Urban Mining Elektroschrott: Das Rohstofflager in unseren Schubladen

Ob es alte Smartphones sind, der kaputte Computer, Kopfhörer oder all die anderen technischen Geräte, die wir zuhause in unseren Schubladen liegen haben: Sie alle sind eine wertvolle Rohstoffquelle, die gerade in Krisenzeiten immer wichtiger wird. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler rufen deshalb jetzt zum Ausmisten auf, um die wertvollen Rohstoffe, die im Elektroschrott stecken, wieder nutzbar zu machen. Lohnt sich das dann wirklich so sehr?

Alte Handys und Smartphones, Akkus und Kabel
Es sind vor allem die kleinen Elektrogeräte, die wir in Schränken und Schubladen horten. Bildrechte: IMAGO / Karina Hessland

Eine Kiste vollgestopft mit Kabeln, von denen kein Mensch mehr weiß, zu welchem Gerät sie eigentlich einmal gehört haben, hat wohl beinahe jeder Haushalt irgendwo im Keller stehen. Und dann gibt es da noch eine ganze Sammlung alter Mobiltelefone, die Spielekonsole von vor zwanzig Jahren und bestimmt ist da auch noch irgendwo ein alter VHS-Rekorder. Diese Elektronikkleingeräte horten wir Europäer nämlich regelrecht in unseren Haushalten. Und das, obwohl es ja eigentlich Elektroschrott ist. Denn sind wir mal ehrlich: Aus der Kabel-Kiste im Keller wird man wohl nie wieder eins herausfischen.

Millionen Tonnen Rohstoffe in der Schublade

Der weltweite Berg an Elektroschrott wächst den Vereinten Nationen zufolge jedes Jahr um mehr als 50 Millionen Tonnen an – im Jahr 2021 sollen es sogar 57 Millionen Tonnen gewesen sein. Der ganze Müll wiege demnach mehr als die Chinesische Mauer, das schwerste künstliche Bauwerk der Welt.

Europa produziert im weltweiten Vergleich viel sogenannten e-waste. Das Entsorgungsunternehmen Clear It Waste hat auf Grundlage von Zahlen des UN-Programms Global E-Waste Statistics Partnership eine Rangliste erstellt, die zeigt, wie viel Elektroschrott in den Haushalten anfällt. Spitzenreiter ist demnach Norwegen mit 57 Kilogramm pro Haushalt, gefolgt von Großbritannien mit 55 Kilogramm und Irland mit 52,4 Kilogramm. Deutschland liegt auf Platz 16 mit 40,7 Kilogramm Elektroschrott pro Haushalt. Bis 2030 rechnen die Vereinten Nationen damit, dass weltweit jährlich 74 Millionen Tonnen Elektroschrott anfallen werden. Fast eine Verdopplung in nur 16 Jahren, so die Untersuchung der UN University: "Damit ist Elektroschrott der weltweit am schnellsten wachsende Haushaltsabfallstrom, der vor allem durch den höheren Verbrauch elektrischer und elektronischer Geräte, kurze Lebenszyklen und wenige Reparaturmöglichkeiten angetrieben wird."

Auf einer Infografik sind die Mengen an Elektroschrott, die europäischen Ländern pro Haushalt anfallen, aufgelistet. Norwegen ist mit 57 Kilogramm auf Platz eins, Deutschland mit 40,7 Kilogramm auf Platz 16.
Wie viel Elektroschrott fällt in den Europäischen Haushalten an? Bildrechte: Clear it Waste Services Ltd

Dabei liegen laut dem Elektroindustrie-Verband ZVEI vor allem kleine Geräte ungenutzt in unseren Haushalten herum. Das beste Beispiel sind wohl Smartphones, die alle paar Jahre durch ein neues Gerät ersetzt werden. Dem Umweltverein PowerShift zufolge lagern in Deutschland rund 125 Millionen Smartphones in den Haushalten, in denen circa drei Tonnen Gold, 30 Tonnen Silber und über tausend Tonnen Kupfer steckten. In Smart-TVs, Waschmaschinen und Kopfhörern stecken bis zu 69 verschiedene Elemente. Im Prinzip, erklärt die Professorin für Abfall- und Kreislaufwirtschaft an der TU Dresden, Christina Dornack, finde sich in unserem Elektroschrott so ziemlich alles, was das Periodensystem hergebe.

Wenn wir eine Mengen-Betrachtung machen, dann sind weit über 90 Prozent Kunststoff und Glas und der Rest sind dann Metalle, die wir zurückgewinnen wollen.

