Mein Jahr mit Corona "Erstaunlich Gelassen": Eine Psychologin und ihre Patienten in der Pandemie

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Einige psychisch kranke Menschen leiden besonders unter den Corona-Einschränkungen, zeigen Studien. Psychologieprofessorin Cornelia Exner hat mit ihren Patienten aber auch andere Erfahrungen gemacht.

Prof. Dr. Cornelia Exner, Universität Leipzig. Grafik für die MDR Wissen Serie "Mein Jahr mit Corona".
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Am Anfang – da geht es Cornelia Exner wie den meisten Menschen – ist Corona nur eine Schlagzeile aus dem fernen China. Dann gibt es auf einmal Fälle in München. Und plötzlich geht alles ganz schnell. Mitte März sagt die Psychologie-Professorin an der Universität Leipzig erste private Treffen ab. Schon kurz danach stellt sie sich mit Kollegen die Frage: Wie wird es mit ihren Studenten weitergehen? Was ist mit den Patienten in der psychotherapeutischen Hochschulambulanz? Und was passiert mit der Ausbildung angehender Therapeutinnen und Therapeuten?

Mein Jahr mit Corona Seit einem Jahr befindet sich unser Leben durch die Pandemie in einem Ausnahmezustand. Wie hat Corona das Leben von Forscherinnen beeinflusst? Um diese Frage geht es in unserer Serie.

"In all diesen Bereichen hat Corona angefangen, die Arbeit zu beeinflussen. Im März. waren noch Semesterferien, da haben wir noch gehofft, dass die Sache bis Anfang April anders aussieht. Aber dann wurde durch den Lockdown sehr schnell klar: Das wird so nicht sein", erinnert sich Exner heute. Die Studenten können nicht in die Hörsäle zurückkehren, aber die Universität reagiert schnell und stellt ihren Lehrbetrieb auf ein digitales Semester um. Das startet pünktlich, alle Seminare und Vorlesungen finden über Videokonferenzen statt.

Das größte Problem: Einen ruhigen Rückzugsort finden

Etwas komplizierter ist es mit den Patienten. Wie reagieren Menschen, die sowieso schon unter Ängsten leiden, die Probleme haben, sich zu beruhigen oder aus negativen Gedankenspiralen auszubrechen, wie reagieren sie auf eine globale Naturkatastrophe wie die Corona-Pandemie? Cornelia Exner war über manche Reaktion selbst erstaunt. "Teilweise zeigen sich Menschen, die sonst andere Ängste haben, erstaunlich gelassen gegenüber der Ansteckungsgefahr."

Größer sind allerdings die Probleme, die durch den Lockdown entstehen. Denn üblicherweise ist ein Kern psychotherapeutischer Arbeit, dass sich Patient und Therapeut begegnen können. "Das hat vor allem bedeutet, dass wir einen sehr hohen Anteil von Videotherapien realisiert haben, auch jetzt in der zweiten Welle."

Aber geht das so einfach? Ist Psychotherapie heilsam, wenn sich Patienten und Therapeuten nur am Bildschirm sehen können? "Für viele Patienten und Patientinnen ist die erste Hürde, überhaupt einen Raum zu finden, indem man für eine Stunde ungestört ist. Das ist gar nicht so einfach herzustellen bei all den beengten Wohnverhältnissen", sagt Exner.

Wer kommt mit der Videotherapie zurecht – und wen muss man weiter physisch treffen?

Menschen mit bestimmten Erkrankungen, etwa Depressionen, leiden besonders stark unter den Kontaktbeschränkungen, das zeigen inzwischen mehrere Studien. Für sie werden andere Lösungen gebraucht.

Also beraten die Therapeutinnen und Therapeuten am Institut: Für wen eignet sich eine Videotherapie gut, wer braucht dagegen dringend persönlichen Kontakt? "Wir wollen ja nicht, dass Leute in noch tiefere Krisen geraten, weil die stationäre Versorgung momentan auch eingeschränkt ist. Von daher ist es umso wichtiger, dass wir unser ambulant-therapeutisches Angebot für über 400 Patienten weiter aufrechterhalten."

Nicht alle Teile der Therapie funktionieren unter Corona-Bedingungen. Die Verhaltenstherapie, die Exner und ihre Kollegen praktizieren, arbeitet normalerweise auch damit, dass Therapeut und Patient irgendwann die besonders gefürchteten Situationen gemeinsam aufsuchen. Menschen mit Höhenangst etwa steigen in Begleitung auf hohe Gebäude. Wer hingegen Menschengedränge fürchtet, für den bedeutet Corona abwarten.

Andere Patienten dagegen profitieren offenbar sogar von der Therapie mittels Videokonferenz, hat Cornelia Exner festgestellt.

Erstaunt waren wir, dass gerade unsere Patientinnen und Patienten mit Aufmerksamkeits-Hyperaktivitäts-Störung im Erwachsenenalter beschrieben, dass es ihnen teilweise leichter fällt, sich in dem Videoformat auf das Therapie-Geschehen zu konzentrieren. Die allermeisten würden wahrscheinlich sagen, dass sie das Präsenzformat vorziehen. Trotzdem bin ich mir relativ sicher, dass wir auch nach der Pandemie das Videoformat weiter nutzen werden, weil es Sachen ermöglicht. Wir können jetzt besser Menschen begleiten, die aufgrund des Berufs oder ihrer Tätigkeit längere Zeit woanders sind. Es ist ein Zugewinn an therapeutischen Möglichkeiten.

Prof. Cornelia Exner, Universität Leipzig

Nah ran an die Menschen

Und auch für den Kontakt mit anderen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern hat die Pandemie nicht nur Nachteile gebracht. Wie viele ihrer Kolleginnen ist auch Cornelia Exner von den gewachsenen Möglichkeiten begeistert, online an der Beratung aktueller Forschungsergebnisse teilhaben zu können. "Man muss nicht zu jedem kleinen Kongress unbedingt über den Atlantik jetten, sondern kann auch über die Distanz am wissenschaftlichen Austausch teilnehmen."

Nichtsdestotrotz freut sich auch die Psychologin auf eine Zeit, in der sie nicht länger Abstand halten muss zu anderen. "Ich möchte Menschen umarmen, Angehörige, Freunde. Die Grüße mit Ellenbogen oder Faust, die sind doch gruselig und außer der engsten Familie, Mann und Söhne sehe ich gerade eigentlich niemanden mehr. Ich habe auch diese Wunschfantasie, ganz enge Konzerte oder irgendetwas, wo man wirklich ganz dicht an Menschen dran ist."

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