt, dass das damit fast nichts zu tun hat. Sondern es ist eine eigenständige Erkrankung, die behandelt werden muss.

Die Ergebnisse der Studie hat die Stiftung Deutsche Depressionshilfe vorgestellt. Dabei geht es nicht nur um Fragen, wo die Deutschen die Ursachen für diese Krankheit sehen, welchen Wissensstand sie über dieses Krankheitsbild haben, sondern auch wie sie zu Medikamenten wie den Antidepressiva stehen. Prof. Hegerl, der Vorsitzende der Stiftung, legt aber den Finger auf den für ihn entscheidenden Punkt der Studie:    

Das Hauptproblem ist, dass die Menschen immer glauben, Depression ist eigentlich so was wie eine Befindlichkeitsstörung. Das ist nochmal deutlich geworden - auch wenn es nicht völlig überraschend ist.

Diese Studie - so Hegerl - sei der Beginn von jährlichen Umfragen zum Thema Depression. So könne man herausfinden, ob sich in der Wahrnehmung und im Wissen um die Krankheit etwas tut. 

Dieses Thema im Programm: MDR aktuell | 27. November 2017 | 06:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 28. November 2017, 14:52 Uhr