Dickes Kleinkind isst Pommes.
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Langzeitstudie Fernsehwerbung macht Kinder dick - Politik soll eingreifen

Ist ein Kind zu dick oder gar adipös, schaut man zuerst auf die Ernährungsgewohnheiten und das Bewegungspensum. Beides liegt auf der Hand. Die europaweite Studie "I.Family" hat 16.000 Kinder in acht Staaten untersucht und dabei herausgefunden, dass es weit mehr Faktoren gibt, die die Familien allein nicht beeinflussen können. Die Wissenschaftler sehen hier die Politik in der Pflicht.

Dickes Kleinkind isst Pommes.
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Zuletzt gab es in Deutschland eigentlich ermutigende Nachrichten: Der Anteil übergewichtiger Kinder bei der Einschulung sei in den vergangenen Jahren gesunken, ermittelte die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE). Das sei vor allem der gestiegenen Sensibilität der Familien für die Ernährung zu verdanken. Je nach Bundesland sind aber noch immer zwischen 8,2 und 12 Prozent der Kinder übergewichtig, Und die Achtsamkeit in Sachen Essen und Bewegung allein reicht auch nicht aus, das Problem in den Griff zu bekommen. Das belegt die europäische Langzeitstudie I.Family, die 16.000 Kinder in acht europäischen Ländern über zehn Jahre lang begleitet hat.

Region und soziales Umfeld spielen eine Rolle

Der Anteil an übergewichtigen Kindern in Europa ist sehr unterschiedlich verteilt. In Süditalien sind zum Beispiel 40 Prozent der Kinder zu dick, in Schweden oder Belgien sind es nur zehn Prozent. Deutschland liegt im Mittelfeld. Einer der stärksten Einflussfaktoren neben Ernährungs- und Bewegungsgewohnheiten ist der soziale Stand der Familie, ganz gleich in welchem Land. Studienkoordinator Wolfgang Ahrens beschreibt es so:

Überall sehen wir das gleiche Muster: Je besser die Bildung, je höher das Einkommen, desto geringer ist die Wahrscheinlichkeit, dass die Kinder übergewichtig oder sogar adipös sind. Aber Die Lebensumwelt ist ganz unterschiedlich in diesen verschiedenen Ländern, die Normen und Werte, die Ernährungsgewohnheiten – alles unterscheidet sich. Und wir konnten deshalb sehr gut untersuchen, welche der vermuteten Einflussfaktoren eine Rolle spielen.

Wolfgang Ahrens, Koordinator der I.Family Studie

Besonders in Gefahr sind der I.Family-Studie zufolge Jungen und Mädchen aus sozial schwachen Familien - über alle Ländergrenzen hinweg. Die Forscher stellten in der Langzeitstudie fest: Nach sechs Jahren waren anfangs schlanke Kinder von Eltern mit niedrigem oder mittlerem Bildungsstand doppelt so häufig übergewichtig wie solche, die in Familien mit höherem Ausbildungsniveau lebten. Weniger gebildete Eltern achteten in der Regel seltener auf gesunde Ernährung, stellten seltener Regeln für Süßigkeiten und Sport auf. Und, so die Studie, sie sind weniger kritisch gegenüber TV-Reklame.

Fernsehwerbung macht dick

Diese Kinder sind den Einflüssen der Werbung dadurch stärker ausgeliefert. Wolfgang Ahrens fordert daher eine stärkere Reglementierung von speziell auf Kinder zugeschnittener Reklame. Die freiwilligen Selbstverpflichtungen für verantwortungsvollere Werbung seitens der Industrie wirkten nicht. Eine Kritik, die die Verbraucherorganisation Foodwatch teilt. Dass die Werbung das Essverhalten von Kindern stark beeinflusst, konnten die Forscher in ihrer Studie belegen. Kinder greifen demnach häufiger zu Softdrinks und süßen oder fetten Speisen, wenn sie zuvor Werbung angeschaut haben - und zwar auch dann, wenn ihre Eltern das eigentlich verbieten. Und sie essen sogar Snacks, die sie eigentlich nicht mögen, bloß weil sie Werbung dafür gesehen haben.

