Drei Minuten Zukunft Zurück in die Steinzeit: Für ein gutes Leben keine gute Idee

Gespräch mit Medizinethikerin Claudia Wiesemann

Am Ende geht's doch wahrscheinlich nur um das Eine: Ein gutes Leben zu haben. Auch wenn da alle eine etwas unterschiedliche Vorstellung haben, die Bausteine sind ähnlich. Vor allem auf den medizinischen Fortschritt läuft es immer wieder hinaus. Das sagt die Ethikerin Claudia Wiesemann. Sie kennt sich mit beidem aus: Medizin und einem "guten Leben" – einem zentralen Begriff der Sozialethik. Um das zu erreichen, sollten wir auch den Fortschritt schätzen und Natürlichkeit nicht verklären.

Drei fröhliche junge Frauen auf einem Dach in Berlin bei Sonnenauf- oder Untergang. Eine hält eine gerollte Yoga-Matte in der Hand, eine Sitze mit angewinkelten Beinen und schaut in Kamera, eine mit Rücken zur Kamera. Kleine Backstein-Mauer als Sitzgelegenheit, freundliches Wetter.
Ein gutes Körpergefühl und gute Beziehungen – beides für ein gutes Leben. Und: Warum nicht mal beides beim Yoga auf dem Dach verbinden? Bildrechte: IMAGO / MASKOT

Frau Wiesemann, mal so ganz unphilosophisch: Führen Sie ein gutes Leben?

Ich bemühe mich, ein gutes Leben zu führen und die Wissenschaft macht es mir auch möglich. Denn sie erlaubt einem gerade, diese Arbeiten zu machen, die einen bewegen, die einem auf den Nägeln brennen, die kreativ sind. Wenn man das mit den Arbeitszeiten geregelt bekommt, dann kann man gerade in der Wissenschaft ein gutes Leben führen.

Das freut mich sehr. Was ist denn aus sozialethischer Sicht eigentlich "das gute Leben"?

Wir leben in einer pluralen Gesellschaft. Die Menschen haben sehr unterschiedliche Vorstellungen davon, was sie in ihrem Leben verwirklichen wollen. Es sind teilweise gemeinsame Ziele. Wir wollen versuchen, gesund zu bleiben. Wir wollen womöglich eine Familie gründen. Wir wollen Befriedigung in der Arbeit finden. Aber wie das genau für den einzelnen interpretiert wird, was der einzelne Mensch vielleicht auch im Verbund mit seinen Nächsten, mit seiner Familie für sich erstrebenswert erachtet, das kann durchaus einmal sehr individuell ausfallen.

Schwarz-weiß-Porträt von Frau mit kinnlangen hellen Haaren und hellem Oberteil an einem Schreibtisch sitzend und neutral-freundlich schauend. Gelber Rand ums Bild. Text: "Wann haben wir ein gutes Leben?` 3 min
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Was hat die Forschung denn konkret für Eckpfeiler für ein gutes Leben hervorgebracht?

Die Lebensverlaufs-Forschung hat einige wichtige Faktoren für ein gutes Leben identifiziert: Ein Wohlergehen in gesundheitlicher Hinsicht etwa gehört vermutlich dazu. Es gehört sicherlich dazu, gute Beziehungen, anhaltende Beziehungen pflegen zu können – etwa im Kontext einer Familie – und gute Arbeitsbedingungen zu haben. Sicherheit im Leben, ein ausreichendes ökonomisches Auskommen, das sind so die die Fundamente eines guten Lebens. Aber man kann sich vorstellen, das gelingt nicht jedem ganz selbstverständlich. Chronisch kranke Menschen etwa können im Verlaufe ihres Lebens nicht Gesundheit erreichen, aber vielleicht so etwas wie Lebensqualität, ein grundlegendes Wohlergehen. Und so müssen all diese Ziele adaptiert werden an die individuellen Lebensverläufe.

In der Wissenschaft spielt die Work-Life-Balance mittlerweile eine große Rolle, eine gewisse Ausgewogenheit zwischen den Arbeitsanteilen und den Anteilen, bei denen man sich wieder erholen kann. Und sie gelingt nicht immer. Das ist gerade in so herausfordernden Berufen wie denen der Wissenschaft nicht einfach.

Frau mit hellen, kinnlangen Haaren und Brille und weißem Oberteil sitzt vor Buchregal an Computerbildschirm, in den sie konzentriert blickt.
Bildrechte: MDR WISSEN/Laura Becker

Prof. Dr. Claudia Wiesemann … ist Medizinethikerin und Medizinhistorikerin, die in den 1980er-Jahren auch selbst als Ärztin gearbeitet hat. Zwischen 2012 und 2020 war sie Mitglied und zeitweise stellvertretende Vorsitzende des Deutschen Ethikrats. In ihrer Forschung interessiert sie sich z.B. für Fortpflanzungsmedizin, Patientenautonomie sowie Inter- und Transgeschlechtlichkeit. Sie ist seit 1998 Professorin an der Uni Göttingen und seit 2021 Mitglied der Leopoldina.