Prof. Dr.-Ing. Christina Dornack, Technische Universität Dresden

Allerdings seien die Mengen in den Kleingeräten teils sehr gering. So ein Smartphone zum Beispiel bestehe zum größten Teil aus Kunststoff und Glas. Denn aktuelle Dünnschicht-Technologien sorgten dafür, dass immer nur sehr geringe Mengen verbaut werden müssten. Dennoch sagen Fachleute, dass Edelmetalle wie Gold, Platin und Silber in typischerweise höheren Konzentrationen im Elektroschrott vorkommen als in den Erzen, aus denen man sie gewinne.

Krisen treiben die Preise in die Höhe

Die Recyclingquote beim Elektroschrott muss dringend und schnell steigen, mahnen britische Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der Royal Society of Chemistry (RSC) jetzt an. Sie sagen ganz klar: Wir sollten den Elektroschrott "abbauen" und nicht die Rohstoffe in der Erde – Urban Mining nennen Fachleute den "Bergbau" in den privaten Haushalten. Die Forschungsgesellschaft bemängelt vor allem, dass der Abbau neuer Edelmetalle für die Herstellung neuer Elektrogeräte nicht nachhaltig sei. Außerdem ist ihr Abbau auch schlecht fürs Klima: Der Bergbau, den wir für all diese Ressourcen brauchen, verursacht etwa ein Zehntel aller weltweiten CO2-Emissionen. Recycelt man dagegen die Rohstoffe aus dem Elektromüll sinken die Emissionen der UN zufolge auf ein Viertel davon.

Was ist Elektroschrott? Die UN-Organisation ITU definiert Elektroschrott als alles, was einen Stecker oder eine Batterie hat: vom Fernseher über Radiowecker, bis hin zu Smartphones, Kühlschränken oder Computern. Der Elektroschrott stammt zumeist aus privaten Haushalten und der Industrie.

Die Forscherinnen und Forscher fordern deshalb in einer neuen Kampagne, dass es jetzt eine globale Anstrengung geben muss, um den Berg an Elektroschrott wieder nutzbar zu machen, anstatt neue Rohstoffe abzubauen. Und es wäre für Europa auch aus finanziellen Gründen in Krisenzeiten von Vorteil, die wertvollen Stoffe, die schon da sind, auch in den Ländern zu behalten. Denn geopolitische Unruhen wie etwa der Krieg in der Ukraine führten zu enormen Preissprüngen – so wie etwa bei Nickel, das ein Schlüsselelement für Batterien von Elektrofahrzeugen sei. Und auch die Corona-Krise hat für Unsicherheiten auf dem Weltmarkt gesorgt, während die Nachfrage weiter gestiegen sei. Der Preis für Lithium sei deshalb in den vergangenen zwei Jahren um fast 500 Prozent gestiegen. Und dann sind die Ressourcen natürlich auch endlich, merkt die RSC an.

Unsere Konsumgewohnheiten im Bereich Technologie sind nach wie vor nicht nachhaltig und setzen uns dem Risiko aus, dass uns die benötigten Rohstoffe ausgehen.

Prof. Tom Welton, Royal Society of Chemistry

Die Vorkommen von Elementen wie Gallium, Silber, Indium oder Tantal könnten demnach schon im nächsten Jahrhundert erschöpft sein.

Letzter Ausweg Kreislaufwirtschaft

Für die Dresdner Professorin Dornack liegt die Lösung für das Problem auf der Hand: Wir müssen mehr Elektromüll recyceln – und die wertvollen Rohstoffe aus den alten für unsere neuen Geräte verwenden. "Das ist ja das, was wir als Kreislaufwirtschaft schon seit Jahren propagieren", sagt sie. Man müsse sich unabhängig machen von Rohstoffimporten.

Wir sind gerade in Deutschland ein rohstoffarmes Land, wir müssen fast alles importieren. Und wenn wir nicht von den Weltmarktpreisen und schwankender Verfügbarkeit abhängig sein wollen, dann müssen wir recyceln.

Prof. Dr.-Ing. Christina Dornack, Technische Universität Dresden

Gerade bei den Elektronikprodukten sei ein Abfall-Kreislauf sogar gut möglich, erklärt Professorin Dornack weiter. Denn da sei eine gewisse Sättigung am Markt. So hätten in Deutschland beispielsweise rund 90 Prozent der Menschen ein Mobiltelefon. "Das heißt also, hier geht es immer nur um Ersatz, darum, etwas Altes mit etwas Neuem zu ersetzen. Deshalb bräuchten wir keine neuen Ressourcen, wenn es uns gelingen würde, die Alten zu einhundert Prozent zu verwerten", so Dornack. Der Kreislauf könnte eigentlich geschlossen werden, die Rohstoffe dazu seien da.