Der Einfluss vom Fernsehen ist einer stärksten Faktoren, den wir im Rahmen der Studie beobachtet haben. Grundschulkinder sollten zum Beispiel nicht mehr als zwei Stunden am Tag schauen – das ist schon viel, aber 2/3 der Kinder schauen mehr. Damit sitzen sie auch viel - von den konsumierten Werbebotschaften mal ganz abgesehen. Eltern sollten zum Beispiel den Fernseher aus dem Zimmer ihrer Kinder verbannen. Und selbst auch nicht so viel schauen, denn sie haben eine Vorbildfunktion.

Wolfgang Ahrens

Auch Stress kann zu Übergewicht führen

Doch es gibt auch Faktoren, die mit der Geldbörse gar nichts zu tun haben – Kinder, die unter Schlafmangel oder Stress leiden, werden zum Beispiel auch deutlich häufiger übergewichtig als andere. Steht der Körper unter Stress, schüttet er das Hormon Cortisol aus. Wird dann Nahrung zugeführt, kommt Insulin ins Spiel. Es ist sozusagen der Gegenspieler zum Cortisol. Je mehr Cortisol im Umlauf ist, desto mehr Insulin wird ausgeschüttet. Das hemmt jedoch die Umwandlung von Fett in Energie. Folglich wird viel mehr Fett im Gewebe eingelagert, die Kinder nehmen zu.

Eltern geraten an ihre Grenzen

Was die I.Family Studie aber auch zeigt: Eltern kommen an ihre Grenzen. Zum Beispiel, wenn es um die Aktivität der Kinder geht. Kinder, die draußen spielen, bewegen sich deutlich mehr, aber viele Eltern haben da Sicherheitsbedenken.

Wenn die Umwelt, die die Kinder draußen vorfinden, nicht so gestaltet ist, dass sie sich dort austoben können, ohne dass sie vor ein Auto rennen, dann sehen wir ziemlich schnell, dass dort auch die Politik gefordert ist. Der andere Bereich ist der der Werbung. Es wird für ungesunde Nahrungsmittel geworben, die Eltern stoßen an Grenzen und brauchen hier die Unterstützung der Politik. Das konnten wir mit unserer Studie zeigen.

Wolfgang Ahrens

Hier sieht Ahrens konkrete Möglichkeiten. Stadtplaner müssten dafür sorgen, dass es draußen genug Platz zum Spielen und Toben gibt. Kinder, die dort wohnen, wo es viele Grünflächen gibt, und wo ausreichend Radwege vorhanden sind, bewegten sich auch mehr.

Außerdem entzieht sich die Essensversorung der Kinder in ihren Einrichtungen dem Einfluss der Eltern. Es müsse endlich durchgesetzt werden, dass in Schulen und Kindergärten gesundes Essen auf den Tisch komme, sagt Ahrens. Die Qualitätsstandards der Deutschen Gesellschaft für Ernährung würden oft nicht eingehalten.

Was ist die I.Family Studie? Die I.Family Studie hat rund 16.000 Kinder im Alter von 2 bis 10 Jahren und deren Familien aus Belgien, Zypern, Deutschland, Ungarn, Italien, Spanien, Schweden und Estland über die Dauer von 10 Jahren begleitet. Untersucht wurden biologische Voraussetzungen, Verhalten, soziale- und Umweltfaktoren, die das Körpergewicht und damit die Gesundheit beeinflussen. Ziel der Studie war unter anderem, herauszufinden, welche Rahmenbedingungen Politik schaffen kann, damit Kinder gesünder aufwachsen können.

Über dieses Thema berichtet MDR aktuell im Radio | 09.02.2017 | 16:51 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 12. September 2017, 14:19 Uhr