Ich lehne mich mal keck aus dem Fenster und behaupte, von Work-Life-Balance hat vor zweihundert Jahren vermutlich noch kein Mensch was gehört. Wie hat sich denn die Vorstellung vom guten Leben so verändert?

Wir haben etwa im neunzehnten Jahrhundert eine Phase erlebt, in der die Vorstellungen davon, was es heißt, ein richtiger Mann, eine richtige Frau zu sein, sehr rigide waren. Stereotype Vorschriften machte dafür der Lebenslauf der Frau, der eben nur Erfüllung in der Familie findet. Der Lebenslauf des Mannes, der nach außen greift, die Welt erobert. Von solchen Vorstellungen haben wir uns im Laufe der Zeit verabschiedet. Zum Glück. Deswegen sitze ich auch hier als Wissenschaftlerin. Wir machen das in unseren Gesellschaft möglich, eine viel größere Zahl an Lebensentwürfen zu verfolgen. Und das ist wiederum aber auch eine große Herausforderung für die Ethik.

Das heißt also, unsere Ansprüche haben sich verändert – und werden sich verändern.

Das hat zum einen etwas damit zu tun, dass wir insgesamt mehr Raum lassen für ganz individuelle Lebens-Entwürfe etwa im Bereich der Geschlechteridentitäten, um nur ein Beispiel zu nennen. Oder wenn wir einmal die Fortpflanzungsmedizin nehmen und sehen, wie viele neue Möglichkeiten die Fortpflanzungsmedizin schafft, für infertile Paare Kinder zu bekommen. Aber auch etwa für homosexuelle Paare, eine Familie zu gründen. Das ist ein neues Spektrum von Lebensentwürfen, von Entwürfen guten Lebens, die wir als Gesellschaft begleiten müssen – kritisch begleiten müssen, weil wir uns natürlich immer auch fragen müssen: Was heißt das für Dritte, etwa für das betroffene Kind in solchen neuen Familien? Aber wir müssen uns auch hüten davor, diese neuen Lebensentwürfe zu rigide zu betrachten, zu normalistisch, mit den Ansprüchen des letzten Jahrhunderts an solche Familien heranzutreten. Es ist gut so, dass wir diese individuellen Freiheiten haben. Wir müssen schauen, wie weit sie mit den Freiheiten der anderen gut vereinbar sind. Und das ist eine der großen Herausforderungen der Ethik: Meine Freiheit endet da, wo die Freiheit des anderen beginnt.

Frau mit hellen, kinnlangen Haaren und Brille und weißem Oberteil blättert auf einem Balkon in einem Buch, dunkelgrüner Baum bildfüllend unscharf im Hintergrund
Claudia Wiesemann lehrt und forscht in Göttingen. Hier steht sie gerade auf ihrem Büro-Balkon. Bildrechte: MDR WISSEN/Laura Becker

Nun sind Sie nicht umsonst Medizinethikerin – erlauben Sie an dieser Stelle die weitestgehend rhetorische Frage: Welche Rolle spielt die Medizin für ein gutes Leben?

Wir können heutzutage achtzig Jahre alt werden, neunzig Jahre alt werden. vielleicht sogar hundert Jahre alt, wenn wir Glück haben. Und daran hat die Medizin einen wesentlichen Anteil. Sie erlaubt es uns, große gesundheitliche Krisen zu überwinden, chronische Krankheiten so in Schach zu halten, dass wir ein Leben in guter Lebensqualität führen. Und deswegen spielt sie die entscheidende Rolle bei der Verwirklichung eines guten Lebens, vor allen Dingen in den fortgeschrittenen Lebensaltern. Und deswegen muss sich die Medizin auch der Frage stellen: Welche Ziele verfolgt sie denn da? Was ist denn tatsächlich Lebensqualität? Was ist Wohlergehen?

Am Ende werden wahrscheinlich die meisten Personen zustimmen, dass so wenig Medizin wie möglich optimal ist für ein gutes Leben.