Doch obwohl die Menge an Elektroschrott jedes Jahr um Millionen Tonnen weltweit steigt, werden weniger als 20 Prozent gesammelt und recycelt. Beim Rest wissen wir nicht sicher, wo er landet. Ein Teil davon schlummert in Kellern oder wird weiterverkauft, ein Teil davon landet im normalen Haushaltsmüll oder auf den großen Müllhalden dieser Welt. Wertvolle Ressourcen, die teilweise verloren gehen. Die Europäische Union fordert von ihren Mitgliedsstaaten eine Recyclingquote von 65 Prozent - Deutschland lag zuletzt aber erst bei rund 50 Prozent. Dennoch vermeldet das Statistische Bundesamt einen positiven Trend: 2020 wurden demnach mehr als elf Prozent mehr Altgeräte recycelt als im Vorjahr.

Die Fachleute fordern die Politik dazu auf, entsprechende Rahmenbedingungen zu schaffen. So könnte Elektroschrott einfach analog zu Glas, Papier und Plastik routinemäßig gesammelt werden. Außerdem müsse die Recyclinginfrastruktur überholt werden. Die Politik müsse Anreize schaffen, da das Recycling von Elektrogeräten momentan teils noch recht teuer ist. Vor allem Metallverbindungen und Seltene Erden lassen sich nur schwer wieder aus den Produkten heraustrennen.

Produkte müssen so gedacht werden, dass sie auch recyclingfähig sind.

Prof. Dr.-Ing. Christina Dornack, Technische Universität Dresden

Es gibt mehrere Bakterien- oder Viren-basierte sowie thermische Ansätze und Methoden, die aber bisher noch nicht rentabel in großem Maßstab genutzt werden können. Im besten Fall allerdings vermeiden die Hersteller in der Zukunft Verbundwerkstoffe oder bringen sie so zusammen, dass sie sich wieder trennen lassen, sagt die Dresdner Professorin Dornack. "An dem Punkt sagen wir, Kreislaufwirtschaft fängt nicht erst in der Abfalltonne an."

Wohin mit all dem Schrott?

Die britische Fachgesellschaft Royal Society of Chemistry hat eine Umfrage gemacht, um ein Meinungsbild bei den Verbraucherinnen und Verbrauchern einzuholen. Dabei kam heraus, dass den meisten Menschen in Großbritannien Nachhaltigkeit wichtig ist. Allerdings wüssten viele nicht, wohin mit dem eigenen Elektroschrott, damit er sicher recycelt wird.

Elektroschrott liegt entsorgt in einem Container
Elektroschrott gehört niemals in den Hausmüll, sondern in eine Sammelstelle. Bildrechte: Colourbox.de

Das ist hierzulande kein so großes Problem: Umfragen zeigen, dass viele Menschen wissen, dass der Elektroschrott auf den kommunalen Wertstoff- oder Recyclinghof oder in andere Sammelstellen gehört. Außerdem müssen große Elektrohändler die Geräte zurücknehmen, auch einige kleinere Händler bieten einen Rücknahmeservice an. Und dann gibt es auch noch zertifizierte Schrotthändler, bei denen man womöglich sogar noch etwas Geld bekommt.

Wer nicht weiß, wo genau eine Sammelstelle zu finden ist, kann sich auf Online-Portalen sogar passende Anlaufstellen anzeigen lassen. Außerdem finden sich im Internet zahlreiche Organisationen, die alte Elektrogeräte annehmen und ihnen wieder zu einem neuen Leben verhelfen. Dieser Ansatz ist auch schon in der Industrie angekommen: Der Tech-Riese Apple nimmt zum Beispiel Altgeräte in Zahlung, bereitet sie auf oder recycelt sie, um die Rohstoffe weiter zu nutzen. Ideal wäre es, so TU-Professorin Dornack, wenn die Industrie auf eine nachhaltige, modulare Produktion setzen würde, bei der ganze Bauteile alter Geräte für neue genutzt werden könnten.

alte Kabel, Akkus und Notebooks liegen in einem Container
Es ist Zeit, die Kiste mit den alten Kabeln endlich zu entsorgen, sagen die britischen Fachleute. Bildrechte: IMAGO / Karina Hessland

Die britische Fachgesellschaft möchte die Menschen nun ermutigen, ihre alten Geräte zu Recyclingzentren zu bringen, anstatt sie einfach in Schubladen zu stopfen und sie dort zu vergessen. Sollten die Geräte noch funktionieren, dann raten Fachleute, sie bestenfalls an jemanden zu verschenken oder sogar zu verkaufen, der sie noch aktiv nutzt. Aber manchmal hat der technische Fortschritt das Gerät einfach überflüssig gemacht – so wie beispielsweise beim VHS-Rekorder. "Wenn wir keine VHS-Kassetten mehr schauen, weil einfach die die Technik weitergegangen ist, dann lässt sich das nicht ändern", sagt TU-Professorin Christina Dornack.

