Arztfragebogen zur Beantragung von medizinischem Cannabis.
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Ein Jahr Cannabis Trotz Bürokratie: Ansturm auf Cannabis

Viele Menschen wollen Cannabis. Wer hätte das gedacht? Nicht die Bundesregierung. Sie hat geschätzt, dass 2017 wohl etwa 650 Menschen medizinisches Cannabis beantragen. Es waren dann 13.000.

von Karsten Möbius

Arztfragebogen zur Beantragung von medizinischem Cannabis.
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650 zu 13.000 - Diese Antragszahlen liegen extrem weit auseinander. Klingt nach einem Ansturm. Nicht so in der Apotheke von Tobias Luckner in Halle. Sie liegt unmittelbar neben der Schmerzambulanz des Uniklinikums:

Apotheker Tobias Luckner, Hubertus-Apotheke Halle.
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Bei uns war bis zum heutigen Tag kein einziger Patient. Das ist durchaus merkwürdig. Wir haben mehr erwartet. Aber ich vermute mal, dass die Patienten aus einem weiteren Umkreis hier in die Ambulanz kommen und sich dann eher zu Hause versorgen lassen. Also in der Apotheke um die Ecke.

Tobias Luckner

Die Schmerzambulanz am Halleschen Uniklinikum leitet OÄ Dr. Lilit Flöther. Sie hat den Eindruck, dass sie als Schmerzspezialistin eine der wenigen Ärzte ist, die Cannabis verschreiben - obwohl es andere Ärzte auch könnten. Innerhalb eines Jahres hat sie etwa zehn Patienten mit Cannabis behandelt.

Sie sehen auch selbst nach so einem Jahr ist es noch schleppend, weil wir immer noch der Meinung sind, dass so eine Behandlung immer noch einen Ausnahmefall darstellt. Deswegen steigen die Zahlen auch nicht so rasant.

Dr. Lilit Flöther

Genauso sieht es in der Schmerzambulanz von Dr. Kerstin Pieper in Freyburg an der Unstrut aus. Sie behandelt 14 Patienten mit Cannabis. Auch zu ihr kommen Patienten, die von anderen Ärzten geschickt wurden. Dafür gibt es mehrere Gründe, sagt sie. Zum einen scheuen viele Mediziner die umstrittenen Cannabis-Produkte, weil es kaum Erfahrungen damit gibt und weil sie mit Vorurteilen behaftet sind. Zum anderen bedeutet ein Antrag auf eine Cannabis-Behandlung bei der Kasse jede Menge Bürokratie, beschreibt Dr. Kerstin Pieper.

Dr. Kerstin Pieper, Schmerzspezialistin, Freyburg - Unstrut. Cannabis kommt nur für Patienten in Frage, bei denen wir schon alles versucht haben.
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Ich bitte dann die Patienten, das bei der Krankenkasse zu beantragen bzw. das Formular mitzubringen. Man muss der Krankenkasse anzeigen, was möchte ich dem Patienten, in welcher Dosierung verordnen. Ich muss Literaturbeispiele nachweisen, woraus zu ersehen ist, das wäre vielleicht hilfreich für diese Erkrankung. Also es ist schon ein relativ großer Aufwand.

Dr. Kerstin Pieper

Einer der ersten Patienten, die Kerstin Pieper mit Cannabis behandelt hat, war Rolf Holetzek - er beschreibt seine ersten Erfahrungen:

Schmerzpatient Rolf Holetzek
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Die Krankenkassen wussten nichts, die Ärzte wussten auch nicht wirklich viel. Formulare, Anträge kannte eigentlich noch niemand. Die haben wir uns dann aus dem Internet geholt und mit der Ärztin zusammen ausgefüllt. Dann das Ganze eingereicht - ungefähr drei Wochen später kam dann die Genehmigung von der Krankenkasse.

Rolf Holetzek

Von den mehr als 1.079 Anträgen in Mitteldeutschland wurden über 60% von den Kassen bewilligt. Die Deutsche Schmerzliga ist damit nicht zufrieden. Denn eigentlich sollte eine Ablehnung nur in Ausnahmefällen erfolgen. Ablehnungen von über 30% haben, so die deutsche Schmerzliga, nichts mehr mit Ausnahmefällen zu tun. Auf die Frage, warum Anträge abgelehnt wurden, antwortete die AOK Plus Sachsen/Thüringen per Mail:

Ablehnungen auf eine Kostenübernahme einer Behandlung mit Cannabis gab es, weil: erstens nicht nachgewiesen werden konnte, dass Therapiealternativen tatsächlich ausgeschöpft sind, zweitens weil keine schwerwiegenden Erkrankungen vorlagen und drittens weil trotz mehrfacher Aufforderungen nicht die benötigten vollständigen Unterlagen vorgelegt wurden.

Durch das letzte Wort der Krankenkassen, durch eine Art Kontrolle, fühlen sich die Ärzte in ihrer Entscheidungskompetenz beschnitten. Es vergehen im Schnitt drei bis fünf Wochen, bis eine Therapie beginnen kann. Lilit Flöther, die Leiterin der Schmerzambulanz am Uni-Klinikum Halle wünscht sich, dass das Verfahren unkomplizierter wird und dass Wartezeiten und Unwägbarkeiten abnehmen: "Wie komme ich dazu, dass mein Patient möglichst schnell diese Therapie bekommt und nicht fünf Wochen warten soll und wenn wir Pech haben vielleicht eine Absage bekommt? Das wünsche ich mir, dass das besser geregelt wird."

Allerdings ist für eine Behandlung mit Cannabis-Medikamenten nicht zwingend die Kostenübernahme durch die Krankenkasse notwendig. Mit einem Betäubungsmittelrezept des Arztes kann man sich diese Medikamente auch privat in der Apotheke kaufen. Monatlich wären das Kosten von mehreren hundert Euro. Aber auch in solchen Fällen werden Ärzte in der Regel streng auf die Richtlinien achten, die für so eine Verschreibung vorgesehen sind.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL | 10. März 2018 | 09:24 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 10. März 2018, 16:00 Uhr