Gut informiert oder unnötig verängstigt? Was "Dr. Google" mit uns macht

Wer krank ist, geht zum Arzt? Das war einmal. Längst sind Ärzte nicht mehr die Halbgötter in weiß und der Patient will gut informiert mitbestimmen, wie seine Behandlung aussieht. Also wird erst einmal das Netz bemüht, denn das weiß ja bekanntlich alles. Doch wie zuverlässig sind die Informationen, die wir da finden und was macht die digitale Recherche mit dem Arzt-Patienten-Verhältnis?

Ein Ziehen im Hals, plötzliche Bauchschmerzen, Atemnot … Symptome, die auf alles hin deuten können. Doch statt einen Arzt zu konsultieren, befragen viele Deutsche erst einmal das Internet. Eine Studie der Bertelsmann-Stiftung zeigt: Mehr als die Hälfte der Befragten informiert sich mindestens einmal im Monat über Gesundheitsthemen im Internet. Dabei nutzen sie in erster Linie Wikipedia und andere Online-Lexika, mit einigem Abstand folgen Internetseiten der Krankenkassen und Gesundheitsportale wie NetDoktor, Onmeda oder gesundheit.de. Deutlich weniger gefragt sind Websites unabhängiger Patienten- oder Selbsthilfeorganisationen und medizinische Online-Beratungen. Dabei geht es den Patienten jedoch nicht nur um die reinen Fakten, sie suchen im Netz auch Sicherheit, Trost, Austausch und Zerstreuung. Mit den Ergebnissen, die sie online finden, sind 52 Prozent der Befragten zufrieden, auch wenn sie zugeben, dass sie oft von der Fülle der Informationen erschlagen sind und es ihnen schwer fällt, vertrauenswürdige Informationen online zu erkennen. Doch "Dr. Google" sammelt Pluspunkte an anderer Stelle: Er hat unbegrenzt Zeit, ist immer und überall erreichbar und lässt einen nie allein.

Wissen als Machtgewinn

Rund ein Drittel der Patienten verschweigt dem Arzt gegenüber die digitalen Rechercheergebnisse – auch, um "den gezielten Einsatz ihrer Kenntnisse als Machtgewinn" zu nutzen. Außerdem hat gut ein Fünftel der Befragten das Gefühl, ihr Arzt würde Onlinerecherchen ablehnend gegenüber stehen. Ganz so schwarz-weiß sehen die meisten Ärzte vor-informierte Patienten jedoch nicht. Dr. Simone Heinemann-Meerz ist Fachärztin für Innere Medizin in Halle und Präsidentin der Landesärztekammer Sachsen-Anhalt. Auch zu ihr kommen oft Patienten mit Informationen aus dem Netz. Sie störe das überhaupt nicht. Ein aufgeklärter Patient arbeite sogar besser mit, sagt die Ärztin. Ähnlich sieht es auch Stephan Hofmeister von der Kassenärztlichen Bundesvereinigung – allerdings mit Einschränkungen.

Dr. Stephan Hofmeister, stellvertretender Vorstandsvorsitzender der Kassenärztlichen Bundesvereinigung
Dr. Stephan Hofmeister, stellvertretender Vorstandsvorsitzender der Kassenärztlichen Bundesvereinigung Bildrechte: Kassenärztliche Bundesvereinigung

Ich würde dringend davor warnen, dass man glaubt, durch diese allgemeine Verfügbarkeit von Informationen, der Wahrheit auch nur einen Funken näher zu kommen. Denn so wie auch bei Juristen, Architekten oder Ingenieuren – geht es uns ja als Laien so, dass man eben nicht nachvollziehen kann, ob sie fachlich immer alles richtig machen. Ich kann mich nur drauf verlassen, dass ein Ingenieur mein Haus richtig berechnet hat und so ähnlich ist das mit Ärzten auch.

Hofmeister sieht in vor-informierten Patienten eine Herausforderung für Ärzte. Diese dürften nicht gekränkt reagieren, sondern müssten das Vorwissen ernstnehmen und mit dem Patienten gemeinsam reflektieren, was davon plausibel ist und was nicht passt. Das kostet jedoch erheblich Zeit und davon haben Ärzte mittlerweile immer weniger.

Zuverlässige Quellen

Ein großes Problem im Internet ist die Qualität der Quellen. Oft wird ein Patient über gesponserte Artikel auf bestimmte Behandlungsmethoden oder Medikamente aufmerksam gemacht. Das sehen auch die Krankenkassen kritisch. Sie empfehlen ihren Versicherten deshalb seriöse, unabhängige Angebote, zum Beispiel das Portal gesundheitsinformation.de. Dort versuchen Krankenhausbetreiber, niedergelassene Ärzte, Zahnärzte und Krankenkassen gemeinsam zuverlässige Informationen für Laien verständlich aufzubereiten. Die Studie der Bertelsmann-Stiftung zeigt jedoch: Bisher nutzen nur 13% der Befragten solche unabhängigen Portale.

