Moore, Grünland, Dünen 81 Prozent der Naturräume in Europa geht es schlecht

Nicht nur die Artenvielfalt und der Zustand der Lebensräume auf unserem Globus sind besorgniserregend, auch zuhause in der EU und in Deutschland sieht es nicht anders aus. Ursache: Menschgemacht.

Idyllischer Bergsee mit klarem, türkisfarbenem Wasser, Geröll im Vordergrund, Nadelbäume am Ufer sowie hochalpinen Bergen im Hintergrund
Wildnis gibt's auch in Europa, wie der Laghi di Fusine in den italienischen Alpen zeigt. Bildrechte: imago images/RolandBarat

Das Gute an den schlechten Nachrichten ist, dass man meistens etwas dazulernt. Und das Gute an den Nachrichten zum Zustand unserer Mutter Erde ist, dass man meistens die Wildnis noch ein bisschen besser kennenlernt. Auch vor der eigenen Haustür. Oder haben Sie schon mal was von einem Vogel gehört, der den putzigen Namen Würgfalke trägt?

Dieses Raubtier kommt zwar vor allem in Zentralasien vor, sein Verbreitungsgebiet reicht aber bis nach Österreich. Und in der frühen Neuzeit zählte sogar mal Deutschland dazu. Aber auch im östlichen Mitteleuropa wird man den größten der Falken heute nur schwer zu Gesicht bekommen (immerhin schaffte es kurz vor der Jahrtausendwende ein Paar in die Sächsische Schweiz). Die Art gilt – nicht nur in Europa – als stark gefährdet. Der Bestand ist seit dem 19. Jahrhundert um neunzig Prozent zurückgegangen. Immerhin: Zurzeit geht es wieder aufwärts mit den Würgfalkenzahlen, ganz langsam.

Würgfalke: Großer Vogel mit braun-weißem Gefieder, kleinem spitzen Schnabel und schwarzen Augen sitzt im bunten Herbstlaub (Hintergrund unscharf)
Falls Sie gerne mal einen Würgfalken sehen wollten. Schön, oder? Bildrechte: imago/imagebroker

Die Zukunft dieser Vögel ist trotzdem alles andere als gesichtert, wie die vieler anderer Tierarten auch. Das zeigt der Bericht zum Zustand der Natur in der EU, den die EU-Umweltagentur EUA jetzt herausgegeben hat. "Unsere Bewertung zeigt, dass die Erhaltung der Gesundheit und Widerstandsfähigkeit der Natur und des Wohlergehens der Menschen grundlegende Änderungen in der Art und Weise erfordert, wie wir Lebensmittel erzeugen und konsumieren, Wälder bewirtschaften und nutzen und Städte bauen", mahnt EUA-Exekutivdirektor Hans Bruyninckx.

Virginijus Sinkevičiu, EU-Kommissar für Umwelt, Meere und Fischerei, ergänzt: "Der Bericht zeigt sehr deutlich, dass wir weiterhin Teile unserer natürlichen Lebensgrundlage verlieren. Bis zu 81 Prozent der Lebensräume auf EU-Ebene befinden sich in einem mangelhaften Zustand, wobei Moore, Grünland und Dünenlebensräume sich am meisten verschlechtern." Der Bericht sei der umfassendste Gesundheitscheck der Natur, der in der EU jemals durchgeführt wurde.

Wichtige Erkenntnisse:

