Forschung im Extremklima Warum trocknet das Tote Meer aus?

Wellnessurlaub am Toten Meer - noch 2013 erholten sich dort mehr als 80.000 Deutsche. Das Gewässer ist reich an heilenden Mineralien, einige Krankenkassen zahlen Neurodermitis-Patienten dort sogar Kuren. Doch diese Oase ist in Gefahr, weil sie immer mehr Wasser verliert. Inzwischen stehen die Hotels weit weg von den ursprünglichen Stränden, vielerorts stürzt die Erde ein. Warum das so ist und was man vielleicht dagegen tun kann, hat ein internationales Expertenteam vor Ort erforscht.

Dieses Foto wurde mit Hilfe eines Heliumballons aus einer Höhe von 150 m am Ostufer des Toten Meeres aufgenommen. Solche „Selfies“ sind wissenschaftlich sehr wertvoll, denn sie liefern Daten zur Morphologie des sich zurückziehenden Sees und den damit verbundenen Gefahren wie Erdfällen, Bodensenkung und Erdrutschen. Jede ehemalige Küstenlinie steht für einen Zeitraum von einem Jahr. Zusammen bilden sie faszinierende Strukturen entlang der Küste. In sehr flachem Wasser bildet sich eine weißliche Küstenlinie aus Salz. Das kontinuierliche Absinken des Seespiegels, welches jährlich etwa einen Meter beträgt, ist deutlich an der Vielzahl ehemaliger Küstenlinien zu erkennen.
Bildrechte: MDR/Djamil Al-Halbouni & Eoghan Holohan, HZP & GFZ

Um ein Drittel seiner Oberfläche ist das Tote Meer bereits geschrumpft. Rundherum reißt der Boden auf, Krater reihen sich aneinander, manchmal bis zu 20 Meter tief. Schuld ist unter anderem der Kampf ums Trinkwasser in dieser extrem trockenen und politisch instabilen Region. Welche Gründe außerdem eine Rolle spielen, haben Klima- und Umweltforscher und Geowissenschaftler des Helmholtz-Zentrums für Umweltforschung Leipzig (UFZ) und des Karlsruher Instituts für Technologie (KIT) gemeinsam mit Partnern vor Ort untersucht.

90 Prozent des Jordan-Wassers entnehmen die Menschen als Trinkwasser, bevor der Fluss das Tote Meer erreicht. Aber auch Verdunstung spiele eine große Rolle, sagt der Meteorologe Dr. Ulrich Korsmeier. Kräftige Winde, die am Abend direkt nach Sonnenuntergang auftreten, verstärkten dieses Phänomen zunehmend.

Erdstürze gefährden gesamte Region

Mit dem Wasserspiegel des Sees sinken auch die Grundwasserpegel. Das nachströmende Süßwasser löst unterirdische Salzschichten. Dadurch entstehen Hohlräume, die dann plötzlich einbrechen - unter Gebäuden, unter Straßen und auf Feldern. Solche Gefahrenstellen vorherzusehen und unter Kontrolle zu bringen, war ebenfalls ein Ziel der Wissenschaftler.

Wenn wir verstehen wollen, was da geschieht und warum, brauchen wir verlässliche Daten. Daraus können wir dann Vorhersagemodelle ableiten: zum Beispiel, wie werden sich Verdunstung und Wasserverfügbarkeit entwickeln? Wir können Risiken einschätzen und Warnsysteme entwickeln.

Prof. Christoph Kottmeier, Klimaforscher (KIT)
Oktokopter am Toten Meer
Oktokopter liefern Luft- und Thermalbilder mit einer sehr guten räumlichen Auflösung. Die Forscher nutzen sie, um digitale Geländemodelle zu erstellen oder unterirdische Grundwasserzuflüsse zu identifizieren. Bildrechte: UFZ/André Künzelmann

Im Rahmen des Projektes DESERVE (Dead Sea Research Venue) haben die Forscher versucht, die bereits vorhandenen geologischen, meteorologischen und hydrologischen Daten der Region zu vervollständigen. Sie bauten Klima- und Regenstationen auf, installierten Wasserstandsmesser, entnahmen mit Forschungs-Tauchern Proben und ließen für Luft- und Thermalbilder eine Drohne aufsteigen. So entstanden ein präzises digitales Geländebild, ein Grundwasserfließmodell und verschiedene Prognosemodelle. Ohne Experten vor Ort wäre das jedoch nicht möglich gewesen, bestätigt Christian Siebert vom UFZ in Leipzig.

Man kann nicht als Forscher in so eine Region gehen und sagen, 'wir wissen, wie es geht und sagen Euch das jetzt mal'. Man muss immer wieder diskutieren, man muss sich gegenseitig anhören, man muss Vertrauen aufbauen und gerade das ist nötig, um überhaupt Zugang zu erlangen. Denn die Behörden in so wasserknappen Regionen sind extrem sensibel. Das sind strategische Ressourcen und da kann man nicht einfach als Ausländer hingehen und sagen, 'gebt mir mal all eure Daten'.

Christian Siebert, Zentrum für Umweltforschung Leipzig.

Die Spannungen zwischen den Anrainern Israel, Jordanien und Westjordanland erschwerten die Forschungsarbeit zusätzlich. Immer wieder wurden Proben des Teams am Flughafen von Tel Aviv oder an der Grenze zu Jordanien eingezogen. Dabei soll das DESERVE-Projekt den Menschen in der Region helfen, indem voraussehbar ist, wie viel Wasser verfügbar sein wird und wie sich die Ressourcen entwickeln werden. Frühwarnsysteme und Handlungsempfehlungen könnten dann dazu beitragen, die Krise aufzuhalten.

Aber das sind keine Ergebnisse, die aufs Tote Meer beschränkt ist, sondern selbstverständlich in anderen ähnlich betroffenen Gebieten der Welt genauso Gültigkeit haben.

Christian Siebert

Das DESERVE-Projekt läuft in diesem Jahr aus. In Zukunft sollen Nachwuchs-Wissenschaftler aus Deutschland, Israel, Jordanien und Palästina die Arbeit fortsetzen - Pläne dafür gibt es schon, doch noch keine konkreten Zusagen.

Über dieses Thema berichtet MDR Aktuell auch im: Radio | 13.09.2017 | 11:21 Uhr