Prof. Dr. Claudia Wiesemann

Die Medizin steht vor großen Herausforderungen der Zukunft. Sie muss sich etwa fragen, wie stark ist sie in der Lage, mit ihren Prognosen auf das Leben von Menschen Einfluss zu nehmen? Ich denke hier besonders an die Humangenetik, die etwa versucht, die Prädisposition [Krankheitsanfälligkeit, Anm. d. Red.] für Altersdemenz aus den Genen des Menschen herauszulesen. Was heißt das aber im Leben eines Menschen, der eine solche Prognose erhält? Wie geht ein solcher Mensch damit um? Wie gehen die Familienangehörigen damit um?

Das heißt, in der Medizin geht's künftig nicht nur um das Wie, sondern auch um das Ob.

Ein weiteres Problem der modernen Medizin ist der Rückgriff auf robotische Technologien und auf Datentechnologien. Wenn künstliche Intelligenzen etwa darüber entscheiden, ob sich die Therapie bei einem Patienten noch lohnt und bei einem anderen nicht mehr, dann geht unter Umständen die Verantwortung des Arztes verloren. Der Patient hat niemanden mehr, den er ansprechen kann, den er auch unter Umständen für Entscheidungen verantwortlich machen kann. Und vielleicht verstehen wir gar nicht mehr, auf welcher Basis die KI solche Entscheidungen trifft. Das sind sehr grundlegende ethische Fragen, mit denen wir uns auseinandersetzen müssen.

Also besser doch nicht so viel Medizin für ein gutes Leben?

Am Ende werden wahrscheinlich die meisten Personen zustimmen, dass so wenig Medizin wie möglich optimal ist für ein gutes Leben. Wenn wir tatsächlich lange gesund altern können. Das kann nicht jeder realisieren: Die allermeisten werden versuchen, Kompromisse zu schließen, etwa wenn es darum geht, eine chronische Erkrankung möglichst in Schach zu halten, mit möglichst wenig Interventionen [Behandlung, Anm. d. Red.] und auch möglichst wenig Folgeschäden durch die Behandlung, an die man ja auch immer noch denken muss.

Insofern ist es, glaube ich, klug zu sagen: Ich versuche, ein Leben mit der Medizin und nicht gegen die Medizin.

Prof. Dr. Claudia Wiesemann

Und dann noch das Aufeinanderprallen von Ideologien: Die einen weisen die Schulmedizin von sich, andere Naturheilverfahren. Dann wiederum unser Entfremdung von der Natur, aber gleichzeitig auch der medizinische Fortschritt, der ein langes Leben ermöglicht … ich sehe da Chaos. Helfen Sie mir mal.

Einerseits ist es tatsächlich so, dass wir mittlerweile ein Leben führen, das weit weg ist von Vorstellungen von Natürlichkeit, wie sie vielleicht noch die Steinzeitmenschen realisieren konnten. Andererseits müssen wir uns auch klarmachen: Das war ein sehr hartes Leben und Krankheiten haben viele Menschen damals frühzeitig dahingerafft. Nicht umsonst haben wir im Moment eine Lebenserwartung, die wohl alles übertrifft, was es bisher in der Geschichte der Menschheit gegeben hat, jedenfalls in den westlichen Zivilisationen. Und das haben wir unter anderem auch den Fortschritten der Medizin zu verdanken. Insofern ist es, glaube ich, klug zu sagen: Ich versuche, ein Leben mit der Medizin und nicht gegen die Medizin und Vorstellung von Natürlichkeit zurückzuweisen, die eigentlich nur eine Verklärung der Vergangenheit darstellen.

Letztendlich bleibt aber die Frage im Raum: Wer kann sich denn überhaupt ein gutes Lebens leisten?

Wir haben das jetzt gerade im Rahmen der Corona-Pandemie hautnah erlebt, wenn nicht alle Menschen auf dieser Welt frühzeitig Zugang zu Impfungen erhalten können. Und die Qualität des Gesundheitswesens hat letztendlich auch darüber entschieden, wie viele Menschen an dieser Infektion verstorben sind. Es ist also eine große ethische Herausforderung, hier Zugang zu guter Gesundheitsversorgung für möglichst alle Menschen, nicht nur der heimischen Gesellschaft, sondern der Weltgesellschaft, zu erreichen.

Also dann, Hand aufs Herz: Wann haben wir ein gutes Leben, Frau Wiesemann?

Die Frage sollten wir gar nicht zu beantworten versuchen. Denn es sollte eben gerade so viel individuelle Freiheit in der Entscheidung darüber, was das Gute an einem Leben ist, übrig bleiben. Wir haben vielleicht dann alle ein gutes Leben, wenn genau diese Freiheit gewährleistet ist – diese Möglichkeit, unter gewissen, sicheren Bedingungen in Freiheit über die eigenen Lebensziele zu entscheiden und diese dann auch verwirklichen zu können.

Frau Wiesemann, vielen herzlichen Dank.