Was wäre, wenn? Durchgerechnet: Der komplette Diesel-Fahrzeug-Umtausch

15 Millionen Dieselfahrzeuge sind auf deutschen Straßen unterwegs - etwa ein Drittel aller Fahrzeuge. Viele von ihnen fahren nach Euro 6-Norm. Ob sie die tatsächlich erfüllen, steht in Frage. Deshalb machen wir die große Rechnung auf. Was wäre eigentlich, wenn all diese 15 Millionen Fahrzeuge umgetauscht würden?

Der Umtausch von Dieselfahrzeugen ist im Herbst 2018 in aller Munde, aber nicht überall stößt die Idee auf Begeisterung. Die Umweltschutzorganisation Greenpeace zum Beispiel hält ganz und gar nichts davon. Verkehrsexperte Benjamin Stephan erklärt im Gespräch mit MDR Wissen, warum:

Das wäre eine große Katastrophe, denn diese Autos sind zum Teil wenige Jahre alt. Die haben in ihrer Herstellung sehr viele Ressourcen verbraucht, sehr viel Energie, da sind  viele CO2-Emissionen entstanden.

Benjamin Stephan

Das Ganze ist zunächst mal eine riesengroße Rechenaufgabe und die geht so: Die Herstellung eines Autos erzeugt dem Verkehrsexperten zufolge fünf bis zehn Tonnen CO2, wobei die Menge von der Größe des Wagens abhängt. Multipliziert man den Mittelwert mit 15 Millionen Autos, entstehen 112 Millionen Tonnen CO2 - wohlgemerkt - erstmal nur für die Herstellung. Benjamin Stephan vergleicht das mit dem CO2-Ausstoß im realen Verkehr und kommt bei allen Lastwagen, Zügen, allen Autos, die auf der Straße fahren, im ganzen Jahr in Deutschland, auf 160 Millionen Tonnen CO2, die erzeugt werden. Die CO2- Bilanz sieht demzufolge so aus: Würden alle ihr Diesel-Auto umtauschen, käme das dem CO2-Ausstoß nahe, den der gesamte deutsche Straßenverkehr in einem Dreivierteljahr verursacht.

Und der Rohstoff-Verbrauch bei Umtausch?

Männer an einem ungfertigen Skoda in der Fabrik im tschechischen Hradec Kralove.
Bildrechte: dpa

Ein nächstes Problem beim Umtausch ist der Verbrauch von Rohstoffen für die neuen Fahrzeuge. Daten von den Autokonzernen zu bekommen ist schwer. Aber es gäbe sie, sagt ein Mitarbeiter des Umweltbundesamtes. Alles sei von den Herstellern in Umweltberichten dokumentiert. Die Pressestellen sind heute - am 1. Oktober 2018 - zwar nicht erreichbar, dafür aber der Verein VCÖ - Mobilität mit Zukunft, aus Österreich. Er errechnete den Rohstoffverbrauch bei der Produktion eines Autos, wie Mitglied Christian Gratzer erläutert:

Allein an Materialien wie Stahl, Aluminium, Lacke, Kunststoff, Glas, Gummi, wenn man das alles summiert, kommt man bei herkömmlichen Benzin- oder Diesel-Pkw auf rund 1.400 Kilogramm.

Christian Gratzer, VCÖ

Bei der Verfügbarkeit der Materialien gäbe es kaum Probleme. Autos würden heute weit über 90 Prozent recycelt. Nur bei wenigen Rohstoffen gibt es Gratzer zufolge Engpässe:

Bekannt ist beim Elektroauto, was die seltenen Erden bzw. Lithium angeht. Aber natürlich ist die Umweltverschmutzung durch die Aluminium-Herstellung eine sehr, sehr große. Und eines ist ganz klar, wenn wir die Ziele im Umweltbereich ernst nehmen, heißt das auch, dass wir in diesen Bereichen auch eine Verhaltensänderung brauchen und dass wir auch eine Änderung bei der Produktion benötigen.

Christian Gratzer

Das wirft die Frage nach neuen, umweltfreundlichen Werkstoffen auf. Eine der Zukunftslösungen heißt Leichtbau.  In die Umtauschrechnung gehört natürlich auch der Strom- und Wasserverbrauch. Greenpeace gibt an, für die Produktion eines Autos brauche man so viel Strom, wie eine Durchschnittsfamilie in zehn Jahren benötigt. Beim Wasser sieht es ähnlich aus - ein Auto benötige beim Herstellungsprozess so viel wie ein Mensch in zwei Jahren, so der VCÖ.

Viele Fragen sind noch offen

Ein Mitarbeiter des Umweltbundesamtes weist außerdem darauf hin, dass bisher niemand wisse, was mit den eingetauschten Autos geschieht. Werden sie umgerüstet? Verschrottet? Fahren sie in anderen Ländern weiter? Außerdem warnt er vor dem so genannten "Rebound Effekt". Wird ein Neuwagen von den Konzernen gesponsert, also günstiger, entschieden sich viele Menschen für das größere Modell. Die Umweltbilanz für den Umtausch der Autos mit Dieselmotor wäre somit in jeglicher Hinsicht katastrophal.

Parkplatz für Neuwagen von Peugeot, Citroen und Ford von oben
Bildrechte: imago/Hans Blossey

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL Radio | 01. Oktober 2018 | 23:35 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 02. Oktober 2018, 09:47 Uhr