Und dann sollte der Rekorder, den keiner mehr braucht, auch in den Kreislauf gegeben werden, der unsere Ressourcen schonen soll. Wenn es uns jetzt gelinge, so Dornack, "diese Keller leerzuräumen" und es einen Ruck gebe, dann könnten mit einem Mal große Stoffmengen ins Recylclingsystem kommen. Und das wäre ökonomisch sehr sinnvoll, denn "je mehr wir da bekommen, desto preiswerter wird es", so die Fachfrau für Abfall und Kreislaufwirtschaft.

Es wäre hervorragend, wenn wir diesen Schatz jetzt mal heben würden. Dann könnten wir auch besser bilanzieren, wie viel im Umlauf ist.

Prof. Dr.-Ing. Christina Dornack

Das große Problem, das Dornack und ihre Kolleginnen und Kollegen sehen, ist jedoch, dass der Anreiz derzeit nicht groß genug ist, damit die Menschen motiviert sind, ihre alten Elektrogeräte im Haushalt einzusammeln und zur Sammelstelle zu bringen. "Es muss uns gelingen, ein wirklich Sinnvolles Sammelsystem zu etablieren", sagt die Dresdner Forscherin.

Sie begrüßt deshalb auch den Vorschlag der Deutschen Bundesstiftung Umwelt, ein Pfandsystem für Smartphones einzuführen. "Wenn ich ein neues Mobiltelefon in Umlauf bringe und sage, hier sind 50 Euro Pfand drauf, das klappt prima", erläutert Dornack. "Dann bringen die Leute das definitiv zurück, denn es hat einen Gegenwert in so einem Pfandsystem. Das ist auch eine Sache, über die wir nachdenken, denn wir versuchen ja, verschiedene Strategien zu entwickeln." Nach den positiven Erfahrungen in der Getränkeindustrie stehe ein Pfandsystem ganz weit oben auf der Maßnahmenliste.

Auf einer Infografik sind die Ergebnisse einer repräsentativen Umfrage zu einem Pfandsystem für Smartphones visuell dargestellt. Demnach halten 56 Prozent der Befragten die Idee für sehr gut, 31 Prozent für gut, acht Prozent für nicht so gut und drei Prozent für schlecht.
Die Mehrheit der Deutschen hält ein Pfandsystem für Smartphones für eine sinnvolle Sache. Bildrechte: Deutsche Bundesstiftung Umwelt

Sowohl die Verbraucherinnen und Verbraucher als auch Industrie und Handel müssen aber auch ihre Einstellung weg von der Konsumgesellschaft ändern, sagt TU-Professorin Dornack. Man müsse sich bei Neu- oder Ersatzanschaffungen immer fragen, wie kann ich es so realisieren, dass ich das Produkt sehr lange nutzen kann? "Das ist auch an die Industrie gerichtet", betont Dornack. "Wenn ich mir ein neues Mobiltelefon kaufe, dass der Verkäufer dann sagt, pass auf in zwei Jahren, kannst du dir einen neuen Akku abholen. Das ist im Preis schon mit drin." Und sie ergänzt: Dass der Erdüberlastungstag in Deutschland dieses Jahr schon am 4. Mai war, müsse allen sehr zu denken geben, Produkte wirklich länger zu nutzen und weniger zu konsumieren.

(kie)

2 Kommentare

Sharis vor 1 Wochen

>>"Wenn ich ein neues Mobiltelefon in Umlauf bringe und sage, hier sind 50 Euro Pfand drauf, das klappt prima", erläutert Dornack. "Dann bringen die Leute das definitiv zurück, denn es hat einen Gegenwert in so einem Pfandsystem. <<

Sind 50 Euro Pfand für die Rohstoffe im Smartphone denn überhaupt realistisch? Ich glaube nicht.

Ich sammle seit einigen Jahren Elektroschrott, der bei mir selbst, Familie & Nachbarn anfällt & schicke den dann an ein Recyclingunternehmen.
Je nach Art der Teile werden da ein paar Euro bzw. ein paar Cent PRO KILO bezahlt.

Also erhalte ich bisher entweder nur einen Bruchteil des tatsächlichen Wertes oder aber der Herr Dornack hat dazu utopische Vorstellungen.

wer auch immer vor 1 Wochen

Eigentlich ist es egal wo, aber nicht wie diese Art Rohstoffe gewonnen werden.
Das Verbrennen der Kunststoffummantelung und anderer Komponenten ist eben die billigste Art um Geld zu machen. So sind wir Menschen.