Kühlregal mit Milchprodukte in einem Supermarkt
Bildrechte: IMAGO

Qual der Wahl Zuviel Auswahl ist Stress fürs Gehirn

Forscher fanden heraus, dass wir meist von einer großen Auswahl an Dingen angezogen werden, unser Gehirn aber besser eine Entscheidung treffen kann, wenn die Auswahl klein ist. Sie nennen es das "Marmeladen-Paradoxon".

von Kristin Kielon

Kühlregal mit Milchprodukte in einem Supermarkt
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Das kennen wir wohl alle: Da will man einfach nur schnell ein Getränk oder eine Tafel Schokolade kaufen, aber wenn man dann im Supermarkt vorm Regal steht, fühlt man sich von der Auswahl einfach nur erschlagen. Gut, dann vielleicht lieber gar keine Schokolade als die falsche Schokolade.

Die Qual der Wahl nennt das der Volksmund. Und die ist mehr als nur unsere subjektive Wahrnehmung: Denn zu viel Auswahl blockiert die Entscheidungsfähigkeit unseres Gehirns. Das haben Tübinger Forscher herausgefunden.

Das Marmeladen-Paradoxon

Hinter dem Marmeladen-Paradoxon verbirgt sich das Ergebnis eines Experiments, das amerikanische Forscher zur Jahrtausendwende gemacht haben: In einem Supermarkt haben sie zwei Stände aufgebaut – einmal einen mit 24 Marmeladensorten und einmal einen mit nur sechs Sorten, erzählt der Tübinger Neurobiologe Axel Lindner:

Das Interessante, was dann passierte: Tatsächlich interessieren sich mehr Leute für eine große Auswahl. Das heißt, bei 24 Marmeladen bleiben viel mehr Leute stehen als bei sechs. Aber wenn man mal schaut, wie viele Leute dann eine Marmelade konsumieren, dann war das tastsächlich so, dass acht Mal mehr Leute von der kleinen Auswahl konsumiert haben, obwohl initial viel weniger Konsumenten überhaupt stehengeblieben sind.

Axel Lindner, Uniklinikum Tübingen

Wir interessieren uns also für eine sehr große Auswahl – greifen aber lieber bei einer kleineren zu. Warum das so ist, hat Lindner gemeinsam mit Kollegen der Caltech in Pasadena und aus Barcelona untersucht.

Belohnungszentrum spielt wichtige Rolle

Die Forscher schickten ihre Probanden gewissermaßen einkaufen, erklärt Neurobiologe Lindner. Sie mussten Bilder auswählen, die sie später auf eine Tasse oder ein T-Shirt gedruckt bekommen haben – und zwar aus Bilderreihen von jeweils sechs, zwölf und 24 Bildern. Dabei haben die Forscher die Hirnaktivitäten der Probanden in einem Magnetresonanztomographen gemessen.

Tatsächlich fanden wir heraus, dass Belohnungszentren, die die Motivation, Entscheidungen zu fällen, reflektieren, in ihrer Aktivität immer dann ein Maximum zeigten, wenn eine mittlere Auswahlgröße vorhanden war und die Leute mit ihrer Entscheidung zufrieden waren.

Axel Lindner, Uniklinikum Tübingen

Denn für unsere Zufriedenheit macht das Gehirn eine Kosten-Nutzen-Rechnung, erklärt Lindner. Die Kosten seien dabei etwa Augenbewegungen oder die Menge an Produkten, die man sich für den Vergleich merken muss. All dieser Aufwand wird vom Nutzen abgezogen.

Zuviel Auswahl macht uns unzufrieden

Bei zu viel Auswahl übersteigen die Kosten für unser Gehirn also den Nutzen - und dann sinkt die Aktivität in den Belohnungsarealen. Das heißt wiederum, wir sind entweder unzufrieden mit unserer Entscheidung oder wir entscheiden uns einfach gar nicht. Da hilft es auch nicht, wenn wir eines der vielen Produkte sehr gerne mögen.

Die Schwierigkeit eine Entscheidung zu treffen, wird nicht dadurch leichter, dass da was besonders tolles, was präferiertes für uns dabei ist. Im Gegenteil, die Entscheidung wird dann leichter, wenn uns jemand bei der Entscheidung hilft – ja vielleicht ein Experte, ein Verkäufer.

Axel Lindner, Uniklinikum Tübingen

Oder ein Computer – so wie im Experiment der Forscher vom Tübinger Universitätsklinikum. Mit der Hilfe des Computers haben die Probanden nämlich die größte Auswahl bevorzugt. Denn ähnlich wie ein Verkäufer kann der Computer den Aufwand für unser Gehirn reduzieren – etwa indem er sich für uns merkt, welche Optionen wir uns schon angesehen haben. Ohne solche Hilfe liege die Anzahl für eine zufriedenstellende Entscheidung etwa bei acht bis 15 Alternativen zur Auswahl.

Mit jeder Option mehr steigt natürlich das Risiko, sich falsch zu entscheiden – zumindest empfinden wir das so. Und das ist eine riesige Anstrengung.

Axel Lindner, Uniklinikum Tübingen

Und das ist nicht nur im Supermarkt ein Problem für uns, sagt Lindner MDR Wissen. Denn in Zeiten der Digitalisierung und ständig wachsender Informationsangebote dürfte es den Menschen zum Beispiel zunehmend schwerfallen zu entscheiden, welche Informationen eigentlich die richtigen sind, meint der Tübinger Neurobiologe.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL | 16. Oktober 2018 | 09:50 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 16. Oktober 2018, 17:27 Uhr