Das zu ändern, darin sieht Stephan Hofmeister von der Kassenärztlichen Bundesvereinigung eine wichtige Aufgabe, denn unzuverlässige Quellen führen seiner Meinung nach zu Fehlinformationen und teilweise sogar zu Hysterie. Zum Stichwort „Kopfschmerz“ finden Nutzer nicht nur Treffer wie „Migräne“ und „Verspannungen“, sondern auch beängstigende Ergebnisse wie „Hirntumor“. Es gibt Menschen, die sich dann sterbenskrank wähnen. Es droht Cyberchondrie – die zwanghafte Sucht nach einer Internetdiagnose. Betroffene surfen stundenlang, ziehen häufig falsche Schlüsse, überdramatisieren ihre Symptome und stellen am Ende meist abenteuerliche Eigendiagnosen, ohne überhaupt zum Arzt gegangen zu sein.

Also am Ende ist es immer Krebs im Internet, das ist ja genau die Tücke, man kann sich immer hingooglen je nachdem wie hypochondrisch man veranlagt ist und wie leicht man sich verängstigen lässt. Das ist tatsächlich so, das lässt sich auch überhaupt nicht mehr einfangen oder steuern. Das Einzige, was wir tun können, ist gesicherte Informationen bieten – also den aktuellen Stand der Forschung.

Ob solche Informationen das Patientenverhalten jedoch ändern, ist fragwürdig. Die Bertelsmann-Studie zeigt, dass Patienten den Suchergebnissen und dem Ranking quasi bedingungslos vertrauen. Auch die Quelle einer Information wird nur in Ausnahmefällen hinterfragt. Generell wird Bekanntes als vertrauenswürdig gewertet und mehrfaches Lesen oder Hören einer Information auf verschiedenen Internetseiten als Bestätigung gewertet – und das, obwohl sich auch im medzinischen Bereich falsche Einschätzungen schnell im Netz verbreiten.

Das neue Arzt-Patienten-Verhältnis

Der Blick auf Ärzte hat sich verändert. Waren sie früher die Halbgötter in weiß, sehen viele Patienten sie heute eher als Dienstleister. Und diese Aufgabe meistern sie aus Sicht der Patienten oft eher mangelhaft. Laut den Studienteilnehmern haben viele Ärzte Schwierigkeiten, den emotionalen Bedürfnissen ihrer Patienten gerecht zu werden und sie umfassend zu informieren. Außerdem hat weniger als die Hälfte der Ärzte Materialien vorrätig, die für Laien verständlich sind. Nur ein Fünftel ermutigt die Patienten, sich zusätzlich selbst zu informieren. Dabei kann eine eigene Recherche durchaus helfen, sagt Stephan Hofmeister, aber sie muss auch Grenzen haben.

Ich find’s gut, das stärkt eigentlich die Arzt-Patienten-Beziehung, ich denke aber auch, dass zum Heilen ganz entscheidend gehört, dass der Patient auch auf die Professionalität und den Wissensvorsprung des Heilers vertraut – das heißt also irgendwann muss ich dann auch mein ganzes gegoogletes Wissen und meine Einschätzung in seine Hände legen für eine abschließende Beurteilung. Wenn das fehlt, dann glaube ich, ist keine heilende Beziehung möglich.

Vertrauen auf der einen Seite, ein Ernstnehmen des Patienten auf der anderen. Denn nur jeder Zweite hat erlebt, dass der Arzt wirklich auf die Internetsuche eingeht. Bei einer Befragung kam sogar heraus, dass sich rund 30 Prozent der Ärzte zumindest teilweise über die Internetrecherchen ärgern. Das muss sich ändern. Ärzte müssen ihre Patienten im Gegenteil bei der eigenen Recherche unterstützen, sei es mit gut verständlichem Informationsmaterial oder mit zuverlässigen und seriösen Webseiten-Empfehlungen.

Tipps für die richtige Internetrecherche: · Das Impressum der jeweiligen Internetseiten beachten! Stammen die Informationen von einem seriösen Anbieter, zum Beispiel einem wissenschaftlichen Institut, oder aus einer fragwürdigen Quelle wie einem Anbieter mit kommerziellen Interessen?

· Jeder Krankheitsverlauf ist individuell! Der Austausch mit anderen Patienten kann helfen, man sollte aber nie von anderen auf das eigene Schicksal schließen.

· Rechtzeitig zum Arzt gehen! Sind die Beschwerden akut oder halten länger an, sollte ein Arzt aufgesucht werden. Eine endgültige Diagnose kann nur ein Mediziner nach einer eingehenden Untersuchung stellen.

Zuletzt aktualisiert: 24. September 2018, 09:06 Uhr