Hände in Gummihandschuhen verteilen Scheuermittel auf Fliesen.
Bildrechte: Colourbox.de

"Dreck reinigt den Magen" Mehr Bakterien auf Haut und Händen könnten uns schützen

Regelmäßiges Händewaschen schützt vor Krankheiten - diese Regel stellen Biologen gerade in Frage. Sie vermuten: Lebensräume von Mikroben werden durch Biodiversität widerstandsfähiger gegen Schädlinge.

Hände in Gummihandschuhen verteilen Scheuermittel auf Fliesen.
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Gesunde Wälder und Wiesen sind Lebensraum unzähliger Tier- und Pflanzenarten. Und eine natürliche Artenvielfalt wiederum schützt ein Ökosystem vor Eindringlingen, Klimaschwankungen und Krankheiten. Biologen haben diese "Stabilitätstheorie" durch zahlreiche Studien belegt. Erst wenn Menschen in die Systeme eindringen, einzelne Arten zerstören und dadurch die Gemeinschaften durcheinander bringen, werden solche Biotope anfällig.

Was für die Ökosysteme im Großen gilt, könnte auch für Lebensräume auf der mikroskopischen Ebene gelten, vermuten Forscher vom Deutschen Zentrum für integrative Biodiversitätsforschung (iDiv) Halle, Jena und Leipzig jetzt im Fachblatt Nature Ecology & Evolution. (doi: 10.1038/s41559-018-0750-9).

Desinfektion könnte mehr schaden als nutzen

"Wir beeinflussen diese Mikro-Biodiversität täglich, vor allem indem wir sie bekämpfen, beispielsweise durch Desinfektionsmittel oder Antibiotika", sagt US-Professor Robert Dunn, der den Aufsatz zusammen mit Nico Eisenhauer von der Universität Leipzig verfasst hat. Diese Zerstörung bakterieller Artenvielfalt solle zwar unserer Gesundheit helfen, schade aber wahrscheinlich sogar den Abwehrkräften, vermuten die beiden Forscher.

Sie fordern bessere Studien zur Wirkweise mikrobieller Lebensräume, etwa auf unserer Haut. Einzelne Hinweise deuten an, dass in diesen winzig kleinen Ökosystemen ähnliche Regeln gelten wie beispielsweise in den Wäldern. Dort teilen sich Pflanzen und Tiere ihren Lebensraum, wobei Arten, die gleiche Plätze besiedeln oder dieselbe Nahrung benötigen, miteinander konkurrieren. So lange solche Lebensräume stabil sind, können sich Eindringlinge hier nur schwer etablieren. Werden Standorte gestört, fällt ihnen das leichter.

Auch Bakterien, Pilze und Viren bilden Ökosysteme, etwa in unseren Wohnungen oder auf unseren Körpern. Tausende Arten von Bakterien besiedeln unsere Haut. "Wir befürchten, dass die notorische Nutzung von Desinfektionsmitteln und Antibiotika die Ausbreitung gefährlicher Keime erhöht, weil dadurch die natürliche Artengemeinschaft gestört wird", sagt Nico Eisenhauer.

Stuhltransplantation hilft schon heute

Diese These wird beispielweise durch eine Untersuchung mit dem Stäbchenbakterium Clostridium difficile unterstützt. Nach der Einnahme von Antibiotika konnte sich dieser Krankheitskeim, der Darmentzündungen und Durchfall auslöst, sogar noch ausbreiten. Auch Studien zu Duschköpfen weisen in diese Richtung: Auf Armaturen, wo sich eine reiche Gemeinschaft von Mikroorganismen ansiedeln konnte, hatten es potenzielle Krankheitserreger schwerer.

Umgekehrt konnte man schon in den 1960er-Jahren anhand von Kleinkindern zeigen: Babys, die mit einer harmlosen Bakteriengemeinschaft "Staphylococcus aureus" infiziert wurden, bekamen deutlich seltener Besuch von gefährlichen Bakterien der Art "S. aureus 80/81", die sogar Lungenentzündungen auslösen können. Bei Darminfektionen helfen mitunter sogenannte Stuhltransplantationen, bei denen Darmbakterien von einem gesunden Mensch zu einem erkrankten übertragen werden.

Die iDiv-Forscher sind bei ihren Thesen noch vorsichtig. Sie sagen, "Wir sind keine Mediziner." Sie würden keinem Chirurgen empfehlen, unsteril am offenen Körper zu arbeiten. "Was allerdings Oberflächen anbetrifft, könnten gezielte Beimpfungen mit einer ausgesuchten Mikrobengemeinschaft die Ausbreitung gefährlicher Erreger möglicherweise verhindern." Die Forscher wollen durch gezielte Tests besser verstehen, in welcher Mikrobengesellschaft sich gängige Krankheitserreger besser oder schlechter ausbreiten können.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 21. Juli 2017 | 09:31 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 28. Januar 2019, 10:51 Uhr