Artenvielfalt Warum das Sonntags-Steak dem Puma sauer aufstößt

Kakao oder Kaffee zum Frühstück, mittags ein saftiges Steak. Der Preis dafür ist für uns oft unsichtbar, nämlich die Artenvielfalt woanders. Die wird durch unsere Ernährungsgewohnheiten gefährdet, mahnt der WWF.

Ein saftiges Steak
Ein saftiges Steak: Neben dem Preis an der Kasse gibt es noch unsichtbare Preise, die anderswo dafür gezahlt werden. Bildrechte: imago images/CHROMORANGE

Ob Schokocreme mit Palmöl oder das Sonntags-Hühnchen aus Massentierhaltung: Oft landen Lebensmittel mit fragwürdiger Umweltbilanz im Einkaufskorb, obwohl wir eigentlich wissen, dass das nicht gut für die Natur ist. Ganz konkret hat sich das die Umweltorganisation WWF angeschaut und untersucht, welche Spuren wir mit unserer Durchschnittsernährung in Deutschland in anderen Ländern hinterlassen, wenn es um biologische Vielfalt von Pflanzen und Tiere geht. Ein beherzter Griff in eine offene Wunde, wenn man sich anschaut, was der Weltbiodiversitätsrat (IPBES) sagt: Etwa eine Million Tier- und Pflanzenarten könnten in wenigen Jahrzehnten aussterben. Dem Expertengremium des WWF zufolge spielen unsere Ernährungssysteme dabei eine wesentliche Rolle. Sie sind für 70 Prozent des Verlustes an biologischer Vielfalt auf dem Land und für 50 Prozent in Flüssen und Seen verantwortlich.

Wie wurde das berechnet?

Die Qualität der Flächen wurde bewertet, die für die Lebensmittelerzeugung benutzt wurde und mit der Qualität der früheren natürlichen Vegetation verglichen. Daraus ergibt sich die sogenannte Biodiversitätsdifferenz, die als Fußabdruck bezeichnet wird. Berechnungsgrundlage für die bundesdeutsche Erhebung war der Durchschnitts-Lebensmittelwarenkorb der Deutschen zwischen 2015 und 2018. Dieser wurde anhand der Konsummenge pro Lebensmittel berechnet.

Was sind denn die indirekten Biodiversitäts-Killer auf unseren Tellern?

Den größten Anteil am Ernährungs-Fußabdruck hinterlassen der WWF-Arbeit zufolge tierische Erzeugnisse wie Fleisch, Wurst, Käse, Eier: zusammengerechnet nämlich 77 Prozent.

Soja-Anbau in Brasilien.
Monokultur soweit das Auge reicht: Soja-Anbau in Brasilien. Bildrechte: IMAGO / Fotoarena

Bei den tierischen Erzeugnissen spielt der Flächenverbrauch zum Anbau von Futtermitteln eine große Rolle. Die WWF-Erhebung rechnet vor: Bei einer flexitarischen Ernährung, wenn tierische Produkte in Deutschland nur begrenzt konsumiert würden, ließe sich der Biodiversitäts-Fußabdruck weltweit um 18 Prozent verringern, bei konsequent vegetarischer Ernährung um 46 Prozent, bei veganer Ernährung sogar fast halbieren auf um 49 Prozent. Dazu muss man wissen: Bei den tierischen Erzeugnissen ist es vor allem der große Flächenbedarf für Futtermittel, der negativ zu Buche schlägt. Zum Beispiel verschlingt in Brasilien der Soja-Anbau als Futtermittel für Tiere gewaltige Flächen. 29 Prozent des Biodiversitäts-Fußabdrucks entsteht durch Soja-Anbau, gefolgt von Weizen (15 Prozent) und Mais (12 Prozent). Auch in Deutschland werden 60 Prozent der landwirtschaftlichen Flächen für die Futtermittelproduktion genutzt.

Auch in Deutschland spüren wir den Artenverlust

Kakaofrüchte auf dem Boden, darauf zwei Arbeiter, die die Früchte aufschneiden.
Kakaoproduktion an der Elfenbeinküste Bildrechte: imago images / Xinhua

Auch die deutsche Begeisterung für Schokolade hinterlässt Spuren. 5,7 Kilogramm schokoladehaltige Lebensmittel verzehren wir pro Kopf und Jahr in Deutschland, der Anteil am Biodiversitäts-Fußabdruck weltweit beträgt fünf Prozent. Dafür werden u.a. Flächen in Nigeria, Kamerun und Ghana verbraucht.

Ein Kartoffelfeld
Monokultur soweit das Auge reicht. Praktisch für die Ernte, fatal für die Vielfalt von Wildkräutern, Insekten und Vögeln. Bildrechte: imago images / Nature Picture Library

Aber auch vor der eigenen Haustür reduziert unser Flächenverbrauch zum Anbau von Lebensmitteln die Biodiversität. Bestände von Ackerwildkräutern und Wiesenblumen wie Kornblume und Kuckucks-Lichtnelke sind teilweise zu 95 Prozent verschwunden. Mangelnde Pflanzenvielfalt sorgt wieder dafür, dass Fluginsekten wie Hummel, Biene oder Falter verschwinden, was mangels Insekten wiederum zu weniger Feld- und Wiesenvögeln führt. Doch was würde es eigentlich konkret bedeuten, planetarisch-flexitarisch zu essen? Im WWF-Bericht heißt es dazu, der Fleischkonsum müsse um 43 Prozent reduziert und der von Gemüse um 51 Prozent erhöht werden, bei dunkelgrünem Gemüse wie Spinat oder Brokkoli sogar um über 250 Prozent.

Der WWF-Bericht fasst zusammen: Je mehr pflanzliche Lebensmitteln wir essen, umso kleiner der Biodiversitäts-Fußabdruck, den wir weltweit verursachen. Denn nur 23 Prozent des Artenvielfalt-Fußabdrucks gehen auf den Verbrauch pflanzlicher Lebensmittel wie Obst, Gemüse, Getreide oder Nüsse zurück.

Einkauf in einem Supermarkt im Allgäu
Was wir in Deutschland einkaufen und essen, beeinflusst die Artenvielfalt von Tieren und Pflanzen in anderen Ländern. Bildrechte: IMAGO/MiS

Links/Studien

Den Bericht des WWF lesen Sie hier.

(dpa/wwf/lfw)

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Rechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

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Di 04.08.2020 16:35Uhr 22:30 min

https://www.mdr.de/wissen/videos/aktuell/biologische-vielfalt-100.html

Rechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

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