Cannabis-Pflanzen
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Ein Jahr Cannabis Mit Cannabis die Lebensqualität verbessern

Vor einem Jahr wurde die in Deutschland bahnbrechende Entscheidung getroffen: Cannabis wurde legal! Zumindest medizinisches Cannabis und zumindest für eine ausgewählte Gruppe: Schmerzpatienten. Mit Cannabis auf Rezept haben Ärzte, Apotheker und Krankenkassen Neuland betreten - aber auch die Patienten. Für wen kommt dieses Medikament in Frage? Wie wirkt es und welche Nebenwirkungen sind zu erwarten?

von Karsten Möbius

Cannabis-Pflanzen
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Kathrin Steinhäuser ist eine von 13.000. So viele Menschen haben seit der Teil-Legalisierung von Cannabis einen Antrag bei den Kassen gestellt. Die zierliche Frau versucht gerade wieder, ein normales Leben zu führen. Nach einem Oberkieferkarzinom mussten ihr im oberen Gesichtsbereich fast alle Knochen entfernt werden. Das nicht mehr vorhandene Knochengewebe im Gesicht wurde durch Knochen aus einem ihrer Schulterblätter ersetzt. Das ist jetzt mehr als zwei Jahre her.

Schmerzpatientin Kathrin Steinhäuser
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Der Schmerz in der Schulter ist chronisch und im Gesicht sind ja mehrere Nerven und Muskeln durchtrennt und die Schmerzen - sicher teilweise auch Phantomschmerzen - die gehen nicht weg, nicht wieder. Die fühlen sich wohl bei mir.

Kathrin Steinhäuser

Zwei Jahre lang bekam sie Schmerzmittel auf Opiumbasis, die süchtigmachen. Eine weitere Behandlung damit war nicht mehr zu verantworten - vor allem, weil Kathrin Steinhäuser trotz der Medikamente und starker Schlafmittel nicht mehr schlafen konnte. In der Schmerzambulanz des Uniklinikums Halle suchte man also nach Alternativen. Das war Cannabis, sagt die behandelnde Ärztin Dr. Lilit Flöther. Denn Kathrin Steinhäuser repräsentiert eine typische Schmerzpatientin, die alle Kriterien für eine Cannabis-Therapie erfüllt. Sie leidet unter einer schwerwiegenden Krankheit, die die Lebensqualität entscheidend beeinflusst und sie gilt als austherapiert - es gab keine weiteren Optionen mehr - sagt Flöther, die die Schmerzambulanz leitet:

Dr. Lilit Flöther, Schmerz- und Suchtspezialistin am Uniklinikum in Halle.
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Unsere Idee war von Anfang an: Es kann nur besser werden. Wir haben keine unserer Standardtherapien abgesetzt. Es läuft das Schmerzpflaster weiter und auch die zusätzlichen Tabletten - alles was verträglich ist, haben wir gelassen. Wir haben nur gedacht, wir wollen es verbessern.

Dr. Lilit Flöther

Es gibt Fälle, da bringt Cannabis überhaupt keine Besserung. Es gibt Fälle da steigert sich sogar die Unruhe. Eine Patienten sah plötzlich fremde Leute im Garten, wo gar keine waren. Aber in den allermeisten Fällen hilft es tatsächlich und zeigt so gut wie keine Nebenwirkungen. Wie war das bei Kathrin Steinhäuser? Bei ihr ließen die Schmerzen nach, die einen normalen Tagesablauf unmöglich machten:

Ich kann jetzt schon bis zum Nachmittag meinen Tag normal gestalten, so wie ich ihn gerne hätte. Ich kann auch mal länger alleine rausgehen, sonst musste immer mein Mann mit. Am Nachmittag ist die Batterie leer, da kann man nichts machen. Aber es wird länger von Mal zu Mal.

Kathrin Steinhäuser

Sie kann wieder besser schlafen. Außerdem berichtet sie darüber, dass sie wieder mehr Appetit hat. Ein Effekt, der für sie extrem wichtig ist, weil sie im Moment noch über einen Schlauch ernährt wird. Mittlerweile kann sie ihre Hosen in der Kinderabteilung kaufen. Erst, wenn ihre obere Zahnreihe aufgebaut ist, wird Kathrin Steinhäuser wieder richtig essen können:

Inklusive dem Appetit habe ich natürlich nun wieder das Handicap, dass ich momentan nicht so essen kann, wie ich gerne möchte. Aber wenn das dann wieder geht... dann ist nichts vor mir sicher!

Kathrin Steinhäuser

Wie viele andere auch hat Kathrin Steinhäuser keine oder kaum Nebenwirkungen. Nicht mal psychische Auffälligkeiten, die landläufig mit Cannabis in Verbinung gebracht werden. Man habe vielleicht mal einen Spaß mehr auf den Lippen, man ist besser drauf, sagt sie. Aber man renne nicht nur lächelnd durch die Wohnung. Mit den Dronabinol-Tropfen, der standardisierten Cannabislösung, kommt Kathrin Steinhäuser gut zurecht. Sie braucht nur eine sehr geringe Dosis, so dass bei der Schmerztherapie noch jede Menge Spielraum ist, sagt ihre Ärztin. Das Fazit von Kathrin Steinhäuser lautet so: "Es ist kein Zaubermittel. Es macht nicht "Husch!"... und mir geht's gut. Aber es hilft, dass ich quasi selber wieder auf eine andere Ebene komme. Und dass ich - sagen wir mal so - nicht mehr auf dem Boden rumkrebse."

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | MDR um 4 | 08. März 2018 | 17:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 09. März 2018, 06:00 Uhr