Schädlingsbekämpfung Fiese Fruchtfliegen und die Suche nach ihren natürlichen Feinden

Bisher dachte man, der lästigen Kirschessigfliege Drosophila suzukii, die ihre Eier in unsere leckeren Kirschen legt, könnte man mit dem Parasiten Ganaspis brasiliensis, einer Schlupfwespen-Art, beikommen. Doch ganz so einfach ist es nicht. Wir haben es nämlich einerseits mit zwei Fruchtfliegen-Arten zu tun, die uns den Appetit verderben. Und andererseits mit einem potentiellen Gegner, einer Schlupfwespenart, die ein verblüffendes Geheimnis birgt.

 Puppe einer Kirschessigfliege in einer Acolon-Traube
Bildrechte: imago images / Steve Bauerschmidt

Wer kennt das nicht aus dem Sommer: Die Kirsche glänzt verführerisch, die rote Schale ist prall und knackig. Wer vor dem Reinbeißen hineinschaut, dem windet sich oft eine weiße Made freundlich entgegen. Oder das Fruchtfleisch um den Kern ist einfach nur matschig.

Entweder war hier die Larve einer asiatischen Kirschessigfliege Drosophila suzukii zu Gange, oder eine Made der heimischen Kirschfruchtfliege Rhagoletis cerasi. Beide Arten verderben uns im Sommer den Obstgenuss und den Bauern teilweise die komplette Ernte. Allerdings ist die asiatische Drosophila suzukii, die erst seit 2008 auch Europas Obstwirtschaft schadet, ein ganz anderes Kaliber als die europäische Rhagoletis cerasi.

Aber wer könnte den Schädlingen den Garaus machen?

In der Natur sind verschiedene Arten von Gegenspielern denkbar: Räuberische Insekten, die sich von den Larven ernähren, wie Florfliegen. Oder Nematoden, Würmer wie Nernema feltiae, die die Larven von innen aushöhlen.

Ein winziges Insekt auf einer Pflaume
Schlupfwespe Ganaspis brasiliensis Bildrechte: Tim Haye

Oder Schlupfwespen wie Ganaspis brasiliensis, die Kirschessigfliegen zur Eiablage und als Wirtsorganismus für ihren Nachwuchs nutzen. Schon länger gelten sie als am erfolgversprechendsten was die Obstessigfliegen-Bekämpfung angeht. Jetzt verblüffen die Parasiten die Forschungswelt: Diese Parasitenart besteht aus mindestens zwei unterschiedlichen Arten, und eine von ihnen taugt offenbar zur Bekämpfung von Drosophila suzukii. Das jedenfalls zeigt eine französisch-schweizerische Forschungsarbeit, die im Magazin Nature veröffentlicht wurde. Anhand von Kreuzungsexperimenten und molekularen Analysen weisen die Forscher nach, dass Ganaspis brasiliensis nicht eine Art ist, sondern aus mindestens zwei Kryptospezien besteht.

Kryptospezies - was ist das denn?

Unter Kryptospezies versteht man in der Biologie Arten, die morphologisch, also in ihrem Aussehen, Organismusaufbau und Organlage nicht voneinander unterscheidbar sind. Merkmal dafür: Wenn sich Exemplare nicht mit bisher für Artgenossen gehaltenen Individuen paaren können. Oder wenn ihre Fortpflanzung in einer Sackgasse endet - die Nachkommen nicht fortpflanzungsfähig sind.

Was genau hat die Forschung da entdeckt?

Die Versuche der Forscher zeigten, dass eine genetische Gruppe der Schlupfwespen verschiedene Drosopihla-Arten parasitiert, egal, welche Nahrungsquelle ihr Wirt bevorzugte. Eine andere genetische Gruppe bevorzugte ausschließlich Larven in heranreifenden Früchten. Studienleiter Dr. Lukas Seehausen schließt daraus, dass diese zweite Gruppe sich als Gegenspieler für die Obstessigfliege eignen könnte. Er sagt, mit diesem Wissen könne man sich auf diese genetische Gruppe als biologisches Kontrollmittel konzentrieren und nun weiter erforschen.

Schädlings-Who-is-who und was sie unterscheidet

Drosophila suzukii, auch Kirschessigfliege. Eine Unterart der Essigfliege, ein besonders ausgefuchster Schädling, der nicht wählerisch ist bei den Früchten zur Eiablage: Ob Kirsche, Brombeere, Blaubeere, Erdbeere - Hauptsache, das Obst ist fast reif. Ob wilde oder vom Menschen kultivierte Pflanzen, das ist den Fliegen egal. 150 Frucht- und Pflanzenarten kennt die Forschung, auf die Drosophila suzukii fliegt, im wahrsten Sinne des Wortes.

Drosophila Suzukii
Bildrechte: Tim Haye

Die Fliegen ernähren sich von Nektar und frischen oder gärenden Fruchtsäften. Die Weibchen legen ihre Eier kurz bevor das Obst reif ist, in der Frucht ab, wo der Nachwuchs geschützt heranwachsen kann - ohne natürliche Feinde oder Nahrungskonkurrenten. Beste Voraussetzungen für Folgegenerationen. 72 Stunden nach der Eiablage schlüpft die Larve, verpuppt sich mehrfach, nach zwei bis drei Wochen schlüpft sie. Und schon ab dem ersten Lebenstag legen die Weibchen neue Eier ab, täglich bis 16 Stück, in ihrem ganzen Leben etwa 400. Der Zyklus wiederholt sich so lange, wie sommerliche Temperaturen vorliegen. Nachwuchs, der im Herbst schlüpft, überwintert an frostsicheren Orten.

Bei dieser rasanten und effektiven Fortpflanzung über die Sommermonate kann Rhagoletis cerasi, die Kirschfruchtfliege, nicht mithalten. Sie gehört zur Gruppe der Bohrfliegen. Die Weibchen bohren etwa zwei Wochen nach der Kirschblüte ein Loch in die noch junge, heranwachsende Frucht und legen direkt unter der Haut ein Ei ab.

Kirschfruchtfliege auf einem Blatt sitzend.
Bildrechte: imago/blickwinkel

Von außen markieren sie die Frucht mit einem Duftstoff, der anderen Weibchen signalisiert: "Besetzt, such Dir eine andere Wohnstube für Deinen Nachwuchs!" Nach zehn Tagen schlüpft im Inneren der Frucht eine weiße, beinlose Made, die sich nach 22 Tagen Schlemmerei und einer Körperlänge zwischen fünf und sieben Millimetern in der Nähe des Fruchtstiels aus dem "Nest" herausbohrt, zu Boden fällt und sich ins Erdreich gräbt. Dort verpuppt sie sich nach etwa zwei Tagen, bis sie im folgenden, oder sogar erst im übernächsten Mai bei Wärme als ausgewachsene Fliege für die nächste Generation Rhagoletis cerasi sorgt.

(lfw)

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