Forschung in Dresden-Rossendorf In welchem Gestein lagert Atommüll am sichersten?

Nach jahrelangem Streit um Gorleben begann die Bundesregierung dieses Jahr eine neue Suche nach einem Endlager für stark radioaktiven Atommüll. Dresdner Wissenschaftler erforschen das bestmögliche Wirtsgestein.

Atommüll Zwischenlager Gorleben Salzstock Luftaufnahme
Nach jahrelangem Protest wurde die Erkundung des Salzstock in Gorleben als Endlager vorerst gestoppt. Bildrechte: IMAGO

Eine Stimme sagt: "Bitte umdrehen" und zählt dann: "7…6…5…4…3…2…1…"

Bevor ich die Labore betreten darf, muss ich erst einmal durch die Schleuse. "…vielen Dank, keine Kontamination, bitte durchgehen…"

Beim Einmessen wird sichergestellt, dass ich nicht kontaminiert oder bereits verstrahlt bin. Über meine Schuhe musste ich weiße Überzüge ziehen, der grüne Kittel ist ebenfalls Pflicht. Professor Vinzenz Brendler drückt mir zusätzlich ein kleines graues Gerät in die Hand, ein Dosimeter. "Das zeigt Ihnen an, ob Sie eventuell eine Strahlendosis abbekommen", erklärt er. Ich frage erstaunt: "Das heißt, wenn die Anzeige hier hoch geht, dann sollte ich mir Gedanken machen?" Brendler entgegnet entspannt: "Ja, dann haben wir ein Problem. Aber ich kann Ihnen versichern, das passiert im Normalfall nicht."

Vincent Brendler
Bildrechte: dpa

Die Sicherheitsvorkehrungen sind trotzdem nicht ohne Grund so hoch. Vinzenz Brendler und sein Team arbeiten hier mit radioaktiven Substanzen – sie forschen an sicheren Endlagerstätten für radioaktiven Abfall. "Als Chemiker sind wir insbesondere interessiert an den Wechselwirkungen der radioaktiven Schadstoffe mit dem Wirtsgestein, in dem ein Endlager errichtet wird und auch mit den entsprechenden wässrigen Lösungen, mit dem Wasser, das vielleicht mal Zutritt zu einem Endlager hätte und dann Schaden anrichten könnte", sagt er.

Die größte Gefahr in einem Endlager besteht darin, dass radioaktive Abfälle mit Wasser in Kontakt kommen und so in die Biosphäre gelangen. Aus der gewinnen wir unser Trinkwasser und unsere Nahrungsmittel. Durch Wassereintritt können Endlager aber auch instabil werden und einzustürzen.

Ausschlaggebend für sichere Endlager sind vor allem die Wirtsgesteine – also die Schichten, in die die Endlager hinein gebaut werden sollen. Aktuell forschen Wissenschaftler vor allem an Salz, Ton und Granit. Vinzenz Brendler bleibt vor einem ungefähr zwei Quadratmeter großen Glaskasten stehen, in den eine Kollegin gerade beide Arme gesteckt hat – natürlich in dicken Handschuhen.

"Hier in diesen Handschuhboxen findet eine Reihe von Versuchen statt", sagt er und erklärt: "Diese Handschuhboxen haben eigentlich zwei Zwecke. Zum Einen sorgen sie dafür, dass der Experimentator nicht in direkte Berührung mit den radioaktiven Substanzen kommt, und zum zweiten kann man diese abgeschirmten Boxen natürlich dazu nutzen, um die Gasatmosphäre anzupassen an Versuchsbedingungen, dass man die Sauerstoffgehalt variiert, den CO2-Gehalt variiert und damit verschiedene Situationen unter Tage besser modellieren kann."

So werden die verschiedenen Wirtsgesteine auf Festigkeit, Wärmeleitfähigkeit und Lösbarkeit getestet. Einen klaren Favoriten gibt es allerdings nicht, sagt der Wissenschaftler: "International werden unterschiedliche Gesteine favorisiert. Am weitesten fortgeschritten sind die Programme in Skandinavien, wo im Granit ein Endlager errichtet wird. In Deutschland wurde sehr viel zu Salz geforscht. In unseren Nachbarstaaten, wie in der Schweiz, Belgien und Frankreich wird das Endlager höchstwahrscheinlich im Ton errichtet werden. Es ist also eine Abwägungsfrage, weil in keinem der Gesteine alle Eigenschaften ideal sind."

Und trotzdem sollen die Endlager in Deutschland bis zu eine Million Jahre sicher sein. Das erfordert Fachwissen aus ganz unterschiedlichen Fachrichtungen. Vinzenz Brendler führt mich an mehreren Laboren vorbei. An vielen hängen gelbe Schilder auf denen „Vorsicht, Radioaktive Stoffe“ steht. Hier arbeiten Chemiker, Biologen, Geologen und Ingenieure zusammen. "Diese Zusammenarbeit ist sehr wichtig, weil so ein Endlager ein sehr komplexes Bauwerk ist", sagt er. Zum einen gebe es die Behältermit den radioaktiven Substanzen, zum anderen ingenieurtechnischen Barrieren etwa aus Ton oder Zement die in einem Lager eingebaut werden müssen. "Und dann haben wir das Wirtsgestein selbst, außerdem biologische Systeme, also wenn wir über sehr lange Zeiträume eine mögliche Ausbreitung bis in die Biosphäre, bis zum Menschen betrachten. Das müssen wir alles abdecken und das macht sich natürlich am besten, wenn man im Team arbeitet und sich dann besser versteht", sagt Brendler.

Trotzdem sind noch viele Fragen offen – zum Beispiel: Kennen wir alle Prozesse, die einen Einfluss auf die Sicherheit von Endlagern haben? Und haben wir die (oftmals gekoppelten) Prozesse ausreichend genau verstanden? Vinzenz Brendler und sein Team suchen nach Antworten, denn die Bundesregierung will bis 2031 eine Lösung für die Endlagerfrage finden.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL | 08. Dezember 2017 | 12:45 Uhr