Ein Mann sitzt alleine auf einer Parkbank.
Bildrechte: IMAGO

Verkürzte Lebenserwartung Einsamkeit ist so schädlich wie Rauchen

Einsamkeit schadet uns so sehr wie Fettleibigkeit und Rauchen. Das belegen 148 Studien aus den USA, Europa, Asien und Australien. Aber was ist so gefährlich daran? Und was hilft dagegen?

von Kathleen Raschke-Maas

Ein Mann sitzt alleine auf einer Parkbank.
Bildrechte: IMAGO

Jeder von uns fühlt sich immer mal wieder einsam. Für wen das aber zum Dauerzustand wird, der lebt oft auch ungesünder und muss mit gesundheitlichen Folgen rechnen - sogar mit einer verkürzten Lebenszeit, wie die Auswertung von 148 Studien aus den USA, Europa, Asien und Australien ergab. Die Forschungsergebnisse belegen: Einsamkeit schadet uns so sehr wie Rauchen oder Fettleibigkeit. Das scheinen düstere Aussichten in Anbetracht der vielen Single-Haushalte und der Tatsache, dass immer mehr ältere Menschen unter uns sind, die ihren Partner vielleicht schon verloren haben. Aber allein zu sein bedeutet nicht immer, sich auch einsam zu fühlen.

Annegret Wolf Psychologin Martin-Luther-Universität Halle
Bildrechte: Christine Reißing

Einsamkeit ist das, was wir subjektiv empfinden: Der Mangel an sozialen Kontakten, an emotionalen Bindungen. Selbst wenn wir von anderen Menschen umgeben sind, in der Großstadt oder auf Arbeit zum Beispiel. Das Alleinsein hingegen ist ein Zustand, in dem wir objektiv nicht von anderen umgeben sind und auch keine Kommunikation stattfindet.

Annegret Wolf, Psychologin Martin-Luther-Universität Halle

Erst, wenn das Gefühl der Einsamkeit dauerhaft ist und zur Belastung wird, wird es auch gefährlich. Denn dann steht unser Körper unter Stress und reagiert darauf. Unser Immunsystem fährt herunter, Entzündungswerte steigen an, wir sind schneller bereit, zur Zigarette oder zu anderen Drogen zu greifen. Viele betäuben ihren Kummer mit Süßigkeiten und bewegen sich weniger. Die Folge: Sie sind oft auch übergewichtig und haben Herz-Kreislaufprobleme.

Nähe ist so wichtig wie Essen und Trinken

Das Bedürfnis nach Nähe und sozialen Beziehungen ist ein menschliches Grundbedürfnis, genau wie Essen, Trinken, Schlafen. Da überrascht es eigentlich nicht, dass soziale Abweisung die selben Hirnareale anspricht wie Schmerz.

Annegret Wolf

Wer also dauerhaft unter Einsamkeit leidet, steht chronisch unter Stress und trägt ein 26 Prozent höheres Risiko, eher zu sterben. Dass sich besonders Menschen ab 65 einsam fühlen, mag nicht überraschen. Doch auch zwischen 30 und 34 gibt es einen Einsamkeitsboom. Eine mögliche Erklärung dafür ist, dass wir uns in dieser Zeit in der "Rush hour" unseres Lebens befinden. Kinder, Karriere und Hausbau lassen zu wenig Zeit, Freundschaften zu pflegen. Oder manch einer hat einfach noch nicht den Partner fürs Leben gefunden. Bei uns in Deutschland geben etwa 20 Prozent an, sich dauerhaft einsam zu fühlen. In den letzten 30 Jahren ist die Zahl der Betroffenen kontinuierlich gestiegen, aber nicht jeder ist gefährdet.

Besonders junge Männer, die keine Partnerin haben oder arbeitslos sind, klagen über Einsamkeit. Das liegt daran, dass sie sich im Gegensatz zu Frauen stärker über eine Partnerschaft und über Materielles definieren. Aber auch bestimmte Persönlichkeiten neigen dazu, Einsamkeit stärker zu empfinden: Menschen mit negativer Lebenshaltung, Introvertierte und Menschen mit wenig Einfühlungsvermögen.

Annegret Wolf

Einsamkeit ist ansteckend

Wer als Kind keine sichere Bindung z.B. zu seinen Eltern aufbauen konnte, ist oft ein Leben lang nicht selbstsicher genug, fühlt sich anderen Menschen gegenüber hilflos und ausgeliefert. Und wer sich dauerhaft mit Einsamen umgibt, läuft Gefahr sich anzustecken. Doch ganz gleich, was einen in solch eine Situation geführt hat, wichtig ist, einen Ausweg zu finden. Das EASE Stufenprogramm des amerikanischen Psychologen John Cacioppo kann helfen:

1. Den Aktionsradius erweitern: in kleinen Schritten wieder auf Menschen zugehen. Mit einfachen Gesprächen am Gartenzaun, einem Lächeln an der Supermarktkasse. Positive Reaktionen spüren und daraus Mut schöpfen.

2. Aktiv werden: sich einen Verein suchen, ein Ehrenamt übernehmen und erleben, dass man gebraucht wird und etwas bewegen kann.

3. Selektieren: Lieber wenige, aber dafür wichtige und intensivere Kontakte pflegen. Dranbleiben und auch mal wieder etwas investieren.

4. Das Beste erwarten: positiv denken, Hoffnung haben, Wertschätzung erleben.

Das sind wirklich alltagstaugliche Tipps, für die man keinen Therapeuten und keine Selbsthilfegruppe braucht. Es lohnt sich, sie einfach auszuprobieren. Wer sich aber lieber einem Menschen mitteilen möchte, für den ist auch die Telefonseelsorge ein guter Anlaufpunkt.

Annegret Wolf

Soziale Netzwerke: Risiko oder Chance?

Menschen, die sich dauerhaft einsam fühlen, haben oft Berührungsängste. Die Hemmschwelle ist in sozialen Netzwerken deutlich geringer, weil die Kommunikation dort zunächst anonymer ist. Und sie bieten die Möglichkeit, Kontakte auch über Entfernungen hinweg dauerhaft zu pflegen.

Das hilft zum Beispiel nach einem Umzug, oder wenn man viel auf Dienstreisen ist. Auch Likes haben einen messbaren positiven Effekt auf uns. Sie sorgen dafür, dass Glückshormone ausgeschüttet werden. Aber all das ist ganz klar kein Ersatz für reale zwischenmenschliche Beziehungen. Sind wir so viel auf diesen Plattformen unterwegs, dass sie andere Kontakte verhindern, dann erhöhen sie ganz klar das Risiko, zu vereinsamen.

Annegret Wolf

Über dieses Thema berichtete MDR KULTUR: im Radio | 04.05.2017 | 08:10 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 18. Oktober 2017, 10:45 Uhr