  • Vögel: Weniger als die Hälfte der EU-Vogelarten sind in einem guten Erhaltungszustand, Tendenz sinkend. Der Anteil der Vögel mit mangelhaftem oder schlechtem Erhaltungszustand ist innerhalb von sechs Jahren von 32 auf 39 Prozent gestiegen. Positive Entwicklungen sind bei Vögeln zu beobachten, die in Feuchtgebieten oder am Meer leben.
  • Lebensräume: Gerade bei Grünland- und Dünengebieten ist eine starke Verschlechterung des Zustands zu sehen, den Wäldern geht es aber deutlich besser. Über achtzig Prozent der Lebensräume sind in mangelhaftem oder schlechten Zustand.
  • Meere: Der Erhaltungszustand ist schwierig zu bewerten, weil Daten zu vielen Arten fehlen.
  • Größte Bedrohung: … sind intensive Landwirtschaft, Zersiedelung, nicht-nachhaltige Forstwirtschaft, aber auch Umweltverschmutzung und übermäßige Jagd und Fischerei. Auch Veränderungen an Gewässern sowie invasive Arten und der Klimawandel tragen zu einer Verschlimmerung bei. Die Aufgabe landwirtschaftlicher Flächen hingegen trägt zur Verbesserung bei.

Wie der Naturschutzbund NABU gegenüber der Tagesschau erklärte, sei die Situation speziell in Deutschland nicht anders als in der gesamten EU. Die Umweltschützer verweisen auf Arten wie die Lerche oder – um noch ein eher unbekanntes Tier mit lustigem Namen in den Ring zu werfen – das Haselhuhn, ein prächtiger, kleiner Waldvogel. Es fehle schlicht an Wildnis, stattdessen dominiere Landwirtschaft, Zersiedelung und "der Ausbau sinnloser Verkehrsachsen", so Magnus Wessel von der Umweltorganisation BUND gegenüber der Tagesschau.

Warum die Landwirtschaft?

Obst und Gemüse sind gesund, klar. Monokulturen, also der großflächigen Anbau einer einzelnen Art, ist es aber nicht, vor allem nicht für die Umwelt und Artenvielfalt. Hinzu kommt der Einsatz von Pestiziden oder Dünger. Ein großer Teil der Landwirtschaftsflächen geht zudem für den Futteranbau für Nutztiere drauf, was wiederum auf den hohen Konsum von tierischen Produkten wie Fleisch oder Milchprodukte zurückzuführen ist. Bei landwirtschaftlichen Produkten sollte generell auf Bioprodukte zurückgeriffen werden, die von Anbauverbänden wie Bioland und Demeter zertifiziert wurden, damit naturnahe Anbaubemühungen gewährleistet werden können.

Ein erster Schritt zur Besserung Zustands könnte eine Reform der Agrarpolitik in der Europäischen Union sein, die derzeit im EU-Parlament diskutiert wird. Daraus könnten klare Bedingungen für Agrarsubventionen folgen. So müssten landwirtschaftliche Betriebe dann Maßnahmen ergreifen, die Artenvielfalt zu schützen.

Was ist Zersiedlung?

Im Prinzip das, wonach es klingt: das eher unkontrollierte Bauen von Ortschaften und Siedlungen in den unbebauten Raum hinein. Im Gegenzug dazu stehen kompakte, zusammenhängend gebaute Ortschaften und Städte, die von ihrer Multifunktionalität und Infrastruktur profitieren und somit auch nicht unbedingt vom Individualverkehr abhängig sind. Zersiedlung betrifft zum einen das Wachsen von Wohnvororten in den ländlichen Raum hinein, zum anderen dünn besiedelte Siedlungen im ländlichen Raum selbst.

Vielleicht fragen Sie sich an dieser Stelle noch, warum ein Tier mit einem so bedrohlichen Namen wie Würgfalke schützenswert sei. Keine Sorge, der auch Sakerfalke genannte Vogel hat weder eine besonders martialische Art seine Beute zu erlegen, noch ist ihm stetig zum Speien zumute. Der Name leitet sich aus einer alten lateinischen Bezeichnung ab und ist dazu noch falsch: Würgfalken erlegen ihre Beute durch Bisse. Wenn sie denn erstmal welche finden.

flo

Link zur Studie

Die Studie State of nature in the EU erschien am 19. Oktober 2020 und kann hier heruntergeladen werden.

Dieses Thema im Programm: Das Erste | tagesschau | 19. Oktober 2020 | 12:00 Uhr

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